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Opel Zafira Tourer im Handelsblatt-Test Der tragische Held mit dem Blitz

Jedes neue Automodell ist für den kriselnden Autobauer Opel fast schon wie ein Endspiel. Beim Zafira Tourer sind die Erwartungen besonders hoch. Kann der Kompakt-Van das Werk in Bochum retten? Eine Ausfahrt.

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Im Test bei Handelsblatt Online: Der Opel Zafira Tourer bietet viel Platz für die ganze Familie. Leider aber auch einige Mängel im Detail. Quelle: Sebastian Schaal

Düsseldorf Der Opel Zafira ist wohl einer der großen tragischen Helden der Automobilgeschichte. Ein Held, weil der Zafira gemeinsam mit dem Renault Scenic das Segment der mittelgroßen Vans begründete - praktische Autos mit viel Platz für die ganze Otto-Normal-Familie bei knappen Abmessungen. Diese Rechnung ging für Opel voll auf. Die erste Generation des Zafira war mit seinem bis heute fragwürdigen Platzangebot für sieben Passagiere (wer braucht die eigentlich wirklich?) ein echter Topseller.

Doch diese Erfolgsgeschichte hat halt auch eine Schattenseite. Genauso wie mit den Aufkommen von kleinen SUVs die Liebe der Autofahrer - vor allem der männlichen - zu den praktischen Familien-Vans merklich abkühlte, so musste Opel hilflos mit ansehen, wie im Laufe der Jahre ausgerechnet der Erzrivale aus Wolfsburg das Rennen machte.

Egal ob Geländewagen, Minis oder Vans: Wie so oft in der jüngeren Autogeschichte kam VW mit dem Kompaktvan Touran spät auf dem Markt, nur um dann das Feld von hinten aufzurollen - und zwar gründlich. Im April wurden 4.661 Touran-Modelle in Deutschland zugelassen, Opel musste sich mit dem Zafira und 3.091 Einheiten mit dem zweiten Platz begnügen.

Tragisch, aber im Prinzip nicht weiter wild: Ein guter zweiter Platz ist eigentlich ja immer noch ein schöner Verkaufserfolg. Nur könnte Opel heute mehr denn je zuvor einen echten Kassenschlager brauchen, so einen wie den ersten Zafira, der rasch zu einem Markterfolg avancierte und dadurch auch noch das Opel Werk in Bochum rettete.

Wie sich die Zeiten gleichen. Wieder steckt Opel in der Klemme - und das gilt erst recht für das Werk in Bochum. Die Heimat des Zafira zittert. Denn angesichts rasant schwindender Marktanteile und rückläufiger Absätze könnte die Produktion ins gleichfalls notleidende Stammwerk in Rüsselsheim abwandern. Für Bochum wäre dies wohl das Aus. Jetzt kommt alles auf den Zafira an. Aber hat der das Zeug zum Helden?


Ein Innenraum wie eine Kaffeebar

Vom Äußeren her auf jeden Fall. Anders als die Konkurrenz hat Opel auf überflüssigen Firlefanz verzichtet. Man muss kein Designer sein, um dem Zafira gefällige Proportionen und ein schlüssiges, ja, elegantes Blechkleid zu attestieren. Wie Insignia oder Meriva sieht auch dieser Opel richtig gut aus.

Dabei beweist Opel gekonnt, dass ein Kompaktvan weder wie ein gestrandetes Meerschweinchen (Peugeot) noch wie ein Kastenbrot (VW) oder ein wildes Blechgezacke (Ford) daher kommen muss. Selbst in der Audi-Hochburg Neckarsulm rümpft niemand die Nase, als der Zafira bei einem Besuch im Süden vorfährt. Ganz im Gegenteil, den Preis von 40.315 Euro sieht man dem Wagen an.

Und das beste daran: Im Innenraum sieht der getestete Opel Zafira Tourer in der Ausstattungsvariante Innovation keineswegs schlechter aus - abgesehen vielleicht von dem auf Cafe-Lounge getrimmten Choccatino-Morrocana-Cocoa-Trim der “Innovation”-Ausstattungslinie.

Der Name ist genauso lang wie tragischerweise konsequent: Alles ist beige oder braun oder irgendwo dazwischen. Schnell beschleicht einen das Gefühl, in eine große Tasse Cappuchino gefallen zu sein, aber das ist letztlich wohl auch Geschmackssache. Grundsätzlich möchte man allen Designer zurufen, dass der Mensch auch außerhalb einer Starbucks- oder McCafé-Filiale glücklich sein kann.

Dafür bieten die Opelaner neben einer ordentlichen Verabeitung schöne Materialien und weich aufgeschäumte Kunststoffe ringsum. Selbst die Schaltkonsole ist weich ummantelt, das gönnen sich selbst viele Premium-Hersteller nicht.

Wer dann auch noch die FlexRail-Mittelkonsole geordert hat, kann sich über rot glühendes Ambientelicht und massive Metallstreben freuen. Leider sieht das ganze besser aus als es ist: Zumindest im Testwagen wackelt die an sich sinnvolle Konstruktion einer multifunktionalen Mittelarmlehne beträchtlich und macht keineswegs den Eindruck, dass sie noch die nächsten 100.000 Kilometer voll funktionsfähig ihren Dienst versehen wird.

Aber Haptik ist das eine, Elektronik das andere. Während VW traditionell in Sachen fühlbarer Qualität vorne liegt, punktet Ford jüngst mit elektronischen Gimmicks und Assistenten. Auch Opel hat dem neuen Zafira eine Menge davon unters Blech gesteckt, doch das Ergebnis überzeugt nicht hundertprozentig.

So funktioniert der Totwinkelassistent nur bis etwa 140 Stundenkilometer und macht von da an unverständlicherweise mit einem Dauerleuchten in beiden Außenspiegeln auf sich aufmerksam. Die elektrische Parkbremse nervt wie bei vielen anderen Autos auch wiederum mit ihrer Langsamkeit und der Parkassistent kann das Auto anders als bei der Konkurrenz nicht selbst einparken, sondern nur nützliche Tipps zum Lenkradeinschlag geben.


Viele gute Ideen

Auch das aufwändige FlexRide-Fahrwerk kann nicht voll überzeugen. Die Grundabstimmung ist in Ordnung, die beiden anderen Einstellungen “Sport” und “Tourer” sind hingegen fast überflüssig - so geringfügig fallen die Unterschiede aus. Und bei der Bedienung der Multimedia-Einheite möchte man Opel zurufen, sich doch zwischen einem System zu entscheiden: entweder Knöpfe oder Drehregler a la Audi oder BMW.

Auch das Lounge-Sitz-System, mit der sich die äußersten Rücksitze weit zurückfahren und gleichzeitig in die Mitte rücken lassen, überzeugt nicht auf voller Linie. Ja, Passagiere sitzen hinten damit sehr bequem - dafür tut sich dann allerdings zwischen den Sitzen eine gewaltige Lücke auf, die einen uneingeschränkten Blick in den Kofferraum zulässt. Das sieht nicht schön, sondern eher nach Provisorium aus.

Ganz abgesehen davon, dass dieses Feature zwar nett gemeint, aber eigentlich unnötig ist. Denn auf seiner Länge von mehr als 4,6 Metern bietet der Zafira auch so fürstliche Platzverhältnisse. Diese können Eltern mit drei Kindern dennoch nicht ganz glücklich machen, weil sich nur zwei Kindersitze anständig auf der Rücksitzbank montieren lassen. Für einen Van dieser Größe ist das ein kleiner Nachteil.

Angesichts all des Komforts und des gediegenen Ambientes ist der Namenszusatz Tourer von Opel allerdings klug gewählt. Lange Autobahnstrecken absolviert der neue Zafira mit Leichtigkeit. Hier fühlt sich auch das knurrige und stets akustisch präsente Diesel-Aggregat am wohlsten.

Die Zweiliter-Maschine mit ihren 165 PS beweist leider einmal mehr, dass Opel bei den Motoren immer noch schlechter aufgestellt ist als viele Wettbewerber. Vielmehr als mit seinem Tackern und Dröhnen stößt vor allem das Turboloch bei niedrigen Drehzahlen auf

Wer nicht aufpasst, würgt den Zafira schon einmal im Stadtverkehr ab. Immerhin passt das Getriebe mit den langen Schaltwegen dazu. Auch dieses ist eher auf Komfort und entspanntes Fahren getrimmt, was ja kein Nachteil sein muss. Schließlich ist der Zafira ein Kompaktvan und kein Coupé.

Aber hat dieser Zafira nun das Zeug zum Helden? Der Zafira ist ein gut gemachtes, optisch schönes Auto mit einigen Schwächen im Detail. Ein echtes Premium-Produkt sieht technisch vielleicht noch ein Stückchen besser aus. Der Zafira ist dem Volumensegment entwachsen ohne ganz oben angekommen zu sein. Ein bisschen spiegelt sich darin die Malaise von Opel wieder - nämlich premium und preiswert gleichzeitig sein zu müssen. Ein schwieriger Spagat. Das Zeug zum Alltagshelden für Familien hat der Zafira dennoch.

Allgemeine Daten

2.0 CDTI ecoFLEX, 121 kW, Strt/Stp, man. 6-Gang-Getr.1.4 Turbo, 88 kW, man. 6-Gang-Getr.

Anzahl Zylinder

4

4

Hubraum (cm3)

1.956

1.364

Verdichtungsverhältnis

16,5 : 1

9,5 : 1

Leistung, max. (kW (PS)/min-1

121 (165) / 4.000

88 (120) / 4.200 - 6.000

Drehmoment, max. (Nm/min-1)

350 / 1.750 - 2.500

200 / 1.850 - 4.200

Kraftstoffart

Diesel

Super

Verbrauchsdaten

2.0 CDTI ecoFLEX, 121 kW, Strt/Stp, man. 6-Gang-Getr.1.4 Turbo, 88 kW, manuelles 6-Gang-Getr.

Verbrauch, außerstädtisch (l/100 km)

4,6

5,5

Verbrauch, innerstädtisch (l/100 km)

6,2

8,8

Verbrauch, kombiniert (l/100 km)

5,2

6,7

CO2-Emission (g/km)

137

158

Abgasnorm

Euro5

Euro5

In eigener Sache: Dieser Fahrtest ist der siebte im Rahmen einer neuen Serie: Handelsblatt Online Redakteure testen besondere Fahrzeuge selbst. Einmal pro Woche erscheint ein neuer "Intensivtest". Den Auftakt hatte Florian Brückner im neuen Porsche 911 Carrera S gemacht, es folgte Frank G. Heide im Audi RS 5 Coupe.

Auf dem weiteren Programm stehen unter anderem Citroen DS5 Hybrid 4, VW Passat Alltrack, Dacia Duster, Audi A4 Avant TDI, und Bentley Continental GT V8. Nächste Woche an dieser Stelle: Der Hyundai i30.

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