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Autotest Twizy Renaults Elektrofloh für die Stadt

Rennfahrer Heinz-Harald Frentzen testet den neuen zweisitzigen Renault Twizy im Großstadtverkehr. Was kann das elektrogetriebene Micromobil leisten – und was nicht?

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Heinz-Harald Frentzen hat sich hinter das Steuer des Cityflitzers

Wie soll man so ein Ding nennen? Der Twizy hat vier Räder und ein Lenkrad. Das spricht für ein Auto. Andererseits ist es nur so breit und so lang wie ein Aufsitz-Rasenmäher und so luftig wie ein Motorroller. Weh dem, der damit in ein Unwetter gerät: Eine Heizung fehlt ebenso wie ABS oder der Schleuder-Verhinderer ESP. Türen gibt es nur gegen Aufpreis, und die reichen dann auch nur bis zur Hüfte. Eine elektrisch beheizbare Windschutzscheibe muss genügen, ein Heckfenster ist nicht vorgesehen. Der Renault bietet zwar Sitzplätze für zwei wie in einem Sportwagen, aber die Passagiere hocken wie im Kabinenroller aus den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts hintereinander in Plastikschalen statt Seit’ an Seit’ in weichen Polstern. Als Antrieb wählte der „Créateur d’automobiles“ einen kleinen Elektromotor.

Das Ergebnis kommt einer Fahrt mit einem Autoscooter gleich: Kinder zeigen mit den Fingern auf uns, Autofahrer schütteln sich im Vorbeifahren erkennbar vor Lachen, und auf dem Parkplatz gibt es einen Menschenauflauf. Wer mit dem Twizy – der Name ist ein Kunstwort, gebildet aus Twin für zwei und Easy für einfach – unterwegs ist, braucht gute Nerven und jede Menge Selbstbewusstsein.

Schein und Sein

Unser Testobjekt sieht aus, als hätte man in den Entwicklungslabors von Renault einen jener überdachten C1-Roller, mit dem BMW einst in ein neues Jahrhundert der Straßenmobilität zu starten versuchte, mit einem Quad gekreuzt. Das sind jene urwüchsigen Freizeitmobile, mit denen Halbstarke, Jäger und Bauern heute über Felder und durch die Wälder brettern. Dabei entstand ein Vehikel, das auch in dem Science-Fiction-Film „Transformer“ mitspielen könnte: Auf einem schwarzen, Go-Kart-ähnlichen Fahrgestell ruht eine halboffene, knallbunte Plastikkapsel, die, so scheint es, auf Knopfdruck abgesprengt werden und gen Himmel fliegen kann.

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    Technische Details

    Auf der Suche nach dem Auslöseknopf stelle ich fest, dass die an unserem Testwagen montierten Kunststofftüren zum einen keinen Außengriff besitzen und zum anderen wie bei einem Lamborghini scherenförmig nach oben schwingen, wenn man innen am Hebel zieht. Was für eine Show!

    Spartanische Ausstattung

    Dafür sieht das ganz konventionelle Lenkrad aus, als hätten es die Designer probeweise einem Twingo entnommen und dann vergessen auszutauschen. Auch der hartgeschäumte Fahrersitz sieht nicht besonders einladend aus, vom Notsitz dahinter ganz zu schweigen – nur Menschen mit Gummigelenken nehmen hier gerne Platz. Dafür findet der Fahrer sich umso schneller zurecht: In der Mitte des Cockpits ein ovaler Zentraltacho, links davon zwei Tasten für Gangwahl (vorwärts, rückwärts, parken) und Notblinker – mehr gibt’s nicht.

    Zwei Klappfächer nehmen Kleinzeug auf, ein verschließbares Abteil in der Rückenlehne des Beifahrersitzes notfalls auch die Brötchentüte – das muss im Alltag langen. Wer größeren Transportbedarf hat, kann im Zubehörhandel eine Gepäckbox ordern, die ans Heck geschraubt wird. Auf Wunsch gibt es auch ein Gepäcknetz und einen Beinschutz, aber partout keine Seitenscheiben. Wer also mit dem Elektrofloh durch die Waschanlage fahren möchte, tut gut daran, vorher in einen Taucheranzug zu schlüpfen. Zwei Millimeter Neopren sollten genügen. Und im Winter, bei Eis und Schnee? Dann, so mein Zwischenfazit, lässt man den Kleinen am besten an der Ladestation in der Garage von der Sonne träumen.

    Saus und Braus

    Dank der überschaubaren Größe des Flitzers wird die Parkplatzsuche zum Kinderspiel Quelle: Rudolf Wichert für WirtschaftsWoche

    Aber jetzt muss er ran, auch wenn der Himmel verhangen ist. Also den Stecker gezogen und das Kabel im Klappfach im Bug verstaut. Ich schwinge mich in den Sicherheitskäfig, fädele mich hinter das Lenkrad und schnalle mich mit dem Vierpunktgurt auf dem Sitz fest. Ein Dreh am Zündschlüssel erweckt das Motörchen zum Leben. Ich wähle den Vorwärtsgang, drücke das Fahrpedal und richte mich darauf ein, dass das Wägelchen einen Satz nach vorn macht. Denkste – ich habe vergessen, die Handbremse zu lösen, die sich unter der Lenkradsäule versteckt.

    Klassischer Fehlstart. Beim zweiten Versuch klappt es dafür auf Anhieb. Und ich muss sagen: Es macht Spaß, mit dem Twizy durch die Stadt zu flitzen. Renault hat das „vierrädrige Fahrzeug bis 550 kg“ – so steht es in der Zulassung – konsequent auf Elektroantrieb getrimmt: Der Fahrer hockt auf einem luftgekühlten Lithium-Ionen-Akku, der Elektromotor, der 13 Kilowatt Leistung zu mobilisieren verspricht, ruht samt Untersetzungsgetriebe und Leistungselektronik im Heck. Dank Kunststoffkarosse wiegt der Zweisitzer nur 562 Kilo.

    Elektroautos, die zu haben sind
    VW e-Up! Quelle: Volkswagen
    Porsche Panamera S E Hybrid Quelle: Porsche
    Renault FluenceMarke: Renault Modell: Fluence Preis: ca. 25.950 Euro plus Batteriemiete von 79 €/Monat Reichweite (in km): 185 km Leistung (kw/PS): 70kW/95 PS Quelle: Presse
    Mercedes SLS ed Quelle: Daimler
    Renault TwizyMit futuristischem Design und ohne echte Türen kommt der Twizy daher. Der Zweisitzer ist besonders klein und wendig und für den Stadtverkehr konzipiert. Er kann an jeder Haushaltssteckdose aufgeladen werden. Marke: Renault Modell: Twizy Urban Grundpreis (inkl. MwSt): ab 6990 Euro, zusätzlich fallen mindestens 50 Euro Batteriemiete pro Monat an Reichweite (in km): 100 Höchstgeschwindigkeit (km/h): 80 Stromverbrauch (kWh/100km): 6,3 Quelle: dapd
    Smart ed Quelle: Daimler
    Kangoo RapidDer Elektro-Kangoo soll den städtischen Lieferverkehr sauberer und leiser machen. Er bietet mit bis zu 3,5 Kubikmetern Laderaum soviel Platz wie sein konventioneller Dieselbruder. Das ist möglich, weil die Batterien im doppelten Ladeboden verschwinden. Mit 60 PS ist der Elektro-Kangoo ausreichend schnell.   Marke: Renault Modell: Kangoo Rapid Z.E. Grundpreis (inkl. MwSt): 15.100 (+ 86 Euro monatlich fürs Batterie-Leasing) Reichweite (in km): 160 Höchstgeschwindigkeit (km/h): 130 Stromverbrauch (kWh/100km): nicht bekannt Quelle: Presse

    Das sorgt für fast sportwagenmäßige Beschleunigungswerte. Einige Autofahrer gucken ganz schön dumm, als sie beim Ampelstart hinter dem orangeroten Winzling zurückbleiben. Zu hören ist dabei wie bei einer Straßenbahn nur das Summen des Elektromotors, das Rauschen des Fahrtwindes und das Lärmen der anderen Verkehrsteilnehmer. Zur Warnung der Fußgänger vor dem kleinen Wirbelwind lässt sich ein Soundgenerator zuschalten – Twizy fängt dann an zu zwitschern wie ein Kanarienvogel. In der Stadt ist das alles ganz spaßig. Auf der Autobahn aber kann einem ganz schön heiß werden, wenn der Lastzug im Rückspiegel immer größer wird und dann mit dem gefühlten Abstand von 60 Zentimetern langsam an einem vorbeizieht. Denn bei Tempo 80 regelt der Motor zur Schonung der Batterie ab. Vollgas mag die ohnehin nicht, denn die Reichweite sinkt dabei rapide. Theoretisch kommt man mit einer Akkuladung 100 Kilometer weit, in der Praxis sind es eher 60. Keine Frage: Der Twizy ist ein reines Stadtmobil.

    Schalten und Walten

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      Micromobile mit Elektroantrieb werden nach Ansicht von Marktforschern in den kommenden zehn Jahren ein stark wachsendes Segment im Automobilgeschäft bilden. Im Jahr 2018 soll bereits eine halbe Million Fahrzeuge dieser Art in den dicht bevölkerten Millionenstädten dieser Welt unterwegs sein. Kein Wunder: Mit einer Breite von 1,23 Metern und einer Länge von 2,33 Metern ist Twizy nur halb so groß wie ein Auto konventioneller Bauart. Die Parkplatzsuche wird damit zum Kinderspiel, selbst auf der Düsseldorfer Kö zur Haupteinkaufszeit. Und dank der frei stehenden Räder beträgt der Wendekreis rekordverdächtige 6,8 Meter – ein U-Turn wäre dadurch auch in einer Einbahnstraße ohne Probleme darstellbar.

      Überraschend angenehmes Fahrgefühl

      Die Sicht über das Lenkrad nach vorne und zur Seite sind gut, nach hinten aber aufgrund fehlender Heckscheibe gleich null Quelle: Rudolf Wichert für WirtschaftsWoche

      Die klassische Zahnstangenlenkung arbeitet dabei erfreulich präzise. Und obwohl ESP und ABS fehlen, reagiert der Kleine gutmütig auf Lastwechsel: Wer zu schnell in die Kurve geht, rutscht zwar deutlich über die mit Leichtlaufrädern besohlten Vorderräder. Aber dank der vier Scheibenbremsen hat der Fahrer keinerlei Probleme, den Twizy schnell wieder einzufangen und auf den rechten Weg zurückzubringen. Eine Federung ist vorhanden, aber Fahrtkomfort ist nicht wirklich vorhanden – über Altstadtpflaster hoppelt der Renault wie ein Kaninchen über Ackerfurchen. Viel mehr kann man bei einem Fahrzeug dieser Größe nicht erwarten. Aus meiner Kartzeit bin ich ganz anderes gewohnt.

      Geld und Kapital

      Wenigstens 7.690 Euro muss hinlegen, wer die Ausführung des Twizy für Erwachsene in seine Garage stellen möchte. Die auf 45 Kilometer pro Stunde gedrosselte Version für Jugendliche ist 700 Euro billiger. Fahren kann man damit freilich noch nicht – die Batterien kommen separat. Wer im Jahr nicht mehr als 7.500 Kilometer fährt und sich für drei Jahre festlegt, kommt mit einer Monatsmiete von 50 Euro hin – bei höheren Laufleistungen und kürzeren Vertragslaufzeiten wird es entsprechend mehr.

      Mobilität



      Ein wintertauglicher Dacia Sandero mit vier Türen, vier Sitzen und einer 75 PS starken Verbrennungsmaschine kostet in etwa genau so viel wie der Twizy. Aber derlei Vergleiche bringen nichts. Denn unser Kabinenroller ist kein Auto und will kein Auto sein. Wettbewerber sind eher Motorroller, Elektrofahrräder und Personal Transporter: elektrische Gehhilfen wie der Segway.

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        Die einfachste Ausführung des einachsigen Elektrorollers wird mit 8.675 Euro gehandelt, die geländegängige Version kostet über 9.000 Euro. Und damit kommt man in der Stadt maximal 40 Kilometer weit. Den Twizy-Preis relativiert auch ein Besuch im Fahrradladen. Dort werden E-Bikes etwa von Riese & Müller zu Preisen um die 5.000 Euro angeboten – und hier ist der elektrische Fahrspaß schon nach 70 Kilometern zu Ende. Dann nehme ich dann doch lieber den Twizy. Im Sommer kann man damit sicher eine Menge Spaß haben – vorausgesetzt, die Sonne scheint.

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