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Autonomes Fahren Die deutsche Angst vor Roboterautos

Autonomes Fahren gilt als Zukunftstechnologie. Die Deutschen sind dennoch skeptisch Quelle: dpa

Auf amerikanischen Straßen sind selbstfahrende Autos längst angekommen. Die Deutschen sind von der Technik jedoch nicht begeistert. Tatsächlich leiden die Roboter-Autos unter Problemen – bieten aber auch große Chancen.

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inEs ist der wahrgewordene Traum vieler Science-Fiction-Autoren: Im US-amerikanischen Chandler fahren Autos selbstständig von A nach B, ohne einen Menschen auf dem Fahrersitz. K.I.T.T., der schwarze Sportwagen aus der Serie Knight Rider, rettete sogar regelmäßig die Welt. Den Durchschnittsbürger lässt die neue Technik jedoch kalt – vor allem in Deutschland.

Wie eine neue Studie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) zeigt, kann sich nur rund jeder Zweite vorstellen, in ein selbstfahrendes Fahrzeug einzusteigen. Nur jeder Vierte würde es gutheißen, wenn die Fahrerhäuschen von Bussen und Bahnen leer blieben. Für autonome Verkehrsutopien, so scheint es, ist hierzulande kein Platz – dabei sitzen die Deutschen in ihrer Ablehnung gleich einer ganzen Reihe von Missverständnissen auf.

Besonders skeptisch sind sie in Bezug auf den Klimaschutz. Gerade einmal 42 Prozent der Befragten glauben, dass selbstfahrende Fahrzeuge den CO2-Ausstoß verringern können. Dabei schwärmt die Fachliteratur geradezu von den positiven Effekten des autonomen Fahrens auf die Umwelt. Bis 2050 könnten Automatisierung und Vernetzung beispielsweise die Treibhausgas-Emissionen um bis zu 7,6 Prozent senken, wie das Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums ermittelt hat. So könnten bis zu 30 Prozent an Kraftstoff gespart werden.

Neben dem Klima-Aspekt wollen die Hersteller vor allem mit der Sicherheit punkten. „Automatisiert fahrende Autos können mit ihrer permanenten 360-Grad-Umfeldüberwachung potenziell die Sicherheit im Straßenverkehr erhöhen sowie durch eine gleichmäßige Fahrweise den Verkehrsfluss verbessern“, schwärmt Stephan Hönle, der den Bereich automatisiertes Fahren bei Bosch leitet. Bosch ist eines der großen Unternehmen im Spiel um das autonome Fahren. Erst zu Beginn dieser Woche verkündete der Technikkonzern gemeinsam mit Mercedes-Benz den Start eines Pilotprojektes für einen automatisierten Mitfahrservice in San José.

Doch auch vom Sicherheitsargument sind die Deutschen offenbar wenig überzeugt: Laut VDI-Umfrage hält weniger als jeder Zweite autonome Autos für sicherer als konventionelle Autos. Dieser Eindruck dürfte sich besonders nach den Meldungen um den tödlichen Uber-Unfall im März 2018 verstärkt haben, bei dem ein computergesteuerter Testwagen eine Fahrradfahrerin tötete.

Ausgefeiltere Technik soll solche Fehler künftig vermeiden, versichern die Hersteller, und verweisen stattdessen lieber auf die Fehlerquelle Mensch. Der sorge schließlich für die meisten Unfälle im alltäglichen Verkehr. „Menschliches Verhalten, beziehungsweise Fehler und Leistungsgrenzen, sind in 95 Prozent der Fälle mitursächlich für Verkehrsunfälle“, betont Lutz Eckstein, Vorsitzender der VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik. Ähnliche Zahlen nennt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) in seiner Unfallstatistik. Dort ist von über 90 Prozent die Rede.

Und es gibt noch einen weiteren Aspekt, der die Deutschen beim Thema Sicherheit umtreibt: So fürchten acht von zehn Befragten, die Fahrzeuge könnten durch Hacker manipuliert werden. Das ist nicht völlig aus der Luft gegriffen: Der Amerikaner Andy Greenberg war 2015 in seinem Jeep auf der Autobahn unterwegs, als Hacker die Kontrolle über seinen Wagen übernahmen. Um diese Gefahr zu bannen, fordert der VDI Mindestanforderungen an die Sicherheit. Das könnten zum Beispiel spezielle Systeme gegen Cyberkriminalität sein. Quasi eine Firewall für das Auto. Wahr ist jedoch auch: Stand jetzt existieren diese Systeme nicht in ausreichendem Maße.

Sind die technischen Probleme einmal überwunden, sollen die Vorteile überwiegen, versichert der VDI und hebt die Vorteile für Gesellschaft und Volkswirtschaft hervor. Alte Menschen, die selbst nicht mehr fahren dürfen, bekämen ein Stück ihrer Unabhängigkeit zurück. Pendler einen Teil ihrer Zeit. Und ländliche Regionen könnten wieder besser angebunden werden, versichert Eckstein: „Durch fahrerlose Shuttles lässt sich der öffentliche Personennahverkehr nicht nur in Städten, sondern auch auf dem Land sinnvoll ergänzen, womit der Urbanisierung entgegen gewirkt werden kann.“ Auch der aktuelle Bus- und Zugfahrermangel sei dann kein Problem mehr.

Um die Deutschen von der rosigen autonomen Zukunft zu überzeugen, empfiehlt der VDI den Herstellern einen Bürgerdialog. Immerhin, wenn die Prognosen stimmen, haben sie dafür noch ausgiebig Zeit. So kann sich Eckstein zwar schon in dem kommenden Jahren erste Fahrfunktionen vorstellen, die es dem Fahrer ermöglichen, sich wenigstens zeitweise abzuwenden. Vollautonome Autos auf deutschen Straßen erwartet er jedoch frühestens ab dem Jahr 2025.

Auch Bosch-Experte Hönle glaubt, dass Fahrzeuge erst in der zweiten Hälfte der kommenden Dekade in der Lage sein werden, sich in allen komplexen Stadtverkehr-Situationen komplett alleine zurechtzufinden. Eine Prognos-Studie im Auftrag des ADAC verortet die Roboterautos sogar noch weiter in der Zukunft. Erst ab 2040 würden demnach in größerer Zahl Autos angeboten, die überall völlig autonom fahren können.

Es bleibt also noch etwas Zeit für Politik und Industrie, die technischen Probleme zu beheben und so die Deutschen von der Zukunft der Mobilität zu überzeugen.

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