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Vorwürfe gegen US-Start-up Ist Lordstown Motors das nächste Nikola?

Der Pick-up von Lordstown Motors Corporation: Shortseller werfen dem Start-up Falschdarstellungen vor. Quelle: AP

Nach der erfolgreichen Attacke gegen den Wasserstoff-Truckbauer Nikola hat der Leerverkäufer Hindenburg nun das Elektroauto-Start-up Lordstown im Visier. Das bemüht sich nach Absturz der Aktie um Schadensbegrenzung.

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Der weltweit erste elektrische Pick-up-Truck, hergestellt in den USA: Mit diesem Versprechen hat das Start-up Lordstown Motors aus dem US-Bundestaat Ohio in den vergangenen Monaten für Aufsehen gesorgt – und Investoren angelockt. Sogar der frühere US-Vizepräsident Mike Pence besuchte im vergangenen Sommer die Gründer und lobte die Innovation und „unglaublich harte Arbeit“ des Start-ups.

Nun muss sich das Unternehmen allerdings schweren Vorwürfen stellen: Der Leerverkaufs-Investor Hindenburg Research attackiert Lordstown Motors in einem Online-Beitrag. Die Zahl der Vorbestellungen, den anvisierten Produktionsstart, die Glaubwürdigkeit des Chefs – all das ziehen die Shortseller in Zweifel.

Der Aktienkurs fiel zeitweise zweistellig, Investoren sind verunsichert. Zwar ist es genau das Ziel von Leerverkäufern wie Hindenburg, dass die Kurse von Unternehmen fallen, weil sie daran verdienen. Doch Hindenburg ist kein Unbekannter: Erst im September hatten die Börsenaktivisten das Wasserstoff-Start-up Nikola zahlreicher Falschbehauptungen bezichtigt. Mit Erfolg: Nikola-Gründer Trevor Milton musste den Hut nehmen, später gab das Unternehmen zu, mehrere Vorwürfe nicht ausräumen zu können.

Das macht die Attacke gegen Lordstown besonders brisant. Das Start-up habe Bestellungen in großem Stil vorgetäuscht, so eine Anschuldigung Hindenburgs. Von den angeblich 100.000 Vorbestellung seien viele fiktiv, stammten etwa von Briefkastenfirmen oder einem Zwei-Personen-Betrieb, der auf Anfrage sogar zugegeben habe, die Vorbestellung von 1000 Trucks nur aus Marketing-Gründen erteilt zu haben.

Auch den angekündigten Produktionsstart von Lordstown im September 2021 zweifelt Hindenburg an. Ein ehemaliger Mitarbeiter habe von erheblichen Verzögerungen berichtet. Der Truck werde eher in geschätzt drei bis vier Jahren vom Band rollen. Schlimmer noch: Im Januar sei ein Testfahrzeug nach nur zehn Minuten Fahrt in Flammen aufgegangen – was Hindenburg mit einem Polizeireport belegen will.

Auch den Gründer und Chef Steve Burns greift Hindenburg massiv an: Mehrere führende Ex-Mitarbeiter bezeichneten den Unternehmer als „Con-Man“, als Betrüger also. Weiter schreibt Hindenburg: „Ein leitender Angestellter erzählte uns, dass er in den Jahren, in denen er mit Steve zusammenarbeitete, mehr fragwürdige und unethische Geschäftspraktiken sah als in seiner gesamten Karriere.“

Elektro-Hoffnung im Rostgürtel  

Das Start-up steht nun womöglich vor einem massiven Imageschaden. Man werde „in angemessener Zeit“ auf den Bericht reagieren, teilte Lordstown Motors mit. Am Mittwoch werde man in einer Telefonkonferenz Neuigkeiten zum Produktionsstart des „Endurance“ bekannt geben. Endurance, so der Name des Pick-ups, bedeutet Ausdauer.

Die dürfte Lordstown-Gründer Burns in den nächsten Tagen gut gebrauchen können. Dabei galt er in den vergangenen Monaten als Hoffnungsträger für die angeschlagene US-Wirtschaft. Lordstown ist benannt nach dem Ort in Ohio, in dem das Start-up beheimatet ist. Das Sprengel liegt im so genannten Rostgürtel – der ältesten Industrieregion der USA. Seit den Siebzigerjahren erlebt sie einen Niedergang, weil die Schwerindustrie damals in Entwicklungsländer übersiedelte.

Von 1966 bis 2019 fertigte der Autobauer General Motors in Lordstown verschiedene Automodelle, bis der Konzern das Werk, in dem zuletzt 1500 Mitarbeiter beschäftigt waren, dicht machte. Im November 2019 kaufte Lordstown Motors das leerstehende Werk und kündigte an, hier seinen Elektro-Pick-up herstellen zu wollen. „Großartige Neuigkeiten“ seien das, schwärmte US-Präsident Trump in Großbuchstaben auf Twitter.

Parallelen zum Streit um Nikola

„Es ist ein großartiger Neuanfang für Lordstown und ein großartiger Neuanfang für Elektrofahrzeuge in den USA“, lobte Vizepräsident Pence bei seinem Besuch vergangenen Sommer. Lordstown, die „Stadt der Verzweiflung“, wie das Netzwerk Pro Publica titelte, war zum Ort der Hoffnung geworden.

Auch für eine ganze Reihe von Investoren: Im Herbst ging Lordstown Motors an die Börse, wie derzeit so viele Tech-Gründungen über ein SPAC-Vehikel. Auch General Motors investierte 25 Millionen Dollar in das Start-up und lieh ihm nach dem Verkauf der Fabrik weitere 40 Millionen Dollar.

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Erstaunliche Parallelen zu der Hindenburg-Attacke auf Nikola: Auch hier hatte General Motors investiert. Auch hier geriert die Reputation des Gründers in Zweifel – und viele seiner großspurigen Ankündigungen. Heute ist Nikola unter neuer Führung, arbeitet nach eigenen Angaben weiter an seinen Trucks. Der Aktienkurs aber dümpelt immer noch sechsmal tiefer als vor einem Jahr.

Mehr zum Thema: Auf der Suche nach Wachstumswundern haben Investoren börsennotierte SPACs mit Milliarden aufgepumpt. Nun fahnden diese auch in Deutschland nach Übernahmezielen.

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