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Mobilität So fährt das fahrerlose Auto

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Rechner auf Rädern

Nissan Leaf Quelle: Nissan

Mit exakten Lenkradbewegungen und einer Geschwindigkeit von 90 Kilometern pro Stunde wechselt der Wagen auf die Überholspur. Ich schaue gespannt zu. Das Auto chauffiert mich automatisch an dem Geländewagen vorbei, blinkt nach rechts und fährt auf die rechte Spur. Ich selbst hätte das nicht besser hinbekommen.

Aber ich merke, dass mir diese Vorstellung überhaupt nicht gefällt.

Ehrlich gesagt, ich traue dem Leaf immer noch nicht so recht. Ich sitze in einem Rechner auf Rädern, der mit ein paar Sensoren ausgestattet wurde. Das kann doch meine jahrelange Erfahrung auf deutschen Autobahnen ohne Tempolimit, Landstraßen und überfüllten Städten nicht ersetzen – inklusive meiner Punkte in Flensburg.

Die Statistiker der Bundesanstalt für Straßenwesen wissen es besser: Jedes Jahr gibt es weltweit 1,3 Millionen tödliche Unfälle. 4000 allein in Deutschland. Und in 90 Prozent dieser Fälle ist der Fahrer schuld.

Unter uns gesagt: Hinterm Steuer ist der Mensch eigentlich eine ziemliche Niete. Er sieht nachts schlecht, muss im Gegenlicht anderer Autofahrer ständig blinzeln. Und manchmal schläft er sogar ein. Angesichts dessen frage ich mich: Ist die Faszination des Autofahrens wirklich ein schützenswertes Gut? Oder ist nicht jeder Verunglückte im Verkehr einer zu viel?

Wir fahren weiter – das heißt der Leaf fährt, und ich schaue zu. Plötzlich hechtet ein schwarz gekleideter Mann zwischen zwei Autos auf die Straße, direkt vor den Leaf. Furchtbar lange reagiere ich gar nicht, kralle mich im Sitz fest. Diese elend lange Schrecksekunde braucht unser Wagen nicht. Laserscanner überwachen die Umgebung rund ums Auto kontinuierlich. Deshalb bremst der Wagen innerhalb von Millisekunden, nicht zaghaft wie Menschen das in solchen Situationen leider oft tun, sondern brachial. Blitzschnell weicht das Fahrzeug dem Mann aus.

Ihm ist nichts passiert. Aber ich habe nichts dafür getan.

Der Mann war zwar eine Puppe – aber alles andere war real. Wäre er echt gewesen und ich mit fast 100 Kilometern pro Stunde auf einer öffentlichen Straße gefahren – der Mann wäre schwer verletzt oder gar tot. Ganz langsam wandelt sich mein Blick auf den Leaf und seinesgleichen.

Trotzdem bleibt ein Rest Misstrauen gegenüber dieser Technik, die so irritierend eigenständig agiert. Aber ganz offensichtlich kann sie einige Sachen schneller und besser als ich.

Sogar das Verkehrsschild erkennt die Kamera, die in der Höhe des Rückspiegels sitzt, mühelos. Sachte bremst der Wagen auf die geforderten 50 Kilometer pro Stunde ab. Total korrekt der Wagen. Aber mir schießen sofort Gedanken durch den Kopf: Darf ich bald nie mehr schneller fahren, als die Polizei es erlaubt? Meinem Flensburger Punktekonto täte das zwar gut. Aber werde ich damit nicht Sklave einer Maschine?

Nein, beruhigen mich die Nissan-Techniker. Schließlich könnte ich das System jederzeit übersteuern und damit auch schneller fahren, als die Polizei erlaubt.

Noch. Irgendwann besinnen sich die Verkehrspolitiker aber darauf, dass der Mensch die Gefahrenquelle Nummer eins ist – und verbieten, selbstverständlich nur zu unserem Wohl, schnelles Fahren und alles, was sonst noch gefährlich sein könnte.

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