Jährliche Untersuchung Protest gegen TÜV-Pläne der EU

Alte Autos sollen jährlich zum TÜV, fordert die EU. "Blödsinn", sagen die Automobilclubs und der Verkehrsminister. Dabei ist das Procedere in einigen EU-Staaten längst Standard.

Die Sieger und Verlierer des TÜV-Reports
Der Anteil der Fahrzeuge mit erheblichen Mängeln auf Deutschlands Straßen ist um 0,2 Prozentpunkte auf 19,7 Prozent angestiegen, das geht aus dem akuellen TÜV Report 2012 hervor, der auf den Daten aus Hauptuntersuchungen von rund acht Millionen Fahrzeugen beruht. Im folgenden zeigen wir die großen Gewinner und Verlierer bei den einzelnen Modellen im Bild, und einen Überblick über die am häufigsten von den Sachverständigen und Prüfern beanstandeten Mängel ... Quelle: dpa
Gewinner ist im zweiten Jahr in Folge der Toyota Prius, beste deutsche Fahrzeuge sind der Porsche Boxster/Cayman und der Volkswagen Golf Plus. Nur 1,9 Prozent des japanischen Hybrid-Modells, das nach drei Jahren das erste Mal zur Hauptuntersuchung muss, fallen den Ergebnissen zufolge durch erhebliche Mängel bei der HU auf, - obwohl die Technik des Modells als besonders anspruchsvoll gilt. Japanische Fahrzeuge dominieren die Statistik seit 2008 ununterbrochen. Die letzte deutsche Doppelspitze hatte es beim TÜV Report 2007 gegeben, als die wenigsten Mängel in der Kategorie der zwei- und dreijährigen Fahrzeuge Opel Meriva festgestellt wurden, gefolgt vom Ford Fusion ... Quelle: Reuters
Wie im Vorjahr stehen Beleuchtung, Achsen und Bremsen auf den Mängellisten ganz oben. Der Anteil der mängelfreien Fahrzeuge hat sich in den vergangenen fünf Jahren von 48,3 Prozent im Jahre 2007 auf 53,9 Prozent verbessert. Zwar führt Licht die Mängellisten immer noch an, doch die Mängelquote ist leicht gesunken. Die größte Verbesserung gibt es bei den zehn bis elf Jahre alten Fahrzeugen – um 1,7 Prozentpunkte auf 28,6 Prozent. Bei den Neufahrzeugen ist die Quote mit 8,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gleich geblieben. Quelle: dpa
... und mit dem kompakten Auris auf Platz zwei fährt Toyota zudem einen echten Doppelsieg ein. Der Zweitürer verteidigt damit auch seine gute Platzierung aus dem Vorjahr. Rang sieben in dieser Klasse geht an übrigens an einen weiteren Toyota, den Corolla Verso. Quelle: ap
Der Toyota Auris teilt sich mit einer durchschnittlichen Mängelquote von 2,6 Prozent aber den zweiten Platz mit dem Mazda 2. Bei relativ neuen Wagen, die bei der Untersuchung bis zu drei Jahre alt waren, hatten der Übersicht zufolge nur 5,9 Prozent erhebliche Mängel. Bei fünfjährigen Fahrzeugen waren es 10,3 Prozent, bei neunjährigen 22,2 Prozent und bei elfjährigen bereits 26,8 Prozent. Quelle: dapd
Auf den Folgeplätzen die ersten Deutschen: der Porsche Boxster/Cayman mit einer Mängelquote von 2,8 Prozent, gleichauf mit dem VW Golf Plus, der sich im Vorjahresvergleich um einen Platz verbessert hat. Quelle: Reuters
Am unteren Ende des Rankings der Zwei- und Dreijährigen finden sich in diesem Jahr zwei typische Gewinner der Abwrackprämie: Der Dacia Logan als Schlusslicht 2012 mit einer Mängelquote von 12,5 Prozent und der Fiat Panda als Drittletzter (Mängelquote 11,6 Prozent). Quelle: dpa

Geht es um der Deutschen liebstes Kind - das Auto - wird die Nation sehr sensibel: Am Tempolimit soll nicht geschraubt werden, genauso wenig soll die Pkw-Maut kommen. Und jetzt das: EU-Verkehrskommissar Siim Kallas will eine jährliche „TÜV“-Untersuchung für ältere Autos in Europa zur Pflicht machen. Kallas präsentierte am Freitag einen Richtlinienvorschlag, wonach Pkw ab einem Alter von sieben Jahren jährlich statt wie bislang in Deutschland alle zwei Jahre zur Hauptuntersuchung sollen.

Nach Einschätzung Kallas' können die kürzeren Prüfintervalle mehr als 1000 Menschenleben jährlich retten, weil technische Mängel für viele tödliche Unfälle verantwortlich seien. Vom ADAC und von Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) waren die Pläne schon vorab kritisiert worden. Sie würden für viele Autofahrer mehr Bürokratie und höhere Kosten bedeuten, sagte Ramsauer. Deswegen halte er davon nichts. In Deutschland gebe es schon hohe Standards. „Unsere Prüfpraxis ist seit langem bewährt und kann anderen EU-Ländern hilfreiche Orientierung sein.“

Seehofer fordert "TÜV für Brüssel"

Sauer ist auch Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU): „Jährliche TÜV-Prüfungen für Autos und Motorräder sind nicht notwendig, aber teuer und lästig für die Menschen“, sagte er am Freitag. Er forderte im Gegensatz einen TÜV für Brüssel: Es müsse ein Mechanismus geschaffen werden, „der die Bürger wirksam vor ausufernder EU-Bürokratie schützt“.

Kallas hält dem entgegen, dass die Gefahr von Unfällen mit höherem Auto-Alter erheblich ansteige. „Autos, von denen potenziell eine tödliche Gefahr ausgeht, wollen wir einfach nicht auf unseren Straßen haben“, erklärte er. Jährlich zum TÜV sollen deswegen auch alle Wagen mit mehr als 160.000 Kilometer auf dem Tacho - und das ab einem Alter von vier Jahren. Die Richtlinie muss nach Kallas Vorschlag nun von den Mitgliedsstaaten und dem Parlament beraten und dann beschlossen werden.

Mehr als die Hälfte der deutschen PkW betroffen

Da das Durchschnittsalter eines in Deutschland zugelassenen Autos bei Autos 8,5 Jahren liege, sei mehr als die Hälfte der PkWs betroffen, errechnete der ADAC. Exakt beträfe es 25 Millionen der rund 43 Millionen Autos in Deutschland und würde zusätzliche Kosten von rund 1,3 Milliarden Euro pro Jahr für die PkW-Halter bedeuten. Wie auch der Automobilclub Europa (ACE) ist der ADAC wenig begeistert von dem Vorstoß: "Es gibt keine verlässlichen Zahlen, dass es weniger Unfälle bei jährlichen Kontrollen gibt", sagt ein Sprecher gegenüber WirtschaftsWoche Online. Technische Defekte seien weder bei neuen noch bei alten Modellen eine häufige Unfallursache.

Der ACE vermutet, dass der Vorstoß vor allem dem Interesse der Prüforganisationen geschuldet ist. „Der Brüsseler Verkehrskommissar erweckt den Eindruck, er habe auf dem Schoß von TÜV-Lobbyisten Platz genommen“, sagte ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner. Auch nach ACE-Angaben sind technische Mängel immer seltener die Ursache von Verkehrsunfällen mit Verletzten oder Toten. Es gebe daher keinen Grund für schärfere Vorschriften.

Finanziell würden die Prüfer auf jeden Fall profitieren: Je nach Bundesland beträgt die Gebühr pro Check zwischen 50 und 90 Euro. Kommen die Halter mit ihren Autos künftig nicht mehr alle zwei Jahre, sondern alle 12 Monate vorbei, steigt dementsprechend der Verdienst. Da verwundert es nicht, dass TÜV und Dekra die Verkürzung der Prüffristen gut heißen.

Intervall in Europa Gang und Gäbe

Im europäischen Ausland dürfte man der deutschen Entrüstung eher verständnislos gegenüber stehen: In Island muss jeder Gebrauchtwagen jährlich zur Skoðun (Untersuchung). Und in Schweden, Finnland und Polen ist die jährliche Prüfung für Autos, die älter sind als fünf Jahre, ganz normal. Die Niederländer müssen bereits drei Jahre nach Erstzulassung regelmäßig alle zwölf Monate zum TÜV - Benziner müssen ab einem Alter von acht einmal pro Jahr zur Algemene Periodieke Keuring (APK). Auch die Portugiesen schicken ihre Achtjährigen einmal im Jahr zum Check, in Irland haben die Autos Schonfrist bis zum zehnten Geburtstag. Gleiches gilt in Spanien.

Für diese Länder dürfte die geplante Neuregelung, die die EU-Kommission Anfang Juli offiziell vorstellen möchte, eine Erleichterung sein. Sobald die Regelung in Kraft tritt, müssen Neuzulassungen erstmals nach vier Jahren zur Hauptuntersuchung, die nächste erfolgt zwei Jahre später. Hat das Auto ein Alter von sieben Jahren erreicht, geht es jedes Jahr auf den Prüfstand. Eine Umstellung wird das bloß für Griechenland, Deutschland, Frankreich, Italien und Norwegen. Die haben nämlich das gleiche Prüfintervall.

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