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Lancia Thema Executive 3.0 V6 Miss Daisy und ihr schwerer Wagen

Mit dem Lancia Thema schickt Fiat eine faszinierend altmodische Limousine auf den Markt, die alles anders macht, - und genau deshalb überzeugt. Ein bisschen fühlt man sich wie beim Film "Miss Daisy und ihr Chauffeur".

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Dickes Ding made in USA - der Lancia Thema ist eine fünf Meter lange Limousine. Quelle: Sebastian Schaal

Düsseldorf Hier ist Deutschland noch Autoland. Fernab der verstauten Ballungszentren, tief in der fränkischen Provinz lebt sie noch, die ungehemmte Liebe zum Auto - mitten in der Nacht auf einem riesigen McDonald-Parkplatz nahe der tschechischen Grenze.

Auto reiht sich an Auto. Es ist voll, drinnen wie draußen. Coole Jungs und coole Mädels mit ihren coolen Karren sammeln sich rund um den hell erleuchteten Burger-Brater. Aufgestylte Nachtschwärmer auf ihrem Weg in die Disko - irgendwo zwischen Plauen, Kulmbach, Weiden. Hier, wo man ohne Auto nirgendwo hinkommt, sind dicke Auspuffrohre geil, Reifen heißen Schlappen und schrille Farben sind nicht prollig, sondern cool - tiefergelegte Autos sowieso. Abt, GTI, Type R, RS, sti, M, S - mehr als nur Abkürzungen, bewunderte, verheißungsvolle Buchstaben für den Ritt über dunkle Landstraßen und einsame Autobahnen.

Eine eigentümliche Melange aus Auspuffgasen, Friteusendampf und vanilligen Parfüms liegt in der Luft. Sehen und gesehen werden. Samstagnacht. Wenn nicht heute, wann dann? Wo es keinen Boulevard gibt, schafft man sich selbst einen.  Die perfekte Bühne für den großen Auftritt derjenigen, die mit einem deutschen Premium-Schlitten vorfahren. Doch nicht heute, nicht jetzt. BMW, Audi, Porsche sind abgemeldet. Denn als der Lancia Thema auf den Platz rollt, gehört ihm die Show.

Schneeweiß, teils schwarz lackierte 20-Zoll-Leichtmettalfelgen, Xenonlicht. Das flache Dach mit den niedrigen Fenstern, die kraftvollen Kotflügel, der gewaltige Chromgrill, zwei angedeutete Heckflossen und dazu noch zwei dicke chromummantelte Auspuffrohre. Und das alles auf fünf Metern Länge und fast zwei Metern Breite. American style pur. Eine Gangster-Limo reinsten Wassers.

Jeder guckt. Finger in der Luft. Dieses Auto kommt an wie ein wahr gewordener Traum aus USA. Und wie. Fällt da hinten gerade ein Cola-Becher aus der Hand? Als der Lancia Thema aus dem grellen Parkplatzlicht ins Dunkeln der Nacht entschwindet, ist klar: Dieses Auto hat richtig viel Sexappeal - und absolut die falsche Marke und den falschen Namen.


Ein Auto mit falschem Namen

Tatsächlich ist der weiße Riese ja auch kein Lancia, sondern ein waschechter Chrysler 300. Und auch wenn man es bei Fiat nicht mehr hören kann: Dieser Lancia Thema hat nichts italienisches an sich - und das gilt nicht nur für die genauso gewaltige wie kantige Karosserie, sondern auch fürs Interieur.

Auf dem Hebel für die Scheibenwischer steht “Wiper”, Kilometer lassen sich per Bordcomputer in Meilen umrechnen und beheiz- und kühlbare Cupholder braucht man im Espresso-Land wohl nicht wirklich. Auch die üppig chromumrandeten Instrumente, deren strahlendes Blau bei Nacht fast schon in den Augen schmerzt, haben mit italienischer Grandezza nichts zu tun. Und dieser verschnörkelt grazile Thema Schriftzug am Heck sieht auf dem massiven Kofferraumdeckel einfach nur deplatziert aus. Alles nur Geschmacksache? Nein, ist es nicht. Produkt, Marke und Namen ergeben hier einfach kein stimmiges Ganzes.

Das ist vor allem deshalb schade, weil der Chrysler 300 ein faszinierendes Automobil ist, das fast alles anders macht als die deutsche Oberklasse aus dem Hause BMW oder Audi. Auf die von den Deutschen ach so gern zitierte Sportlichkeit verzichtet Chrysler nämlich samt und sonders. Gut, mit einem voluminösen 3.0 Liter Sechszylinder wartet der 300 trotz eines Gewichts von mehr als zwei Tonnen mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 239 Stundenkilometern auf. Die Beschleunigungswerte sind hingegen fast schon wieder Nebensache, weil der 300 kein Sportwagen, sondern eher eine Yacht ist.

Mit souveräner Trägheit brausen Fahrer und Auto dahin, Kurven nimmt man von Ferne aus zur Kenntnis um sie dann mit leichter Schräglage möglichst sanft zu durchkreuzen. Seitenhalt spielt bei den hohen Sitzen keine Rolle. Viel lieber räkelt sich die Beifahrerin in die voluminösen Sessel. Betört vom leisen Säuseln des Sechszylinders geht man langsam vom Gas und genießt das Gleiten über die Straßen.

Ein bisschen fühlt man sich hinter dem Volant des 300er wie beim Film Miss Daisy und ihr Chauffeur. Gestressten A6lern zeigt die Limo mit einem beherzten Gastritt und viel Schub kurz mal die Rücklichter, damit die Insassen den genauso gut wie geschmackvoll eingerichteten Innenraum mit all seinem Leder und Holz weiter in Ruhe genießen können.


Wie in Miss Daisy und ihr Chauffeur

Schade nur, dass das Fahrwerk nicht ganz zur amerikanischen Wellness-Oase passt. Mehr straff als komfortabel ausgelegt rumpelt es vor allem auf frostgeschädigten Landstraßen manchmal weit mehr als gut wäre. Und die Automatik nervt mit Unentschlossenheit und trägen Schaltwechseln, erfreut dafür mit ihrer verchromten Schaltkulisse.

Zwiespältig fällt das Urteil ebenfalls beim Navigationsgerät aus, das mit seinem 8,4-Zoll-Touchscreen auch gleich zur Steuerung von Radio, Audioanlage, Klimaautomatik, Fahrassistenzsystemen und Sitzheizung dient. Unabhängig von der oft fehlerhaften Darstellung des Navi gelingt die Steuerung während der Fahrt alles andere als sicher. Das Display ist nicht sensibel genug für Berührungen, die Menüstruktur verbesserungswürdig. Zumindest für beifahrende Musikliebhaber lohnenswert ist allerdings die sehr gute Anbindung von Apples Musik-Spieler iPod - neben den dort gespeicherten Lieder werden auch alle Musikinfos inklusive Cover angezeigt. Einer Party auf dem Parkplatz steht damit nichts mehr im Wege.

Wie bei vielen amerikanischen Autos ist das Wörtchen Parkplatz auch beim Chrysler 300 ein wichtiges Stichwort - denn mit dem Parken ist das so eine Sache. Trotz Parksensoren und Rückfahrkamera ist Einparken im Parkhaus eine durchaus ambitionierte Angelegenheit. Das Auto ist breit, aber vor allem ist es sehr lang und relativ unübersichtlich. Mit etwas Eingewöhnung und genug Ruhe am Steuer sind aber selbst Besuche voller Parkgaragen machbar.

Alles in allem erinnert der Chrysler 300 an einen Autobegriff, der in Deutschland schon lange aus der Mode gekommen ist: nämlich den des schweren Wagens. Vor Jahren war dies nicht etwa der Ausdruck für ein zu dickes, zu unökologisches Automobil, sondern vielmehr Anerkennung für ein Fahrzeug, das für Komfort und Klasse stand. Mit dem Chrysler 300 kehrt der schwere Wagen zurück.

Wer sich auf dieses aus der Zeit gefallene Konzept einlässt, kann durchaus dessen Charme erliegen. Aber vorher braucht dieser Chrysler erst einmal einen anderen Namen: Wie wäre es mit Lancia Americano? So heißt ein mit Wasser gestreckter Espresso in den Kaffeebars. Klingt grausam - schmeckt aber. Den Namen Thema mit der Reminiszenz an eine leidlich erfolgreiche Limousine aus den 80ern sollte sich Fiat lieber sparen. Das hat der 300er nicht verdient.


Technische Daten und Restwertprognose

Zahlen und Technikdaten des Testwagens im Überblick

Technische Daten

BauartV6-Common-Rail-Dieselmotor
Hubraum2.987 cm³
Leistung176 kW (239 PS)
bei Drehzahl4.000 1/min
Max. Drehmoment550 Nm
bei Drehzahl1.800 1/min
Getriebe5-Gang-Automatik

Fahrleistungen

Höchstgeschwindigkeit232 km/h
Beschleunigung 0 - 100 km/h7,8 Sek.


Verbrauch & Emissionen

Innerorts in l/100 km9,6
Außerorts in l/100 km5,9
Kombiniert in l/100 km7,2
CO2-Emission in g/km191

Restwertprognose

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