Autoindustrie Weiter Ärger um neues Kältemittel in Auto-Klimaanlagen

Die EU lässt deutsche Autohersteller abblitzen, obwohl das neue umweltfreundlichere Kältemittel Autos in Brand setzen und giftige Stoffe freisetzen soll. 

Nachdem Daimler massive Sicherheitsbedenken gegenüber dem neuen Kältemittel R1234yf geäußert hatte, hat die EU-Kommission nun auf den Antrag des Herstellers reagiert Quelle: dpa

Der Streit um ein neues umweltfreundlicheres Kältemittel für Auto-Klimaanlagen geht weiter. Die EU-Kommission hat jetzt auf einen Antrag des deutschen Autoherstellers Daimler reagiert: Die Brüsseler Behörde sieht "keinen Grund", den Autobauern mehr Zeit zur Einhaltung von EU-Vorgaben zu gewähren, wie aus einem Schreiben der Kommission hervorgeht, das der Wirtschaftswoche  vorliegt.

Die EU-Kommission fragt stattdessen, wie die Bundesregierung verhindert, dass Autos zugelassen werden, die nicht dem Gesetz entsprechen, also mit dem alten Kühlmittel befüllt sind. Sie begrüßt jedoch ausdrücklich, dass das zuständige Kraftfahrtbundesamt (KBA) die Sicherheit des neuen Kältemittel R1234yf weiter untersucht.

Seit dem 1. Januar sieht ein EU-Gesetz vor, ein umweltfreundlicheres Kältemittel einzusetzen. Laut einer EU-Richtlinie müssen Fahrzeuge, deren Typgenehmigung nach dem 1.1.2011 erteilt wurde, mit dem Kältemittel R1234yf ausgestattet sein, das rund 99 Prozent klimafreundlicher ist als die bisher verwendete Substanz R134a ersetzen.

Sicherheitsbedenken bei deutschen Autobauern

Doch deutsche Autobauer, allen voran Daimler, haben Sicherheitsbedenken vorgebracht. Daimler stellte die Gefahr in einem Test im September des vergangenen Jahres als Erster fest und zog die Notbremse: Bei Unfällen könne R1234yf zu einem enormen Risiko für Insassen werden, teilte das Unternehmen mit: Autos gingen bei internen Crashtests in Flammen auf und hochgiftige Flusssäure trat aus. Auch Ersthelfer wären in Gefahr. Daimler rief deshalb 705 Mercedes-SL-Sportwagen zurück, die als erste Serienautos mit dem neuen Kältemittel auf dem Markt waren. Zurück in der Werkstatt, füllten die Mechaniker wieder die alte, nicht brennbare Chemikalie ein.

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) gibt sich in einer ersten Reaktion auf die EU-Antwort zurückhaltend: „Die Tests, mit denen die Sicherheit des neuen Kältemittels überprüft werden sollen, gehen weiter“, sagt ein Sprecher des VDA.

Die größten Rückrufaktionen
Oktober 2003: Wegen eines Motordefekts ordert der japanische Autobauer Nissan weltweit 2,56 Millionen Fahrzeuge zurück. Betroffen sind 25 Modellreihen, die zwischen April 1998 bis September 2003 hergestellt wurden. In Deutschland und Europa sind die Modelle Almera, Almera Tino, Primera und der Geländewagen X-Trail betroffen. In den USA werden etwa 700.000 Fahrzeuge und in Japan 1,02 Millionen Wagen zurückgerufen. Quelle: dpa
Januar 2004: Chrysler ruft 2,7 Millionen Autos der Modelljahre 1993 bis 1999 wegen möglicher Probleme mit dem Automatikgetriebe zurück. Quelle: ap
November 2004: In Nordamerika sollen fast 1,5 Millionen von General Motors gebaute Fahrzeuge überprüft werden. Rund 947.000 Geländewagen müssen wegen einer schadhaften Heckleuchte repariert werden. Bei anderen Autos gibt es Probleme mit dem Gaspedal. Quelle: dpa
März 2005: Daimler-Chrysler ruft weltweit 1,3 Millionen Mercedes-Personenwagen zur Überprüfung von Elektronik und Bremsen in die Werkstätten zurück. Bei bestimmten Modellen vom Baujahr 2001 an werden Spannungsregler der Lichtmaschine, die Software der Stromversorgung sowie Bremsanlagen geprüft. Quelle: ap
April 2005: Wegen möglicher Sicherheitsmängel sollen mehr als zwei Millionen Fahrzeuge des US-Autobauers General Motors in die Werkstatt. Darunter sind 1,5 Millionen Kleinlaster und Geländewagen, bei denen es Problemen bei den Sitzgurten gibt. Von dem Rückruf sind hauptsächlich Fahrzeuge in den USA betroffen, darunter der Cadillac Escalade, der Yukon und der Hummer H2. Foto: AP Quelle: ap
Dezember 2007: Ford ordert 1,17 Millionen Fahrzeuge wegen eines defekten Motorsensors zurück. Es handelt sich um Lastwagen, Geländewagen und Vans der Baujahre 1997 bis 2003. Quelle: Reuters
Oktober 2009: Ein kleiner Schalter beschert dem US-Autobauer Ford die größte Rückrufaktion seiner Geschichte. Weil ein defekter Geschwindigkeitsregler Feuer auslösen kann, muss der Hersteller in den USA 4,5 Millionen in die Werkstätten rufen. Von dem seit langem bekannten Defekt des Tempomat-Schalters sind damit seit 1999 insgesamt rund 16 Millionen Fahrzeuge betroffen. Die Modelle stammen aus den Jahren 1992 bis 2003. Quelle: Reuters

Auf der jüngsten Sitzung des VDA-Präsidiums hatte sich die deutsche Autoindustrie jedoch nicht über ein gemeinsames Vorgehen einigen können: Ford-Chef Bernhard Mattes vermutete, ein Konstruktionsfehler am Mercedes habe das Feuer entfacht, Ford habe keine Probleme mit R1234yf. Dies äußerten auch fünf weitere Hersteller bei einer Befragung durch das Kraftfahrtbundesamt. Sechs andere nutzen vorsichtshalber wieder das alte, klimaschädliche Mittel.

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Die gesamte Automobilindustrie hatte sich einst für das neue Kältemittel für ab Anfang 2011 neu genehmigte Fahrzeugtypen entschieden, um die EU-Vorgaben zum Klimaschutz zu erfüllen. Als die beiden US-Hersteller DuPont und Honeywell die Substanz nicht in ausreichender Menge liefern konnten, erlies die EU bis Ende 2012 ein Moratorium.

Damit konnte das alte Kältemittel weiter genutzt werden, das klimaschädlicher ist. Die Produktionsprobleme sind mittlerweile jedoch behoben, die Substanz stünde in ausreichender Menge zur Verfügung.

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