Schadstoff-Experte zum VW-Skandal "Diesel könnte viel umweltfreundlicher sein"

Für Lars Mönch vom Umweltbundesamt macht der VW-Betrug vor allem klar, was technisch möglich wäre. Im Interview ordnet er ein, wer am meisten schädliche Abgase produziert: Autos, Laster oder Schiffe.

Der VW-Betrug zeigt, wie umweltfreundlich Diesel-Fahrzeuge sein könnten, wenn die Hersteller wollten Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Mönch, die ganze Welt regt sich gerade darüber auf, dass VW bei den Diesel-Abgasmessungen systematisch betrogen hat. Was ärgert Sie daran am meisten?

Lars Mönch: Was mich wirklich enttäuscht, ist, dass es ja offensichtlich technisch möglich ist, einen Dieselmotor unter allen Fahrbedingungen mit niedrigsten Emissionen zu betreiben. Ingenieure - und die möchte ich da ausdrücklich in Schutz nehmen - können so etwas konstruieren und bauen.

Aber die schadstoffsparende Technik kam nur unter Testbedingungen zum Einsatz?

Genau. Ingenieure können das realisieren, aber als übergeordnete Firmen-Entscheidung wird das dann nicht im ganz normalen dauerhaften Fahrbetrieb umgesetzt. Das heißt andersherum: Diesel-Fahrzeuge stoßen viel mehr Schadstoffe aus, als es aus technischer Sicht möglich wäre. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass in Firmen so viel ingenieurtechnische Leistung vorhanden ist, dass Dieselmotoren viel umweltfreundlicher sein könnten, als sie es sind.

Zur Person

Warum setzen die Unternehmen das dann nicht um?

Darüber kann man nur spekulieren, und das will ich lieber nicht.

Diskutiert wird, dass die Harnstoff-Zufuhr das Problem sei. Der Harnstoff senkt den Schadstoffausstoß, wird vornehm aber als AdBlue bezeichnet, damit die Autofahrer nicht ständig daran denken müssen, was sie da im Tank haben.

Ja, da gibt es verschiedene Gesichtspunkte. Es könnte sein, dass die Harnstoff-Versorgung in den USA nicht ausreichend ist, oder dass man nur zu den Inspektionsterminen Harnstoff tanken will. Vielleicht ist Harnstoff auch einfach zu kostspielig.

Ist Harnstoff denn teuer?

Das ist in jedem Markt anders. Also billig ist Harnstoff nicht. Aber als Autofahrer muss ich mir doch überlegen: Will ich meine eigene Atemluft schädigen, wenn ich nicht genügend Harnstoff verwende. Klar ist jedenfalls, dass eine exakt betriebene Anlage eine gewisse Menge Harnstoff braucht.

Bei aller Aufregung um die Diesel-Autos, die zumindest in den USA, vielleicht aber auch in Europa viel zu viele Schadstoffe ausstoßen - sind Lastwagen und Schiffe nicht ein viel größeres Problem? Stoßen sie nicht das Vielfache an gesundheits- und umweltschädlichen Stickoxiden und Feinpartikeln aus?

Natürlich sind Lkw und Schiffe eine riesengroße Schadstoffquelle, völlig unstrittig. Allerdings ist es schon heute so, dass in der neuesten und bereits gültigen Abgasverordnung für Lkw eine ganz neue Methodik zum Einsatz kommt. Es wird beim realen Fahren gemessen, also nicht wie beim Pkw auf dem Rollenprüfstand, wo Fahr- und Luftwiderstand nur simuliert werden. Das heißt, das neue Lkw-Modell, das zugelassen werden soll, bekommt die ganzen Prüfgeräte eingeladen und muss dann eine bestimmte Teststrecke wirklich fahren. Das ist viel genauer als das bisherige Verfahren. Und daraus ist für die Lastwagen auch ein Grenzwert für den realen Betrieb abgeleitet worden. Ein entsprechendes reales Testverfahren samt Grenzwert wird für den Pkw-Bereich in Europa gerade erst aufgesetzt. Ein erster Grenzwertvorschlag soll im Dezember vorliegen.

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