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Blablacar-Chef „Verkehrssituation in Großstädten ist absurd“

Nicolas Brusson, Gründer und Chef von Blablacar Quelle: imago

Nicolas Brusson, Gründer von Blablacar, erzählt im Interview, warum ihm das selbstfahrende Auto keine Sorge macht, wo sein Dienst selbst Google überlegen ist – und wie er Pendlern das Leben leichter machen will.

Blabacar ist so etwas wie die freundliche Variante von Uber: Statt gegen „ein Arschloch namens Taxi“ zu wettern, setzt der digitale Mitfahrdienst auf Partnerschaften. Und er preist sein vertrauenswürdiges Netz von 60 Millionen Menschen in 22 Ländern, die jemanden in ihrem Auto mitnehmen oder bei jemandem einsteigen, als eine der wesentlichsten Voraussetzungen, um im Geschäft mit der Mobilität von morgen ganz vorne mitzuspielen.

WirtschaftsWoche: Ausgerechnet die Autonation Deutschland diskutiert über Fahrverbote für Diesel und kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr. Ist das Auto endgültig aus der Mode gekommen?
Nicolas Brusson: Nein. Ganz und gar nicht. 75 bis 80 Prozent der Menschen, die über längere Entfernungen, also 20 Kilometer und mehr, reisen, nehmen das Auto. Es gibt für Europa sehr verlässliche Zahlen - und die gehen seit einigen Jahren sogar leicht nach oben. Es heißt zwar immer wieder, dass vor allem jungen Menschen das Auto nicht mehr so wichtig sei. Aber so ganz stimmt das nicht.

Warum reisen die Leute nach wie vor lieber mit dem Auto?
Der entscheidende Grund: Es ist bequem. Es liegt nicht daran, dass es schneller wäre als mit Bus und Bahn. Oder billiger. Es liegt daran, dass man bequem von einem Ort zum anderen kommt. Von meiner Garage bis in mein Büro. Ich denke deshalb, dass das Auto weiterhin das wichtigste Verkehrsmittel bleibt. Auch wenn sich die Art ändert, wie wir es nutzen.

Wie denn?
Die Menschen teilen das Auto häufiger.

Das müssen Sie als Chef eines großen Carsharing-Dienstes natürlich sagen.
Die Menschen werden in Zukunft aber auch seltener selbst fahren.

Weil autonome Robo-Autos sie von einem zum anderen Ort bringen. Trotz Rückschlägen wie nun am Wochenende, als bei einem Unfall mit einem selbstfahrenden Auto von Uber eine Fußgängerin gestorben ist.
Das selbstfahrende Auto holt mich an Ort A ab, sammelt an Ort B weitere Passagiere ein – und bringt dann alle ans gemeinsame Ziel. Züge und Busse werden nicht verschwinden, aber sie werden weiterhin eher ein Massentransportmittel sein. Und zwar von Innenstadt zu Innenstadt. Aber so reisen die meisten Menschen nun einmal nicht. Mein Vater wohnt am Rand von Paris, ich am Rand von Brüssel. Er nimmt immer sein Auto, um mich zu besuchen. Wenn ich ihn frage, warum, dann sagt er: Das ist einfach bequemer.

Wie verändert das selbstfahrende Auto, vorausgesetzt, dass es doch kommt, das Geschäft von Blablacar?
Unser Job ist es, dafür zu sorgen, dass Menschen mit dem gleichen Ziel zueinander finden. Damit es billiger für sie wird. Ob ein Mensch oder eine Maschine das Auto steuert, ist egal.

Beim Carpooling aber kommt es vor allem darauf an, Daten zu den Gewohnheiten und Bedürfnissen der Reisenden zu sammeln und auszuwerten. Ist Google da nicht deutlich besser positioniert?
Google ist der König der Daten. Die haben eine Menge Daten. Und sie sind sehr gut darin, diese Daten auszuwerten. Aber wir haben auch etwas sehr Wertvolles aufgebaut: Wir wissen vielleicht nicht, wo die selbstfahrenden Autos unterwegs sind. Aber wir wissen, wohin die Menschen wollen. Wir haben jedes Jahr 400 Millionen Suchanfragen weltweit. Von Leuten, die von einem Ort an den anderen wollen. Und wir bringen unsere Nutzer dazu, diese Anfragen zu präzisieren. Also nicht nur: von Hamburg nach Berlin, sondern: von Straße X in Hamburg nach Straße Y in Berlin. Wir haben auch unseren Algorithmus verfeinert, so dass Fahrern automatisch ein von Mitfahrern gesuchter Abfahrtsort auf ihrer Strecke als Zwischenstopp vorgeschlagen wird. Selbst die Deutsche Bahn kennt die Bedürfnisse ihrer Kunden nicht so gut. Die weiß nur, dass ich von einem Bahnhof zum anderen Bahnhof reise - aber nicht, ob ich fußläufig vom Bahnhof entfernt wohne oder weiter weg und einen Freund gebeten habe, mich zum Bahnhof zu bringen.

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