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Reaktionen in Echtzeit Rechner am Funkmast sollen die Verkehrssicherheit erhöhen

Dichter Verkehr in Berlin am Abend auf dem Stadtring am Messegelände Quelle: dpa

Der Mobilfunkanbieter Vodafone ist Vorreiter in einem der wichtigsten Trends beim Computing der Zukunft: der Rechnerintelligenz direkt am Mobilfunkmast. Sie macht moderne Verkehrskonzepte wie etwa einen digitalen Schutzschild für Fußgänger überhaupt erst möglich.

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Es ist Winter, die Landschaft leicht verschneit und der Asphalt nass. Eine junge Frau will die Straße überqueren. Doch statt auf den Verkehr zu achten, starrt sie auf ihr Smartphone und läuft achtlos auf die Fahrbahn – obwohl sich von links ein Auto nähert. Der Wagen erkennt die Frau auf der Straße dank einer Warnung ihres Smartphones ans Mobilfunknetz automatisch. Im Display des Fahrzeugs blinkt ein Warnzeichen auf – und das Auto leitet den Bremsvorgang ein, ohne dass der Fahrer überhaupt reagieren muss.

Was klingt wie Zukunftsmusik, haben der Mobilfunkanbieter Vodafone und der Automobilzulieferer Continental bereits Anfang 2019 auf der Automobilteststrecke in Aldenhoven bei Jülich unter Realbedingungen demonstriert. Vodafone betreibt auf dem Gelände sein 5G Mobility Lab und hat dort auch seine deutschlandweit erste Funkantenne in dem allerneuesten Mobilfunkstandard errichtet.

Der wichtigste Bestandteil für den digitalen Fußgängerschutzschild ist aber nicht das superschnelle Mobilfunknetz: Damit das Auto in Echtzeit reagieren kann, müssen die Daten möglichst nah vor Ort verarbeitet werden, also mehr oder weniger direkt am Mobilfunkmast. Mit diesem Ansatz ist Vodafone Vorreiter in einem der wichtigsten Trends beim Computing der Zukunft: dem sogenannten Edge Computing. Daten werden dabei nicht mehr wie beim Cloud Computing in weit entfernten Rechenzentren verarbeitet, sondern an der Edge, englisch für Rand, des Netzwerks. „Autos werden so zu Smartphones auf Rädern“, sagt Hannes Ametsreiter, Chef von Vodafone Deutschland. „Mit Sensoren und Kameras, die uns per Mobilfunk in Echtzeit vor Gefahren warnen.“

Grund für die Bemühungen von Vodafone und Continental: Zwar sinkt die Zahl der Verkehrstoten seit Jahren durch immer bessere Sicherheits- und Assistenzsysteme in den Autos. Gleichzeitig steigt aber die Zahl der Verkehrsunfälle, unter anderem weil die Zahl der Fahrzeuge und damit die Verkehrsdichte seit Jahren zunimmt. Davon sind besonders schwächere Verkehrsteilnehmer betroffen: Laut Statistischem Bundesamt waren im Jahr 2017 ein Viertel der Verkehrstoten Radfahrer und Fußgänger. Und im gleichen Jahr starben mehr als 30 Radfahrer, weil sich ihr Weg mit dem abbiegender Lkw oder Busse kreuzte.

Hier setzen die beiden Unternehmen mit dem digitalen Schutzschild für Fußgänger an. Sie statten die Verkehrsteilnehmer mit einem Kommunikationsmodul aus. Für Fahrradfahrer und Fußgänger genügt ein Smartphone, Autos erhalten ein spezielles Mobilfunkmodul. Über die Basisstation des Handynetzes tauschen alle, die auf der und neben der Straße unterwegs sind, permanent ihre Position und Fahrtrichtung aus. Stellt das System fest, dass sich die Wege gefährlich kreuzen, wird gewarnt – und bei großer Gefahr werden die Autos automatisch abgebremst.

Das alles gelingt durch einen besonderen technischen Kniff: Winzige Rechenzentren mit extrem kurzen Zugriffszeiten in der Nähe der Mobilfunkmasten erlauben eine Analyse der Standort- und Fahrtdaten nahezu in Echtzeit. Denn dank Edge Computing müssen die Signale nicht mehr komplett ins Mobilfunknetz zu einem entfernten Rechenzentrum geschickt und wieder zurückgeschickt werden. Das verkürzt die Laufzeiten auf unter zehn Millisekunden – wichtige Voraussetzung für Verkehrskonzepte wie das von Vodafone und Conti.

Eine weitere Idee des Mobilfunkanbieters ist der digitale Rettungsgassen-Assistent. Diesen erprobt das Unternehmen gemeinsam mit dem Autohersteller Ford schon heute auf den Straßen Düsseldorfs. Tritt der Ernstfall ein, warnt das System automatisch alle Autos in der Umgebung eines Unfalls – dank Mobilfunk sogar über mehrere Kilometer Entfernung. Dies soll Massenkarambolagen vermeiden. Zudem testet Vodafone eine digitale Schlecht-Wetter-Warnung per Mobilfunk: Dabei alarmiert ein Fahrzeug etwa bei plötzlichem Platzregen oder Blitzeis automatisch alle Autos in der Umgebung.

Viele dieser Konzepte laufen dank des Rechenzentrums nahe am Funkmast nicht nur in 5G, sondern ebenfalls bereits in den bestehenden LTE-Netzen der vierten Generation. Daher, so jedenfalls die Hoffnung von Vodafone, könnte ein erster Serienlauf bereits deutlich vor dem flächendeckenden Ausbau mit 5G-Netzen erfolgen. Deutschland-Chef Ametsreiter: „Schon Anfang der 2020er Jahre könnten Autos auf unseren Straßen fahren, die die Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer erhöhen.“

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