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Flugtaxis Städter von morgen brauchen keine Straßen

SXSW: So sieht die Mobilität von morgen aus Quelle: PR

Autonom, elektrisch, leise: So sieht die Luftfahrtbranche auf der Konferenz SXSW in Austin ihre Zukunft. Es lockt ein völlig neues Verkehrsmittel – und ein Billionen-Dollar-Markt.

Wie sich die Zukunft der Luftfahrt anfühlt, können die Besucher der Konferenz South by Southwest in Austin, Texas diese Woche aus erster Hand erfahren: An einem Stand des US-Helikopter-Herstellers Bell steigen die Besucher in eine futuristische Flugkabine. Und dann hebt das Flugtaxi ab, gesteuert per Autopilot.

Bisher ist das noch eine Virtual-Reality-Simulation aus der Trickkiste der Computergrafik. Aber in einem sind sich die Luftfahrtexperten in Austin einig: Flugtaxis werden kommen, und das früher, als viele denken. Die technischen Puzzleteile dafür seien alle schon da, sagt Jonathan Hartman, zuständig für disruptive Technologien beim US-Luftfahrtkonzern Lockheed Martin. Es könne eine ganz neue Form von Mobilität entstehen – autonome, elektrische Flüge über Städten.

Das sieht auch der US-Branchenverband der Luftfahrt so, die Aerospace Industries Association, die in Austin ihre Vision für das Jahr 2050 vorstellte. Flugtaxis werden die Straßen entlasten, prophezeit der Verband, und Pendlern die Fahrt zur Arbeit verkürzen. Drohnen würden massenhaft Güter transportieren und sie genau dann zum Ziel bringen, wenn sie gebraucht werden.

In einem Video des Verbands sieht die Mobilität des Jahres 2050 entsprechend futuristisch aus: Da steigt ein Schulkind vor der Haustür in ein orangenes Taxi. Das hebt ab, fliegt an Wolkenkratzern vorbei, der Himmel ist voller ähnlicher Vehikel. Augmented-Reality-Grafiken auf der Fensterscheibe zeigen Informationen über den Flug und die Stadt an. Schließlich landet das Taxi an einem Weltraumbahnhof, wo Raumgleiter senkrecht ins All starten, um Minuten später auf einem anderen Kontinent zu landen.

In Ingolstadt wird die Vision vom fliegenden Nahverkehr bald Realität, zumindest teilweise. Airbus will dort Lufttaxis testen. Der europäische Flugzeugbauer, der erst vor wenigen Wochen das Ende des größten Passagierjets der Welt, des A380, verkündet hat, sieht wie Erzkonkurrent Boeing in den kleinen Fluggeräten einen Zukunftsmarkt. Insbesondere in Millionenstädten sollen in einigen Jahren Lufttaxis eine Alternative zu fahrenden Taxis, Bussen und U-Bahnen sein. „Sowohl der Bau als auch das Betreiben ist interessant“, sagt Airbus-Sprecher Gregor von Kursell.

Die neuen Fluggeräte sind dabei eher als Konkurrent zum Personenverkehr per Auto oder dem öffentlichen Nahverkehr zu sehen als zum klassischen Luftverkehr. So hat der CityAirbus eine Reichweite von etwa 50 Kilometern und eine dem Auto vergleichbare Spitzengeschwindigkeit von 120 Stundenkilometern. Auch der Begriff Lufttaxi sei „ein irreführender Begriff“, da es kein Taxi sei. Der CityAirbus werde voraussichtlich nur auf festen Routen von einem definierten Punkt zum anderen unterwegs sein. „Man kann da nicht individuell fliegen“, erklärt der Airbus-Sprecher.

Selten war so viel Aufbruchstimmung in der Luftfahrt – pompöses Marketing inklusive. Aber tatsächlich arbeiten Konzerne und Start-ups schon an allen Technologien, die in dem Werbevideo gezeigt werden: Mehr als 60 Flugtaxis sind weltweit in Arbeit, unter anderem von deutschen Start-ups wie Lilium und Volocopter. Die Gründer von Boom in den USA entwickeln einen neuen Überschalljet, der preiswerter und sparsamer als die Concorde sein soll. Und Richard Branson, Gründer der Fluglinie Virgin, will mit seinem Raumgleiter SpaceShipTwo eines Tages Menschen via Weltraum binnen Minuten um die habe Erde fliegen.

Im Jahr 2025, schätzt die Unternehmensberatung Roland Berger, werden schon 3000 Lufttaxis weltweit unterwegs sein. Und laut den Investmentbankern von Morgan Stanley könnte der Markt für autonome, elektrische Flugshuttles bis 2040 auf sagenhafte 1,5 Billionen Dollar Umsatz wachsen.

Möglich machen sollen das die technologischen Fortschritte der vergangenen Jahre: Akkus speichern dank der massiven Forschung an Elektroautos mehr Energie. Elektrische Antriebe machen Flugzeuge leiser. Und sie machen sie sicherer: „Der elektrische Antrieb erlaubt uns, die meisten sicherheitskritischen, wartungsintensiven und komplizierten Teile in Flugzeugen wegzulassen“, sagt Lockheed-Martin-Manager Hartman. Hinzu kommen künstliche Intelligenz, die Fluggeräte künftig autonom steuern kann und intelligente Sensoren, die Fehler in Bauteilen erkennen, bevor sie gefährlich werden.

Dass die Technik erhebliche Fortschritte macht, konnten Journalisten bei Lockheed Martin vor kurzem selbst testen: Der Konzern ließ sie einen smarten Elektroflieger nach kurzer Schulung selbst fernsteuern – mit einem iPad als Steuerkonsole.

Doch vom Testgelände bis in die Stadt haben die Airshuttles noch einen weiten Weg vor sich. „Wir müssen nachweisen, dass die Technik sicher ist“, sagt Hartman. Heute habe der sicherste Helikopter einen schweren Unfall pro eine Millionen Flugstunden. Konservativen Schätzungen zufolge seien Flugtaxis weltweit bald für 100 bis 150 Millionen Flugstunden pro Jahr in der Luft. Das entspräche einem Absturz alle zweieinhalb Tage. Kaum akzeptabel. „Flugtaxis müssen hundertmal sicherer werden als Helikopter“, sagt Hartman.

Für Finch Fulton, im US-Verkehrsministerium zuständig für neue Technologien, ist der Weg dahin klar: „Wir müssen die menschlichen Fehler eliminieren“, sagt er. Die meisten Unfälle mit Helikoptern entstünden durch Pilotenfehler. Software und KI könnten Fluggeräte künftig sicherer steuern als Menschen.

Bis der Autopilot übernimmt, dauert es laut US-Branchenverband aber noch 15 bis 20 Jahre. In dieser Übergangszeit könnten Piloten aus der Ferne die Flugtaxis steuern. In großen Städten entstünden nach und nach Netzwerke aus kleinen Landeplätzen, an denen die Shuttles abheben können. Den Lärm bekommen die Ingenieure in den Griff, glaubt Lockheed-Martin-Manager Hartman. „Rotor, Heckrotor, Motor – die lauten Teile im Helikopter können wir durch viel leisere ersetzen.“ Bis ein neues Luftfahrzeug eine Zertifizierung bekomme, vergingen aber vier Jahre und mehr. Die Mobilitäts-Revolution wird also noch dauern.
Und den Luftfahrt-Experten ist bewusst: Nur wenn Städte und die Menschen die neue Technik akzeptieren, hat sie eine Chance. Und da stehen den Anbietern noch zähe Verhandlungen bevor. „Unser Luftraum ist ohnehin schon komplex“, sagt Seleta Reynolds, zuständig für die Verkehrswege der Stadt Los Angeles. „Und wenn Frachtdrohnen bald über Einfamilienhäuser fliegen, werden wir Diskussionen bekommen.“

Die Stadt habe Straßen bisher kostenlos zur Verfügung gestellt – ein Fehler, findet die Transportmanagerin. Darum sollen Lufttaxiflotten in der Stadt künftig Durchfluggebühren zahlen. Spätestens 2028, bei den Olympischen Spielen in Los Angeles, sollen urbane Shuttles über das Häusermeer hinwegsausen. Auf ausgewählten Routen zumindest bräuchten die Städter dann keine Straßen mehr, um zum Ziel zu kommen.

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