Batteriezellen "Die wollen lieber alle mit dem Diesel in Rente"

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EU-Kommissar Maroš Šefčovič drängt auf EU-Ebene

EU-Kommissar Maroš Šefčovič drängt auf EU-Ebene. Šefčovič lud die wichtigsten Industrievertreter zum Batteriegipfel nach Brüssel. Dabei waren die Hersteller von Vorprodukten der Lithium-Ionen-Zellfertigung wie Kathodenmaterial und Separatoren, darunter Umicore und deutsche Chemiekonzerne wie Freundenberg und BASF, sowie Maschinen und Anlagenbauer, die das asiatische Zell-Oligopol mit Produktionsanlagen beliefern, wie Manz oder Thyssenkrupp und Siemens. Und natürlich die künftigen Großverbraucher der Zellen: ZF, Conti, Bosch, VW, BMW, Daimler. Vorvergangene Woche lud Staatssekretär Georg Schütte die Konzerne in Berlin erneut zum Gespräch, eigentlich sollte bis Februar ein gemeinsamer, konkreter Fahrplan stehen, unter dem ein eigener, europäischer Zellfertiger aufgebaut wird, möglichst ohne Beteiligung der bestehenden asiatischen Oligopolisten.

„Niedrige einstellige Milliardenbeträge“ an Subventionen könnten durchaus fließen, ließ ein EU-Beamter gegenüber der WirtschaftsWoche durchblicken; im Gespräch ist die Klassifizierung der Zellfertigung als IPCEI – ein so genanntes Important Project of Common European Interest. Unter dieser Sondermaßgabe wäre es Brüssel und einzelnen Mitgliedsländern ausnahmsweise erlaubt, Hightech-Unternehmen gezielt jenseits der üblichen Subventionsprogramme zu fördern, wenn man sie als strategisch wichtig einstuft und wenn es Unternehmen aus mehr als einem EU-Land sind. Ein solches IPCEI gibt es seit Sommer 2017 bereits für die Chipindustrie, damit diese technologisch nicht immer weiter hinter die US- und fernöstliche Konkurrenz zurückfällt und Europas Industrie nicht von diesen abhängig wird.

Brüssel und Berlin wollen aber keinen Staatskonzern gründen, sondern nur zusammen mit der Industrie die Fertigung anschieben. Daher pochen sie auf verbindliche Investitionszusagen seitens der Wirtschaft. Die tut sich damit aber sehr schwer, berichten Teilnehmer an den Gesprächsrunden. „Wir treten auf der Stelle, und es sind immer dieselben, die auf der Bremse stehen“, sagt einer.

Der Vorwurf richtet sich an die Autobauer und deren große Zulieferer; diese scheuen das Milliardeninvestment. „Kein Manager eines börsennotierten Konzerns tut sich das an“, sagt der Einkaufsmanager eines Maschinenbauers, „die wollen lieber alle mit dem Diesel in Rente.“

Eine sehr kurzsichtige Strategie; denn in einigen Jahren könnte die Autoindustrie die Kartellmacht der Asiaten sehr wohl zu spüren bekommen.

Hoffnungsträger TerraE

Andere spüren diese bereits am eigenen Leib. Die Hoffnungen der kleineren Abnehmer von Lithium-Ionen-Zellen, etwa der Hersteller von Gabelstaplern, E-Bikes, Gartengeräten und Powertools, aber auch Medizintechnikfirmen ruhen inzwischen auf einem erst 2017 gegründeten Start-Up namens TerraE. Der frühere Thyssen-Manager Holger Gritzka möchte mit TerraE den ersten europäischen Zellfertiger für Lithium-Ionen-Zellen hochziehen. Ein kleines Start-up soll also schaffen, was den Managern von Bosch, BMW, Audi, Daimler und Continental zu groß und riskant erscheint. Gritzka bemüht sich seit Monaten um Geld und Unterstützung seitens deutschen und französischen Großindustrie. Er will schon bald einen möglichen Standort für die erste nicht-asiatische Lithium-Ionen-Zellfertigung bekanntgeben. „Von ursprünglich sechs möglichen haben wir den Kreis der Kandidaten inzwischen auf zwei eingeschränkt“, sagt Gritzka. Auch Deutschland sei „nicht aus dem Rennen“, auch, wenn es andernorts vielleicht etwas einfacher sei.

Immerhin hat TerraE inzwischen ein Konsortium von 19 Unternehmen um sich geschart, die es mit Know-how und Personal unterstützen wollen. Darunter Siemens, Thyssenkrupp, Umicore, SGL.

Gritzka plant die volle Fertigungskapazität von 34 GWh pro Jahr jedoch erst 2028 zu erreichen. Nach Meinung einiger Kritiker zu wenig, zu spät. Im ersten Schritt soll lediglich eine kleine Fertigung von 1,5 GWh pro Jahr entstehen. „Keiner kann diese Fertigung von heute auf morgen bauen. Somit müssen wir schrittweise vorgehen“, erklärt Gritzka.

Immerhin: „Die Finanzierung für die erste Ausbaustufe steht“, sagt Gritzka, im April 2018 soll der Bau beginnen. Gritzka: „Das ist bereits ein großer Erfolg.“ Inzwischen hat Gritzka das ursprünglich kommunizierte Ziel, eine Giga-Fabrik mit einer jährlichen Produktion von 34 Gigawattstunden zu bauen, weit in die Zukunft verschoben. Eine solche Fabrik würde mindestens drei Milliarden Dollar Investitionen erfordern. Nun will der TerraE-Chef zunächst eine kleine, modulare Fertigung für 1,5 GWh aufbauen. „Die Finanzierung für die erste Ausbaustufe steht inzwischen“, sagt Gritzka. Die volle Kapazität will er erst 2028 erreichen.

Im ersten Schritt soll TerraE nicht für die Autoindustrie produzieren, sondern für die Abnehmer kleinerer Zellmengen. „Für diese sind die Zellen oft überlebenswichtig, aber auf dem Weltmarkt immer schwerer zu besorgen“, sagt Sven Bauer, Chef des größten deutschen Akkufertigers BMZ, und einer von Gritzkas prominentesten Unterstützern.

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