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Sebastian Thrun über das autonome Auto „Deutschland sollte besser keine Zeit mehr verlieren“

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„KI ist der Schlüssel. Ohne wird es nicht gehen.“

Es wird dann auch Verlierer geben.
Natürlich. Ein Robotaxi, das 15 Stunden am Tag rollt, statt wie heute eine, würde wie gesagt mehrere private Autos ersetzen. Diese Autos baut jemand und beschäftigt damit Menschen. Die Autoindustrie muss ihr Geschäftsmodell also grundlegend verändern. Statt sehr teure Autos und ein bisschen After-Service zu verkaufen, muss sie ganzheitliche Mobilität anbieten: Die Leute werden dafür bezahlen, dass sie schnell, sicher und umweltfreundlich von A nach B gebracht werden. Die Fragen, welche Verkehrsmittel das sein werden oder gar Autos welcher Marke, werden immer unwichtiger.

Das sind keine schönen Szenarien für Deutschland, das wie kein anderes Land wirtschaftlich vom Auto abhängt.
Nein. Aber es bringt ja nichts, eine Technologie zu beschützen, die nicht mehr in die Zeit passt. Ich mache mir um Deutschland da übrigens gar keine allzu großen Sorgen. Wir haben immer technische Lösungen für neue Herausforderungen entwickelt. Wir müssen allerdings aufpassen, dass die Politik nicht die falschen Anreize setzt. Im Moment finde ich die Debatte in Deutschland etwas zu sehr von den Neinsagern und Bremsern dominiert. Wir sollten darauf achten, dass dabei die Chancen nicht kleingeredet werden. Denn es ist ja abseits von CO2 und Rohstoffen auch ein immenser Gewinn für die Gesellschaft, wenn weniger Autos die Innenstädte und Autobahnen verstopfen.

Wenn es weniger Lärm und Abgase gibt, hat das positive Rückkoppelungen auf die Gesundheitskosten, den Flächenverbrauch, die Infrastrukturausgaben. Straßen und Brücken halten länger. Raum kann anderweitig genutzt werden. In Städten wie Amsterdam und Kopenhagen sieht man das schon in Ansätzen.

Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz (KI) für die Mobilität der Zukunft, und wie stehen die deutschen Anbieter da?
KI ist der Schlüssel. Ohne wird es nicht gehen. Nur mit einem lernfähigen Algorithmus lässt sich die Menge der Geodaten so auswerten, dass ein vernünftiges Bündeln möglich wird: etwa mehrere Pendler. Die KI lernt zum Beispiel, dass Herr Mayer um 9 Uhr von Solingen nach Köln möchte, es gibt zwei weitere Menschen, die das auch gerne möchten. Ein dritter wohnt auf dem Weg, sagen wir, in Langenfeld. Der möchte zwar eigentlich schon um 8:50 Uhr los, ist aber bereit, auf das Sammeltaxi maximal x Minuten zu warten, wenn der Preisnachlass y ist - und so weiter. Dabei geht es im Kern um Mustererkennung und das Gewichten von Wünschen und Notwendigkeiten. Das kann KI. Das ist ihre größte Stärke.

Nun kann aber nicht jeder Fließbandarbeiter KI-Professor werden. Die Ängste der Gewerkschafter vor dem Automobil der Zukunft scheinen nicht ganz unberechtigt.
Das ist auch gar nicht nötig. Man benötigt auch Menschen, die Daten generieren, erfassen, auswerten und sortieren. Und es gibt für jeden einen Schritt nach vorn. Neue Bildungsinstitute wie Udacity bieten so genannte Mikro-Diplome an, die man neben dem Job erwerben kann. Bei fast jedem Techkonzern im Silicon Valley finden sich inzwischen Quereinsteiger in mittel-qualifizierten Jobs mit solchen Mikrodiplomen.

Wer ist mit der KI im selbstfahrenden Auto derzeit am weitesten?
Nun, Firmen wie Uber, Didi und Lyft sammeln enorme Mengen Daten und trainieren ihre KI bereits damit. Und die Google-Tochter Waymo ist mehr als zehn Millionen Kilometer nahezu unfallfrei autonom gefahren, die nächsten Konkurrenten sind meines Wissens die GM-Tochter Cruise aus Detroit und Tesla. Das liegt nicht daran, dass Waymo oder GM bessere Autos mit besseren Sensoren, Bremsen und Kameras bauen. Es liegt an der KI. Google fährt einfach sehr viele Testkilometer ab; Tesla nutzt seine eigenen Kunden als Datenlieferanten und integriert diese Informationen stetig in den Entwicklungsprozess. Die deutschen Hersteller sollten besser keine Zeit mehr verlieren. Die Möglichkeiten sind da. Deutschland hat sehr gute KI-Forscher und Universitäten.

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