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Roboterautos Das Ende von Linienbus und Straßenbahn

Autonome Fahrzeuge stellen nicht nur die Autobranche vor Herausforderungen. Am schnellsten überrollt werden dürfte der öffentliche Transport.

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Autonomer Minibus von Navya oder selbstfahrende Autos vom Fahrdienst Uber. Quelle: dpa Picture-Alliance

John Zimmer fuhr vor ein paar Jahren auf der Autobahn nach New York City, als ihm etwas merkwürdig vorkam.

Überall um ihn herum waren diese leeren Sitze: Autos, in denen nur der Fahrer saß. Zimmer, damals noch Student an der Cornell University, kam auf eine Geschäftsidee. Im Jahr 2007 gründete er Zimride, einen Onlinedienst für Mitfahrgelegenheiten: Autofahrer konnten die leeren Plätze in ihrem Wagen an Passagiere vermarkten.

Zimride heißt jetzt Lyft und ist mit rund zwei Milliarden Dollar Venture Capital eines der bestfinanzierten Start-ups weltweit. Und Zimmer hat inzwischen viel radikalere Pläne für die Mobilität der Zukunft entwickelt. Vor ein paar Tagen veröffentlichte er auf der Onlineplattform Medium einen Masterplan, der in den nächsten Jahren nichts anderes als eine „Revolution der Mobilität“ lostreten soll.

Der Bus der Zukunft fährt (fast) von allein
Daimler Bus der Zukunft Quelle: Daimler
Daimler selbstfahrender Bus Quelle: Daimler
Die Jungfernfahrt fand jetzt in Amsterdam statt: Auf einer rund 20 Kilometer langen Strecke absolvierte der Future Bus mit CityPilot seine erste autonome Fahrt im Stadtverkehr. Der Bus fährt auf einem Teilstück der längsten Expressbus-Linie Europas (Bus Rapid Transit, BRT) bis zu 70 km/h. Der Fahrer ist an Bord und überwacht das System, wird dabei aber erheblich entlastet. Quelle: Daimler
Der CityPilot ist eine Weiterentwicklung des Lkw-Systems HighwayPilot, Quelle: Daimler
Future Bus Quelle: Daimler
Der CityPilot umfasst sowohl aktuelle Assistenzsysteme, die zum Beispiel für die Reisebusse von Mercedes-Benz verwendet werden, als auch zusätzliche Systeme, die teilweise von der Daimler-Trucks-Sparte übernommen und für den Stadtverkehr weiterentwickelt wurden. Die Ausstattung umfasst Fern- und Nahbereichsradar, eine Vielzahl von Kameras sowie das satellitengesteuerte Ortungssystem GPS . Zukunftsweisend ist die intelligente Vernetzung der Kameras und Sensoren. Durch sie entsteht ein präzises Bild der Umgebung und der exakten Position des Omnibusses. Quelle: Daimler
Vor dem Bus leuchtet eine spezielle Ampel auf. Quelle: Daimler

Zusammen mit dem Autokonzern General Motors, der 500 Millionen Dollar in Lyft investiert hat, will Zimmer schon 2017 selbstfahrende Taxis einsetzen. Sie sollen noch langsam, auf festen Routen und nicht bei jedem Wetter fahren. Ein bis zwei Jahre später will der Unternehmer die Roboterautos auf variablen Strecken einsetzen. 2021 soll Lyft die Mehrheit seiner Fahrten mit selbstfahrenden Autos erledigen. „Gegen 2025“, resümiert er, „wird privater Autobesitz den Weg der DVD gehen.“ Also den ins Abseits.

Testfahrt im Roboterbus

Zimmers Pläne klingen nach einer kühnen Vision. Aber der Unternehmer ist nicht der einzige Avantgardist. Auch Konkurrenten wie Uber und Google sowie Autokonzerne arbeiten an ähnlichen Konzepten – die Forscher rund um den Globus für ziemlich realistisch halten. Nicht nur auf die Automobilbranche rast damit der Express der Umwälzung zu: „Die Existenz des heutigen öffentlichen Nah- und Fernverkehrs wird durch das autonome Fahrzeug bedroht“, warnt ein Positionspapier des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen.

ICE und TGV ein Fall fürs Museum

Denn was regionale Verkehrsbetriebe, Schienenverkehr und Co. heute leisten, können Lyft und Konsorten bald effizienter und günstiger. Werden ICE und TGV, Straßenbahn und Underground bald ausrangiert und landen auf einem Platz im Museum?

Die Vorboten der Revolution sind längst im Einsatz: Weltweit testen Google, Lyft, Daimler und Dutzende andere Unternehmen ihre Roboterautos auf der Straße. Das Start-up Nutonomy etwa setzt in Singapur selbstfahrende Autos schon für den Taxiverkehr ein. Der Fahrtenvermittler Uber kutschiert in Pittsburgh Fahrgäste per Autopilot. Und in Helsinki, der Stadt Sitten in der Schweiz und in Gelderland in den Niederlanden sind bereits selbstfahrende Minibusse unterwegs.

Gewaltiges Plus an Lebensqualität

Laut einer Studie des Weltverkehrsforums, einer internationalen Organisation der OECD, brächte die Verkehrswende, an der hier leise gearbeitet wird, Stadtbewohnern ein gewaltiges Plus an Lebensqualität. Sie kämen in Robotertaxis schneller zum Ziel, ohne Umsteigen und lange Wartezeiten. Die Fahrten kosteten, auch ohne Subventionen, halb so viel wie heutige Tickets im öffentlichen Nahverkehr. 95 Prozent der Parkplätze könnten für neue Häuser, Cafés, Geschäfte, Parks genutzt werden. Staus wären Vergangenheit, der Straßenverkehr ginge um bis zu 37 Prozent zurück.

Die Szenarien klingen so verlockend, dass Wissenschaftler wie Berater ausgiebig hoch- und vorrechnen, worauf sich die Städte der Zukunft vorbereiten sollten. So simulierten Experten des Weltverkehrsforums am Computer gut 1,1 Millionen Trips an einem Werktag in der Stadt Lissabon und berechneten anhand von Fahrzeiten und Wahrscheinlichkeitsmodellen, welches Verkehrsmittel die Menschen präferieren würden. Auch Berater der Boston Consulting Group (BCG) haben die Folgen der autonomen Mobilität untersucht. Die Ergebnisse müssen vor allem Verkehrsverbünde und die Deutsche Bahn aufhorchen lassen.

Spontane Routen für maximal 12 Passagiere

Denn herkömmliche Buslinien werden demnach komplett überflüssig. Auch Straßenbahnen stehen zur Disposition. Stattdessen werden, so glauben die Experten, kleine Busse für etwa zwölf Passagiere eingesetzt. Und die werden ihre Routen durch die Stadt spontan anhand der Fahrtziele berechnen.

Züge werden 40 Prozent ihrer Fahrgäste verlieren, prophezeien die BCG-Berater. Denn Robotershuttles sind schneller und außerhalb von Stoßzeiten sogar preiswerter.

Auch private Autos, Motorräder und herkömmliche Taxis verschwinden in den Berechnungen größtenteils. In der Simulation des Weltverkehrsforums werden sie sogar weitgehend von geteilten Robotershuttles ersetzt, die Nutzer per Handy bestellen. BCG rechnet etwas konservativer mit 57 Prozent weniger Privatautos in der Stadt.

Fernbusse werden verschwinden

Bleiben noch große Fernbusse mit 50 und mehr Sitzen: Die werden ganz verschwinden, glaubt Michael Schramek, Vorstandsvorsitzender des Netzwerks für intelligente Mobilität (Nimo), eines Vereins, der sich für neue Verkehrskonzepte einsetzt. An ihre Stelle treten dann ebenfalls autonome Kleinbusse, die nicht mehr den zentralen Busbahnhof ansteuern, sondern ihre Fahrgäste direkt an ihrem Zielort absetzen.

Der künftige Star in der Stadt könnte somit ein Verkehrsmittel werden, mit dem bisher kaum jemand gerechnet hatte: „Der autonome Minibus“, sagt Nikolaus Lang, Senior Partner und Verkehrsexperte bei BCG, „wird einen großen Teil des öffentlichen Nahverkehrs übernehmen.“ Davon sind auch Wagniskapitalgeber überzeugt: Das französische Bus-Start-up Navya hat gerade 34 Millionen Euro eingesammelt.

Pilotversuche erfolgreich

Wie die Zukunft aussehen könnte, lässt sich schon heute in Finnland bei einem der weltweit ersten Pilotversuche erleben: Im Hafenviertel Hernesaari von Helsinki, auf einer Straße zwischen Industriehallen und schicken Restaurants mit Meerblick, pendelt alle paar Minuten zwischen zwei Haltestellen ein Fahrzeug, das wie direkt aus der Zukunft herangerollt scheint. Wie eine Seilbahngondel auf Rädern, ganz ohne Fahrer, stoppt der Bus präzise an einer gelben Markierung auf dem Asphalt. Dann öffnet sich die Schiebetür.



An der Haltestelle neben der öffentlichen Sauna stehen die Menschen Schlange für eine Fahrt im Roboterbus. Bis zu zwölf Fahrgäste haben Platz an Bord, darunter der Rentner Harry v. Haartman, der mit seiner Frau zufällig vorbeispaziert ist. „Wir sind müde“, scherzt er, „wir können eine Taxifahrt gebrauchen.“ Und steigt, auf seinen Gehstock gestützt, in den Bus ein.

Verkehrsregeln problemlos gemeistert

Dort drückt ein Mitarbeiter auf einen roten Knopf. Und los geht die Testfahrt: Der Bus nimmt den Kreisverkehr, biegt auf die Uferstraße ein und beschleunigt. Mit gemächlichen elf Kilometern pro Stunde geht es voran. Nach ein paar Hundert Metern die erste Hürde: Ein Passant tritt auf den Zebrastreifen, um die Straße zu überqueren. Die Passagiere recken neugierig die Köpfe. Alles geht gut, zwei Meter vor dem Mann stoppt der Bus. Weiter geht es, bis zur nächsten Kreuzung. Hier hat der Bus Vorfahrt und rollt langsam geradeaus weiter.

Testfahrer im Glück

„Das macht Spaß“, sagt Haartman, „aber dass es auch mitten in der Innenstadt funktioniert, glaube ich nicht.“

Er hat recht: Der Bus kann noch nicht mit anderen Fahrzeugen etwa die Vorfahrt aushandeln oder einen Bogen um Falschparker schlagen. Deshalb kommt Harri Santamala oft vorbei, um sich anzuschauen, wie gut der Roboterbus die Fahrt schon meistert. Der Forscher von der Metropolia University of Applied Sciences leitet die autonome Buslinie. „Wir wollen herausfinden, wie andere Verkehrsteilnehmer reagieren“, sagt er.

Mit welchen Hindernissen Elektroautos kämpfen

Noch ist der Bus auf einer fixen Route unterwegs: Die Forscher haben dem Fahrzeug vom französischen Hersteller Easymile die einige Hundert Meter lange Strecke einprogrammiert. In den Stoßstangen und auch dem Dach sind Laser eingebaut, die die Umgebung scannen und Objekte erkennen. „Der Bus hält von selbst die Spur“, sagt Santamala, „er erkennt Hindernisse und stoppt an Zebrastreifen.“ Der Projektleiter gibt sich zuversichtlich, dass autonome Minibusse ihre technologischen Handicaps bald überwinden und schon bald im regulären Betrieb unterwegs sein werden. Etwa in Außenbezirken, wo sie Bewohner zur nächsten Metrostation bringen. Oder in Fußgängerzonen, wo es keinen öffentlichen Nahverkehr gibt. Auch BCG-Experte Lang ist optimistisch: „In den nächsten fünf Jahren werden sich alle großen Städte mit dem autonomen Fahren auseinandersetzen müssen.“

Selbstfahrende Taxibusse machen der Bahn Konkurrenz (Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken.)

Das ultimative Ziel ist der Roboterbus, der überall in der Stadt unterwegs ist. Der Bushaltestellen und feste Buslinien ersetzt und stattdessen seine Route selbst berechnet, anhand der Standorte und Ziele seiner Passagiere. Und nach allem, was Autohersteller wie Volvo, Ford oder BMW verlauten lassen, könnten 2021 die ersten Gefährte verkauft werden, die dazu in der Lage wären. Schon ein paar Jahre später könnten dann ganze selbstfahrende Flotten auf den Straßen unterwegs sein.

Keine Pilotversuche für Deutschland

Bis zur Zeitenwende bleibt also nicht mehr viel Zeit. Und die Verkehrsbetriebe? Keiner in Deutschland hat bisher einen Pilotversuch mit autonomen Bussen angekündigt. Im Gegenteil: München investiert gerade elf Millionen Euro in herkömmliche Busse. Duisburg schafft für 134 Millionen Euro neue Straßenbahnen an. Und in Berlin schlagen Verkehrsexperten den Bau von 100 Kilometern neuer Straßenbahnstrecken vor, für zwei Milliarden Euro und bis zum Jahr 2050. Die deutschen Städte investieren heute für die nächsten Jahrzehnte – in Technologien der Vergangenheit.

Für Angreifer wie den Lyft-Chef sind sie damit ganz leichte Beute.

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