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Rolls Royce Ghost Der Geisterfahrer

Michael Goetz ist Schauspieler, Sänger – und betreibt einen Limousinen-Service in Hollywood. Für die WirtschaftsWoche testete er das neue Rolls-Royce Einsteigermodell Ghost.

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Schauspieler und Sänger Michael Goetz sitzt vor dem neuen Rolls Royce Ghost Quelle: Gabor Ekecs für WirtschaftsWoche

Mein Onkel William war ein reicher Mann, der sich als Mitbegründer der Filmgesellschaft 20th Century und Leiter der Universal Studios in Hollywood einigen -Luxus erlauben konnte – Rennpferde und allerlei teure Autos. In seiner Garage stand unter anderem ein 61er Rolls-Royce. Der Wagen hatte eine Außenlackierung in Burgundrot und eine Innenausstattung in braunem Leder. Ich erinnere mich noch gut an das Auto, denn in jungen Jahren durfte ich es bei einem Besuch in Florida einmal lenken. Er fuhr sich wie ein Truck, war aber eine Erscheinung, die jedem Respekt einflößte.

Später arbeitete ich in Kalifornien zeitweise als Chauffeur für einen anderen reichen Mann, der 15 Rolls-Royce besaß. Als ich später selbst einen Limousinenservice gründete, war es für mich deshalb keine Frage: In den Fuhrpark musste auch ein Rolls. Mittlerweile sind es sogar zwei. Geleast natürlich, und einer ist auch nicht mehr original: In einem Spezialbetrieb wurde er verlängert, damit im Fond sechs Personen Platz nehmen können. Ein Phantom ist hier in L.A. das perfekte Showcar. Ich bin deshalb gespannt, wie sich der Ghost, der neue „kleine“ Rolls, schlagen wird. Wie es der Zufall wollte, wählte Rolls-Royce Motors das Orange County zum Terrain für die Fahrvorstellung – und stellte mir ein Auto in Burgundrot für eine Testfahrt zur Verfügung.

Sein und Schein

Der Phantom ist je nach Ausführung zwischen 5,80 und 6,08 Meter lang, mehr als 1,60 Meter hoch und wiegt knapp drei Tonnen. Der Ghost hievt leer etwas mehr als 2435 Kilo auf die Waage, hat in der Version mit kurzem Radstand eine Länge von knapp 5,40 Metern und eine Höhe von 1,55 Metern. Der „kleine“ Rolls ist also alles andere als ein Kompaktwagen, eher ein „Country Car“, wie man hier sagt: ein Auto, mit dem man ins Wochenende fährt.

Natürlich kann man damit auch gut ins Büro fahren oder zum Shoppen – es ist ein Auto für den täglichen Gebrauch, auch geeignet für Frauen. Understatement sieht allerdings anders aus: Trotz der kompakteren Bauweise ist es eine Super-Luxuslimousine mit üppigem Platzangebot. Und auch wenn der Kühler deutlich kleiner ausfällt, ist der Ghost sofort als ein Rolls-Royce erkennbar. Dafür sorgt schon die „Spirit of Ecstasy“, diese wunderbare geflügelte Kühlerfigur, die allein in Deutschland Emily gerufen wird. Typisch Rolls sind auch die hohe Gürtellinie und die etwas erhöhte, „Authority position“ genannte Haltung des Fahrers hinter dem Lenkrad, in der man das Auto zumindest nach vorn gut überblickt.

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    Fläzen können hingegen die Passagiere im Fond, speziell wenn die Lounge-Sitzbank installiert ist und der üppige Fußraum mit Lammfell ausgelegt ist. Wunderbar weiches Handschuhleder, Edelhölzer und silberne Zierteile gibt es überall reichlich zu bestaunen, wenngleich längst nicht mehr alles Silber ist, was glänzt: Teilweise blickt man auf galvanisierte Plastikteile. Und beim Zuziehen der schweren Türen greifen die Finger in eine schwarze Hartplastikmulde. Da drückt man lieber auf den Taster, um die schweren, hinten angeschlagenen Türen elektrisch zu schließen.

    Konzernmutter BMW hat dem Ghost einen modernen Zwölf-Zylinder-Motor mit Benzindirekteinspritzung und doppelter Turboaufladung spendiert, der 570 Pferdestärken mobilisiert und den 2,5-Tonner in 4,9 Sekunden auf 100 km/h katapultiert. Wow, denkt man und tritt vorsichtig aufs Gaspedal. Doch trotz 780 Newtonmetern Drehmoment beschleunigt der Ghost beim ersten Versuch keineswegs wie ein Sportwagen – bis mein Auge auf die Power Re-serve Control im Armaturenbrett fällt.

    Demnach ist die Leistung des Motors nicht einmal zu 50 Prozent ausgeschöpft. Wow! Voll ausschöpfen werden die Fahrer in den USA das ganze Potenzial des Motors wahrscheinlich nie. Auch die Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h (theoretisch, heißt es bei Rolls-Royce, wären mit einer anderen Fahrwerksabstimmung sogar 320 km/h drin) sind bei den Tempolimits hier im Land nicht zu erreichen. Vielleicht ist das auch ganz gut so. Denn der Bordcomputer weist nach einer zügigen Fahrt durchs Orange County, über Freeways und gut ausgebaute Landstraßen, einen Verbrauch von 13 Miles per Gallon aus – umgerechnet sind das 18 Liter auf 100 Kilometer. So viel schluckte in den Neunzigerjahren mein Cadillac. Bei etwas Zurückhaltung sollte sich der Verbrauch allerdings auf 15 Liter senken lassen. Dennoch: Unter Ökoaspekten ist der Ghost eher ein Geisterfahrer. Ich bin nicht unbedingt ein Umweltaktivist, aber ich denke, in Goodwood sollte man mal über einen Hybridantrieb für das Auto nachdenken oder zumindest über eine Start-Stopp-Automatik.

    Schalten und Walten

    Innenraum des neuen Rolls Royce Ghost

    Kombiniert ist der seidenweich und (im Bummeltempo) flüsterleise laufende Zwölfzylinder mit einer Acht-Gang-Automatik, mit der die Motorkraft in jeder Fahrsituation perfekt auf die Räder gelenkt wird: sehr komfortabel, auf Wunsch auch ganz dynamisch. Auch die Luftfederung zeigt sich sehr lernwillig: Ein komplexes Computersystem wertet ständig die Werte von unzähligen Sensoren im Fahrzeug aus und berechnet die Dämpfereinstellungen alle 2,5 Millisekunden. Ein Rolls war früher ein Auto, dessen Erbauer sich nur mäßig für den technischen Fortschritt zu interessieren schienen. Der Ghost, da täuschen die altmodischen Zugschalter etwa an den Lüfterdüsen ein wenig, ist voll auf der Höhe der Zeit. Ob Abstandsradar, Nachtsichtsystem, aktive Rollstabilisierung, Traktionskontrolle, Navigationssystem oder iPhone-Adapter – der Fahrer muss hier nichts missen.

    Geld und Kapital

    Während der gut 200 Meilen durch Kalifornien habe ich den Ghost schätzen gelernt. Mein Fazit? Ja, ich würde ihn mir privat kaufen, wenn ich eine Viertelmillion Euro zu viel hätte. Für den Einsatz in meiner Limo-Flotte, wo ich auf jeden Cent achten muss, ist er mir indes zu teuer. Einen Jaguar XJ in Top-Version gibt es für 150.000 Euro. Und der erfüllt den gleichen Zweck. Also: Wenn schon Prunk und Pracht, dann einen Phantom für 400.000 Euro – und dazu einen Ghost für den Hausgebrauch.

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