Brennender Autofrachter vor Ameland: Warum die Löscharbeiten auf See so schwierig sind
Eine Luftaufnahme zeigt den deutschen Notschlepper "Nordic" (l), der das Feuer auf einem brennenden Frachter in der Nordsee bekämpft. Wie die niederländische Küstenwache mitteilte, war auf dem Frachtschiff mit rund 3000 Autos an Bord ein Feuer ausgebrochen.
Foto: dpaOb Elektroautos häufiger brennen als klassische Verbrenner, ist ein ebenso häufig ausgefochtener wie bislang ungeklärter Disput vorwiegend zwischen Fans und Gegnern der E-Mobile. Tatsächlich fehlen bis heute belastbare statistische Daten zur Brandhäufigkeit unterschiedlicher Antriebsarten. Was aber unter Rettungsexperten inzwischen unstreitig ist: E-Autos brennen anders als solche mit herkömmlichen Antrieben.
Und das macht auch die Brandbekämpfung auf See, wie jetzt vor der niederländischen Insel Ameland, so schwierig. Dort steht seit der Nacht von Dienstag auf Mittwoch die „Freemantle Highway“, ein Autotransporter mit Tausenden Fahrzeugen an Bord, in Flammen. Die niederländische Küstenwache sprach in einer ersten Mitteilung von 2857 Autos, davon 25 E-Autos. Am Donnerstagmorgen teilte ein Sprecher der japanischen Reederei Kawasaki Kisen Kaisha mit, der Frachter habe 3783 Autos geladen. Mindestens eine Person ist bei dem Brand ums Leben gekommen, 22 weitere wurden laut niederländischer Küstenwache leicht verletzt von Bord des Frachters gerettet. Nach ersten Einschätzungen der Küstenwache könnte das Feuer in der Nähe eines Elektroautos ausgebrochen sein. Die genaue Ursache des Brandes steht noch nicht fest.
Wenn Elektroautos brennen, steckt die Krux im Kampf gegen die Flammen im Energiespeicher: Während bei Fahrzeugen mit klassischen Verbrennermotoren, ob Benziner oder Diesel, die Energie in den Treibstoffen im Tank ist und diese mehr oder minder leicht entflammbar sind, speichern die Akkus der E-Mobile die Energie für die Elektromotoren in den Akkuzellen. Tritt bei einem Unfall oder einem Defekt klassischer Treibstoff aus, kann sich der an heißen Motorteilen entzünden. Die entstehenden Treibstoffgase können durch einen Funken auch explosionsartig verbrennen.
Der Brand auf dem Frachter „Freemantle Highway“ vor der niederländischen Küste ist für die Rettungskräfte schwer zu löschen – auch weil das Schiff unter anderem Elektroautos geladen hat.
Foto: dpaAnders bei den Hochvoltakkus. Dort können sich – etwa nach Beschädigungen durch schwere Verkehrsunfälle – die einzelnen Batteriezellen stark erhitzen und sogar in Brand geraten. Dabei wird weitere Energie freigesetzt, was dazu führen kann, dass sich der Brand weiter ausbreitet, weil immer mehr Hitze frei wird.
Wenn der Akku durchgeht ...
Fachleute sprechen vom „Thermal Runaway“. Dabei entzündet eine Zelle die nächste, ohne dass das Feuer noch einfach gelöscht werden kann. Weil zudem sowohl der sogenannte Elektrolyt in der Zelle als auch das darin verbaute Grafit verbrennen, entstehen weitere Stichflammen, die zusätzlich zu Brandausbreitung beitragen können.
Dabei wird nicht notwendigerweise mehr oder weniger Energie frei als bei Bränden herkömmlicher Fahrzeuge – sondern anders. „Die Brandleistung bei einem E-Auto-Akku ist nicht geringer als bei einem aufgerissenen Tank“, sagt etwa Karl-Heinz-Knorr, der frühere Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbands. Doch während die Feuerwehr bei der Bekämpfung von Benzin- oder Dieselbränden oft auf Löschschaum oder Pulver setzt, ist zum Löschen von E-Auto-Batterien vor allem Löschwasser das Mittel der Wahl.
Und das, vor allem, in großen Mengen. Um die Brände durchgegangener Batteriezellen zu löschen, „reicht es nicht, nur die sichtbaren Flammen zu ersticken“, betont Knorr. Stattdessen müssen die brennenden Akkus – mitsamt der Fahrzeuge darum herum teils über Stunden gekühlt werden. Viele Feuerwehren versenken die in Brand geratenen E-Mobile dafür inzwischen kurzerhand in großen, wassergefüllten Wannen, in denen die Wracks mitunter tagelang abkühlen können.
Dann helfen auch Brandwände nicht mehr
Spätestens da wird klar, warum die Brandbekämpfung auf hoher See, speziell bei E-Autos, so schwierig ist. Erst recht, wenn diese, wie auf Autotransportern, dicht an dicht für Transporte von Kontinent zu Kontinent geparkt sind. Zwar gibt es auf den Frachtern Brandwände, die die einzelnen Parkflächen voneinander separieren. Doch wenn erst einmal eine Batterie durchgegangen ist (so unwahrscheinlich so ein Fall bei einer Überfahrt ohne schwerere äußere Einflüsse auch sein mag), lässt sich ein Brand mangels Platzes und geeigneter Kühlbecken kaum mehr wirksam eindämmen.
Entsprechend erfolglos war etwa im Februar 2022 der Kampf gegen den Großbrand auf dem Transportschiff „Felicity Ace“ auf dem Atlantik. Nach tagelangem Feuer versank das Schiff mit den Überresten von rund 4000 Luxuskarossen, darunter Porsches, Lamborghinis, Bentleys und Audis vor den Azoren.
Anders als mitten im Atlantik stehen die Chancen, das Schiff zu retten, auf der viel befahrenen Wasserstraße zwischen den Niederlanden und Großbritannien deutlich besser. Wegen der Nähe zum Land und den zahlreichen Häfen waren Schlepper und Löschboote sehr viel schneller und in größerer Zahl verfügbar als vor den Azoren.
Dennoch liegt auch die „Freemantle Highway“ bereits mit einiger Schlagseite im Wasser. Vermutlich auch, weil sich das von den Werfern der Rettungsschiffe in die brennenden Decks gespritzte Löschwasser im Frachtschiff inzwischen ungesteuert in den tieferen Decks sammelt und den Transporter aus der Balance bringt.
Erst abgeschleppt, dann abgesoffen
Inzwischen haben Schlepper zwar laut niederländischen Medienberichten eine provisorische Leinenverbindung zum Havaristen gelegt. Demnach können sie das Schiff für die Brandbekämpfung auf Position halten und verhindern, dass es von Wind und Wellen unkoordiniert abgetrieben wird. Dennoch ist das Risiko eines Untergangs längst nicht gebannt. Auch die „Felicity Ace“ hing vor den Azoren schon am Haken eines Schleppers, als der vom Brand geschwächte Rumpf zerbracht und das Schiff doch noch versank.
Für die Rettungskräfte vor Ameland ist es daher auch eine Rechnung mit zwei Unbekannten, welche Strategie sie nun bei der Brandbekämpfung verfolgen. Versuchen sie, das Feuer in den Griff zu bekommen, um den Totalverlust des Schiffes zu verhindern und damit verbunden womöglich den unkontrollierten Austritt von Treib- und anderen Schadstoffen ins Meer.
Oder geben Sie den Kampf auf und versuchen, das Frachtschiff möglichst nah an Land zu schleppen, wo das Wrack des Frachters dann womöglich sogar auf einer Sandbank aufsetzt. Das würde ein Kentern vermeiden, dafür brennt das Schiff dann womöglich noch tagelang in Sichtweite der von Touristen bevölkerten Badestrände.
Bei der Wahl zwischen zwei Übeln, müssen die Retter nun entscheiden, welches von beiden für sie das kleinere ist.
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