WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Handelsblatt Autotest Die C-Klasse - ein Wolf im Schafspelz

Mit einem riesigen V6-Diesel-Motor verwandelt sich die C-Klasse von Mercedes-Benz als C 350 CDI in einen Düsenjet - der auch Skeptiker im Alltagstest überzeugt. Doch der Benz offenbart auch seltsame Schwächen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Der V6-Diesel hat so viel Power, die könnte auch aus einem V8 kommen. Der Durst ist trotz Blue Efficiency-Label am Kotflügel aber auch groß. Mehr als acht Liter auf 100 Kilometer sind es fast immer. Quelle: Sebastian Schaal

Meine Beziehung zur C-Klasse von Mercedes-Benz stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Als der Urahn, die 190er Baureihe, von Verkaufserfolg zu Verkaufserfolg eilte, war ich tot unglücklich, wenn ich den Baby-Benz auch nur in einem Autoquartett hatte - zu protzig, zu kastig, zu langweilig, zu klein für einen echten Benz - und mit einem Tacho, der aus einem Bus hätte stammen können.

Im Wettkampf der Deutschen Tourenwagenmeisterschaft (DTM) drückte ich selbstverständlich Allessandro Nannini und seinem Alfa Romeo 155 die Daumen, und nicht etwa Klaus Ludwig und dem 190er. Während meine Klassenkameraden den gigantischen Heckspoiler des Mercedes-Benz 190E 2.5 Evolution II bejubelten, fand ich dieses Bügelbrett einfach nur peinlich. Die Vorzeichen für eine Fahrt mit der neuen C-Klasse standen also schlecht. Doch dann war da dieser Motor des perlweißen C 350 CDI Blue Efficiency T-Modell ...

Es gibt starke Motoren, die brüllen wie ein Löwe. Es gibt starke Motoren, die heiser röhrend fauchen. Es gibt starke Motoren, die ein ganzes Auto mit ihrer Kraft erzittern lassen. Und es gibt starke Motoren wie diesen Sechszylinder Diesel aus dem Hause Daimler, der sich am besten noch mit dem Düsentriebwerk eines Jumbojets vergleichen lässt.

Das Aggregat stemmt mit seinen 265 PS und 2.987 Kubikzentimetern Hubraum ein Drehmoment von schier unglaublichen 620 Newtonmetern, die schon bei 1.600 Umdrehungen pro Minute anliegen. Da können selbst etablierte Zugmaschinen für XXL-Caravans oder Bootsausleger wie etwa die V6-Maschinen aus Volkswagens Geländewagen Touareg einpacken.

Der beeindruckende Unterschied: Der Motor der C-Klasse ist kein ungehobelter Kraftprotz. Ganz im Gegenteil. Ohne Brüllen und Poltern schiebt dieses Triebwerk die C-Klasse in einer Geschwindigkeit und Laufruhe an, die man erlebt haben muss. In die flüsterleise isolierte Kabine der C-Klasse dringt nur ein sanftes Brummen, wenn der Benz beschleunigt wie ein Jet und seine Insassen sanft aber nachhaltig in die Sitze drückt. Dass hier ein Diesel am Werke ist, kann man kaum ahnen. Dass dem C 350 auf der Autobahn nur wenige folgen können, hingegen schon eher.

Als auf einem Autobahnstück ohne Tempolimit ein aufblinkender Porsche im Rückspiegel erscheint, genügt ein beherzter Tritt aufs Gaspedal, um erst den Überholvorgang in Windeseile abzuschließen und dann den Sportwagen fürs erste aus dem Blick zu verlieren - bis das Auto bei 250 Stundenkilometer in den Begrenzer läuft. Um nicht missverstanden zu werden: Der C 350 ist kein Raser, die Souveränität dieses Triebwerks überträgt sich vielmehr auf den Fahrer, der getragen von einem sehr komfortabel abgestimmten Fahrwerk über die deutschen Highways düst.


Diese C-Klasse ist zwiespältig

Genau dieses Fahrwerk ist es aber auch, das überambitionierte Fahrer flugs wieder einbremst. Anders als der 3er von BMW geht die C-Klasse in Kurven schneller in die Knie und nimmt etwas Seitenneigung auf. Dass der Benz komfortabler daherkommt als die direkte Konkurrenz von Audi und BMW, muss trotzdem kein Nachteil sein.

Ganz im Gegenteil: Während manch anderer Mittelklasse-Kombi seine Passagiere sportlich trocken über schlechte Straßen hopsen lässt, dämpft die C-Klasse alle Härten und Stöße souverän ab. Fein.

Dafür allerdings sind zumindest die auf dem Testwagen montierten Winterreifen mit dem Motor überfordert. Selbst bei 100 km/h auf der Autobahn kommen beim Gaspedaltritt auf Vollgas erst die Reifen ins Rutschen, dann blinkt die Leuchte des Stabilitätsprogramms. Das ist nie gefährlich, die Freude am Fahren trübt es trotzdem. Dieser Luxusliner kann vor Kraft kaum laufen.

Ein bisschen zwiespältig fällt auch ein Blick ins Interieur aus. Man mag von dem busartigen Tachometer des Baby-Benz von einst gehalten haben was man will, funktional war er. Das ist heute etwas anders: Schwarze Zahlen auf silbernen Grund mögen edel aussehen, gut ablesbar sind sie nicht. Dass sich die Geschwindigkeit groß und digital auch in den Bordcomputer einblenden lässt, ist also kein nettes Gimmick, sondern schlichte Notwendigkeit.

Und ob es wirklich zur Übersichtlichkeit beiträgt, wenn eine Kaffeetasse (Müdigkeitswarner), alle Einstellungen des Automatikgetriebes nebst Temperaturanzeige, Kollissionswarner, Uhrzeit, Fahrspurassistent und gewähltem Fahrmodus (Sport oder Economy) gleichzeitig im Display des Bordcomputers eingeblendet werden, sei einmal dahin gestellt. Stilistisch einzigartig ist das ganze Ensemble auch nicht: Drei Rundinstrumente sind in Autos von heute keine Seltenheit. Gleiches gilt fürs Lenkrad, gleiches gilt für die Chromumrandungen der Lautsprecher - alles schon einmal dagewesen.


Die Qualität stimmt wieder

Dafür wiederum dürfte die jüngste Generation der C-Klasse enttäuschte Fans der Baureihe  glücklich machen: Die fühlbare Qualität stimmt wieder, also genau das, was überzeugten Benz-Fahrern wie meinen Schwiegervater immer ein Lächeln aufs Gesicht zauberte - und selbst C-Klasse-Skeptiker wie ich zähneknirschend anerkennen mussten. Denn qualitativ war der 190er ein Maßstab - was sich heute noch im Straßenbild bewundern lässt.

Doch dann kam im Jahr 2000 die 203-Reihe auf den Markt, die weder den Ansprüchen meines Schwiegervaters noch denen vieler anderer überzeugter Benz-Fahrer genügen konnte - und 2005 dann auch prompt von der Fachzeitung “Auto Bild” mit der Möhre des Jahres ausgezeichnet wurde.

Mit dem traurigen Vorgänger hat diese C-Klasse indes nichts mehr gemein, Daimler hat aus seinen Fehlern gelernt und bei diesem Jahrgang sorgfältig bis ins Detail gearbeitet. Beispiel: Während beim Vorgänger die Schraubenköpfe der Sonnenblenden unverhüllt dem Fahrer entgegenblitzen, sind diese heute sauber hinter Plastik versteckt.

Türablagen sind nun fein mit Textil ausgekleidet. Alles nur unwichtige Petitessen? Keineswegs für ein Auto mit einem Basispreis von  41.650  Euro und einem Hersteller, der mit dem Slogan wirbt: Das beste oder nichts. Bei Verarbeitung und Motor stimmt das jetzt.

Ein bisschen getrübt wird der Super-Premium-Anspruch durch den ein oder anderen funktionalen Aussetzer, den es so beim seligen 190er nicht gegeben hat und die man heute eher ungläubig zur Kenntnis nimmt: zum Beispiel, dass die Gurtschnalle unter der Kindersitzauflage meiner Tochter verschwindet - was bislang in keinem anderen Auto - selbst in einem ungleich knapper geschnittenen Porsche Carrera - ein Problem war.

Auch die Einparkhilfe ist nicht ohne Fehl und Tadel: Deren auf dem Armaturenbrett angebrachter Warnleuchtkegel spiegelt sich bei Dunkelheit in der Frontscheibe. Ein simples rein akustisches System wäre da wohl besser gewesen.

Last but not least: Der Wählhebel des siebengängigen Automatikgetriebes ist etwas hakelig und unnötig umständlich. Das geht einfacher und besser.

Am Ende der Ausfahrt bleibt die Erkenntnis, dass der alte 190er vielleicht das funktional bessere Auto mit mehr Charakter war, die heutige C-Klasse dafür aber das gefälligere Design hat und zumindest von der Qualität her wieder ein echter Mercedes-Benz ist. Und der C350 mit seinem dicken V6-Diesel macht zumindest auf der Autobahn auch noch richtig Spaß. Das muss selbst ich zähneknirschend anerkennen.


Die Fakten im Überblick


Technische Daten
Hubraum2.987 cm³
Leistung195 kW (265 PS)
bei Drehzahl3.800 1/min
Max. Drehmoment620 Nm
bei Drehzahl1.600 - 2.400 1/min
Verdichtungsverhältnis15,5 : 1
Getriebe7-Gang-Automatik mit manueller Betätigung am Lenkrad und am Wählhebel
Fahrleistungen7-Gang-Automatik
Höchstgeschwindigkeit250 km/h
Beschleunigung 0 - 100 km/h6,0 Sek.
Elastizität (80-120 km/h), 5. Gang-
Durchzugsbeschleunigung (80-120 km/h)-


Verbrauch & Emissionen7-Gang-Automatik
Innerorts in l/100 km7,2
Außerorts in l/100 km5,3
Kombiniert in l/100 km6,0
CO2-Emission in g/km157


© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%