E-Bikes, Roller und Motorräder Wird die Elektromobilität auf zwei Rädern ein Erfolg?

Die meisten Elektroautos glänzen nur im Autohaus, sie sind echte Ladenhüter. An anderer Stelle wird der Stromantrieb aber zum Erfolg: Elektro-Motorräder, E-Bikes, Stehroller und Skateboards boomen.

Die Harley-Davidson LiveWire, ein Elektromotorrad mit 55 Kilowatt (75 PS) Quelle: Presse

Langsam am Gasgriff drehen, Maschine und Fahrer schütteln sich, das Blubbern aus dem Auspuff wandelt sich in ein immer lauteres Grollen. Der Biker lässt die Kupplung seiner Harley-Davidson kommen und braust mit Sonnenbrille, Fransen-Lederjacke und Cowboystiefeln in den Sonnenuntergang.

So das Klischee über den typischen Harley-Besitzer. Wie kaum eine andere Marke versteht es der amerikanische Kulthersteller schwerer Motorräder, das Image von Freiheit und Abenteuer zu transportieren. Aber selbst dessen Managern schwant, das geht nicht ewig so weiter: Gegen die infernalische Lautstärke regt sich überall Widerstand, strenge Abgasregeln setzen den Zweirädern zu, und ressourcenschonender Konsum ist gefragter denn je.

Pedelecs und Stehroller - Die Mobilität der Zukunft
Bultaco brinco Quelle: PR
Harley-Davidson LiveWire Quelle: PR
Ninebot
Ninebot One Quelle: PR
Rotwild R.C+ HT 29Elektromountainbike, Geschwindigkeit: 25 km/h, Reichweite: mindestens 1400 Höhenmeter, bis 100 Kilometer, Gewicht: 18 Kilogramm, Preis: ab 4000 Euro Quelle: PR
Ryno Quelle: PR
Stromer ST2 Quelle: PR

Ausgerechnet die Firma mit dem Revoluzzer-Image versucht sich deswegen an dem Prototyp eines politisch korrekten Elektromotorrads. Es ist das erste Modell eines weltweit führenden Herstellers. Zwar hat BMW einen E-Roller im Programm, und der österreichische Hersteller KTM bietet mit der Freeride E eine Maschine fürs Gelände an, allerdings ohne Straßenzulassung. Aber ein richtiges Strombike haben bisher nur Außenseiter wie der kalifornische Pionier Zero Motorcycles oder das US-Unternehmen Brammo auf den Asphalt gestellt, das gerade von dem großen US-Fahrzeughersteller Polaris geschluckt wurde.

Mehr als zwei Millionen E-Bikes in Deutschland

Das zeigt: Wieder einmal tun sich die Platzhirsche einer Branche schwer damit, schnell genug auf eine neue Technologie zu reagieren, die das Zeug dazu hat, gewohnte Marktstrukturen aufzubrechen und traditionelle Produktkategorien abzulösen. Dabei wäre dies im Fall der Motorradhersteller dringend nötig: Sie werden auf einmal von unten angegriffen durch immer elegantere Elektrofahrräder, die so schnell wie Mopeds durch die Städte düsen. Die wiederum konkurrieren mit selbstbalancierenden Stehrollern und elektrischen Skateboards. Die E-Gefährte fordern nicht nur klassische Motorradhersteller heraus, sondern können sogar locker den Zweitwagen ersetzen und blockieren nicht einmal einen Parkplatz.

Welches Potenzial in den elektrifizierten Gefährten steckt, zeigt der Siegeszug der Elektrofahrräder. Allein in Deutschland rollten 2014 bereits mehr als zwei Millionen Exemplare herum.

Und der Boom hält weiter an: Nach den vorläufigen Zahlen des Zweirad-Industrie-Verbands steigen die Absatzzahlen von 480 000 E-Bikes 2014 auf rund 520 000 E-Bikes in diesem Jahr. Eines der am stärksten wachsenden Segmente sind dabei die Elektromountainbikes, die der Branche eine erheblich jüngere Kundschaft verschafft. Ein Grund: Während viele Pedelecs recht altbacken aussehen, verschwinden die Akkus unauffällig in den dicken Rahmenrohren der sportlichen Mountainbikes. Der Fahrspaß mit den Elektrogefährten ist enorm und trägt zur Popularität des Antriebs bei.

Die Fans sollen entscheiden

Da müssen die Motorradhersteller erst mal mithalten. „Whiiiiiiiiiiiih“ surrt das LiveWire genannte Elektromotorrad los – und gleicht damit eher einem Turbostaubsauger. Akustisch, und damit prestigemäßig, schrumpft die stolze Harley da gefährlich nahe ans Elektrofahrrad. Ob die eingefleischten Marken-Jünger den Sound akzeptieren, trauen sich selbst die Harley-Chefs nicht allein zu entscheiden – und lassen die Fans die Prototypen bewerten. Seit dem vergangenen Jahr tourt die Firma mit rund 80 Exemplaren um die Welt. Die Maschine hat 75 PS, fährt knapp 150 Kilometer pro Stunde schnell.

Was E-Bike-Radler wissen sollten
Die Drahtesel erleben eine Renaissance: Während es 2013 in deutschen Haushalten rund 32,1 Millionen Fahrräder gab, waren es zehn Jahre zuvor nur 29,8 Millionen. Quelle: dpa
Pedelec-Fahrrad Quelle: dpa
Der Unterschied bei den motorisierten Fahrrädern liegt im Detail. In zwei Bereiche teilen sich die allgemein unter „E-Bikes“ bekannten Drahtesel auf: Pedelecs sind Räder mit einem Motor, der die Zweiräder bis zu 25 Kilometer pro Stunde schnell macht. Die eigentlichen E-Bikes, die weit weniger verbreitet sind, erreichen ein höheres Tempo und müssen deshalb ein Nummernschild tragen und auf der Straße fahren. Quelle: dpa
Rad-Unfälle werden in den vergangenen Jahren häufiger, wenn sie auch seltener tödlich enden. So wurden 2013 71.066 Radfahrer bei Unfällen verletzt und 354 getötet. Zum Vergleich: 1970 waren es mit 40.531 deutlich weniger Verletzte, aber mit einer Opferzahl von 1835 deutlich mehr Todesfälle. Die Dunkelziffer der Unfälle insgesamt ist allerdings hoch, denn laut dem Automobilclub ACE werden nur 40 Prozent der Radunfälle von der Polizei überhaupt erfasst. Quelle: dpa
Pedelecs waren 2014 bundesweit in rund 3700 Unfälle mit Verletzten verwickelt, wie aus einer Statistik des Automobilclubs ACE hervorgeht, die sich auf Daten des Statistischen Bundesamts stützt. 59 Menschen starben demnach, 1178 verletzten sich schwer. Die meisten Unfälle gab es im Mai und im Juni. Quelle: dpa
„Laut statistischen Erhebungen ist das Risiko, bei einem Pedelec-Unfall ums Leben zu kommen, viermal höher als bei Unfällen mit herkömmlichen Rädern“, sagt Constantin Hack vom ACE. Die Entwicklung der Unfallzahlen gebe durchaus Anlass zur Besorgnis. Trotzdem: „Diese Räder gehören zu unserer modernen Verkehrswelt, sie haben ihre Zukunft noch vor sich.“ Hack forderte deshalb mehr Unfallprävention. Quelle: dpa
Diese Sicht teilt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) allerdings nicht: „Die Menschen, die regelmäßig Rad fahren, sind auf Pedelecs mit einer ähnlichen Reisegeschwindigkeit unterwegs wie Menschen auf herkömmlichen Rädern“, betont Sprecher René Filippek. Ältere Menschen verletzten sich bei Stürzen genauso schwer wie auf Rädern ohne Elektroantrieb. Quelle: dpa
Für einige Bundesländer gibt es schon eine Tendenz: Im großen Flächenland Nordrhein-Westfalen stieg die Zahl der Verletzten bei solchen Unfällen von 322 im Jahr 2012 auf 714 im Vorjahr. In Bayern gab es im vergangenen Jahr 370 Unfälle mit Pedelecs, 60 mehr als im Vorjahr. In Brandenburg waren es 2014 mit 38 Unfällen zehn mehr als 2013. Die meisten Personen seien 45 Jahre und älter gewesen, sagt ein Polizeisprecher. In Bremen waren unter den sechs Schwerverletzten fünf älter als 65. Quelle: dpa
Laut der Technischen Universität Chemnitz sind E-Bikes zwar deutlich schneller und Pedelecs geringfügig schneller unterwegs als Fahrräder ohne Antrieb. Trotzdem kämen selbst E-Bike-Fahrer nicht häufiger in gefährliche Situationen als Räder ohne Motor. Die Deutsche Polizeihochschule kommt nach einer Auswertung von Unfallzahlen aus Baden-Württemberg zu einer ähnlichen Einschätzung. Allerdings seien die Folgen bei Unfällen mit Pedelecs schwerer. Quelle: REUTERS
Radfahrer Quelle: dpa

Die enorme Beschleunigung aus dem Stand begeistert bei Testrunden auf dem Hockenheimring. Und dennoch – jeden Tester dort fragten die Marketingleute nach der Fahrt: Würdest du dir ein solches Elektromotorrad kaufen? „Heute eher noch nicht“, ist oft die Antwort. Die Maschine macht zwar Spaß. Aber nicht lange. Bei zurückhaltender Fahrt ist schon nach 85 Kilometern Schluss. Wer richtig Gas, pardon Strom gibt, muss sogar schon nach 60 Kilometern an die Steckdose. Damit drohen schwere Motorräder in dieselbe Falle zu geraten wie Elektroautos: „Die Reichweite ist für unsere Kundschaft noch nicht groß genug“, räumt Frank Klump ein, Marketing-Direktor von Harley Deutschland.

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