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Standards Der Stecker-Trick aus dem Sauerland

Jahrelang gab es Streit um einen EU-weit einheitlichen Stecker für Elektroautos. Nun wird eine Technik aus dem Sauerland zum Standard.

Der Streit um das Design eines EU-weit einheitlichen Ladesteckers für E-Mobile nähert sich einem Ende. Quelle: dpa-tmn

Vier Jahre lang haben vor allem Frankreich, Italien und Deutschland darum gestritten, wie ein einheitlicher europäischer Ladestecker für E-Mobile aussehen soll. Ohne eine Einigung drohte Autofahrern der Albtraum: Würden sie mit ihrem Elektroauto oder ihrem Plug-in-Hybrid durch Europa reisen, müssten sie sich vorher zig Adapter kaufen, um den Wagen auch im Urlaub laden zu können.

Die beliebtesten E-Autos der Welt
FankreichFrankreichs Autobauer setzen voll auf Elektromobilität. Doch das E-Auto, das sich in der Grande Nation am besten verkauft, ist kein Renault, kein Peugeot und kein Citroen. Platz 1 geht an das Modell Bluecar des französischen Mischkonzerns Bolloré. Es wurde im ersten Quartal über 700 Mal abgesetzt. Insgesamt wurden schon über 1800 Bluecars in Frankreich zugelassen – die meisten jedoch nicht durch Privatkunden, sondern den Pariser Car-Sharing-Anbieter Autolib. Französische Privatkunden können das Bluecar ab Juni für 330 Euro pro Monat leasen – bei Fahrtkosten von 1,50 Euro pro 100 Kilometer kein schlechter Deal. Quelle: dapd
In Japan führt ein alter Bekannter das E-Auto-Ranking an: Der Nissan Leaf. Unter den Elektro-Großserienfahrzeugen der ersten Stunde gehört es zu den besten und erfolgreichsten. 2011 wurden wegen des Erdbebens in Japan nur 20.000 Stück gebaut, in diesem Jahr strebt Nissan 40.000 an. Im Heimatmarkt wurden im ersten Quartal knapp 2800 Leaf abgesetzt. Quelle: dapd
USAIn Frankreich ist ein französisches Modell top, in Japan ein japanisches – und in USA ein amerikanisches. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Industriepolitik. Die Länder fördern den Verkauf heimischer E-Autos mit Kaufprämien von einigen tausend Euro. So landet in den USA der Chevrolet Volt ganz oben auf dem Treppchen mit über 3700 neu zugelassenen Fahrzeugen im ersten Quartal. Weltweit wurde das E-Auto, das auch über einen benzinbetriebenen Zusatzmotor verfügt, schon 23.000 Mal verkauft. In Deutschland ist das fast baugleiche Auto auch als Opel Ampera zu haben. Quelle: dapd
China hat große Pläne mit dem Elektroantrieb. Weil der Rückstand gegenüber den großen Autonationen bei herkömmlichen Antrieben nicht aufzuholen ist, will China mit E-Autos angreifen. Doch das in der DDR erfundene Manöver „Überholen ohne Einzuholen“ (Walter Ulbricht) gestaltet sich schwieriger als gedacht. Technische Probleme werfen die chinesischen Autobauer immer wieder zurück, was sich auch an den Zulassungszahlen ablesen lässt. Im ersten Quartal war das Modell A-Class von Jianghuai Automobile Co (JAC) das meistverkaufte E-Auto – mit ganzen 213 Fahrzeugen. Quelle: AP
DeutschlandDie deutschen Kunden gehen das Thema E-Auto pragmatisch an. Platz 1 im ersten Quartal geht an den elektrischen Renault Kangoo. Für Gewerbe, die für einen begrenzten Radius einen Transporter brauchen und unter hohen Benzin-Rechnungen leiden, ist die E-Version des Kangoo eine echte Alternative. Bei 20.000 Euro Kaufpreis zuzüglich einer monatlichen Batteriemiete von 72 Euro (zzgl. MwSt) kann sich das Fahrzeug durchaus rechnen. Das dachten sich wohl auch die 280 Käufer, die im ersten Quartal zugriffen. Den eher klassischen Autokäufer darf man dagegen hinter dem zweitplatzierten Modell vermuten,… Quelle: REUTERS
…dem Opel Ampera. Der technische Zwillingsbruder des Chevrolet Volt wurde im ersten Quartal 250 Mal abgesetzt. Das ist nur gut ein Prozent der weltweit verkauften Volts und Amperas. Am Produkt selbst kann das geringe Interesse in Deutschland nicht liegen, denn der Ampera ist ein Auto, das die meisten Alltagsstrecken (bis 80 Kilometer) elektrisch und kostengünstig schafft, dank des zusätzlichen Benzinmotors aber auch alle Vorzüge eines herkömmlichen Autos der Golf-Klasse hat. Was die Kunden abschreckt, ist wohl eher der Anschaffungspreis (43.000 Euro) und die Frage, wie viel so ein Auto nach ein paar Jahren noch Wert ist. Quelle: dpa
Mit mageren 110 Autos liegt der Renault Fluence auf Platz 3 hierzulande. Auch hier muss man sich die Kunden als preisbewusste Pragmatiker vorstellen, denn der Fluence hat Passat-Größe und kostet dennoch nur 26.000 Euro plus 82 Euro monatliche Batteriemiete. Noch günstiger und mit frischer Cabrio-Brise kann man in einem anderen elektrischen Gefährt reisen,… Quelle: Presse

Der Streit nähert sich dem Ende. Denn das als Mennekes-Stecker bekannte Ladegerät für Elektroautos steht europaweit kurz vor dem Durchbruch. Dieser blaue, siebenpolige und mit Pistolengriff versehene Stecker ist in Deutschland bereits etabliert. Die EU-Kommission will, dass alle Hersteller, die Autos in Europa verkaufen, diesen sogenannten Typ-2-Stecker einsetzen. Nun muss nur noch das Europaparlament zustimmen.

Der Stecker, der nun groß rauskommt, wurde von dem mittelständischen Unternehmen Mennekes Elektrotechnik aus dem sauerländischen Kirchhundem entwickelt. Geholfen hat den Entwicklern am Ende ein kleiner Trick: Denn bis zum Schluss bestand vor allem Frankreich auf einen in Italien hergestellten Stecker, der angeblich einen besseren Kinderschutz bietet, weil er eine Abdeckung bietet, die sich beim Einstecken an die Seite schiebt. „Der Einigungsprozess dauerte so lange, weil auch wirtschaftspolitische Interessen eine Rolle spielten“, weiß Mario Beier von der Geschäftsstelle Elektromobilität im Deutschen Institut für Normung (DIN) in Berlin.

Mittlerweile bietet auch der Mennekes-Stecker die gefragte Kinderschutz-Funktion. Auch wenn er „die gar nicht braucht“, sagt Stecker-Erfinder, Volker Lazzara. Mennekes schützt Kinder mit einem weitaus raffinierteren System als die mechanische Sicherung: Wenn an der Ladestation kein Strom abgerufen wird, bleibt die gesamte Station stromfrei. Auf einem offenen Stecker ist also nie Spannung. Die EU wollte den Kinderschutz trotzdem.

Zudem arbeitet der kommende Standardstecker nicht nur mit der heute üblichen Wechselspannung. Er kann auch an künftigen Ladesäulen andocken, die mit Gleichspannung arbeiten. Diese Technik soll die Ladezeiten auf weniger als 15 Minuten verkürzen.

Deutsche Plug-in-Hybride
Porsche Panamera Quelle: Presse
 Audi A3 Quelle: Presse
Der Opel Ampera Quelle: dapd
Der BMW Active Tourer Quelle: dpa
Der VW Golf wird Ende 2013 gezeigt und schafft mehr als 50 Kilometer rein elektrisch Quelle: dapd
Der VW Cross Blue Quelle: REUTERS

Weltweit gibt es als Konkurrenz noch den Typ-1-Stecker, der in Asien und Amerika üblich ist. Mennekes’ Typ 2 ermöglicht jedoch höhere Ladeleistungen und kürzere Ladezeiten. Das französische System wäre Typ 3 gewesen.

Überall, wo heute Starkstrom fließt, ist ein Mennekes-Stecker im Einsatz. 102 Millionen Euro setzte das Unternehmen im vergangenen Jahr mit solcher Technik um. Der Umsatz mit den Autoladeanschlüssen war dagegen mit knapp acht Millionen Euro 2012 noch bescheiden. Doch das wird sich jetzt ändern. Viele Abnehmer haben nicht in Infrastruktur für Elektroautos investiert, weil sie abwarten wollten, welches System sich durchsetzt.

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Den Markt wird sich Mennekes allerdings mit rund zehn weiteren Herstellern teilen müssen. Auf die eigene Entwicklung hat Mennekes kein Patent und daher auch kein Monopol. Nicht, dass Entwickler Lazzaro das vergessen hätte. „Hätten wir unsere Entwicklung patentieren lassen, hätten unsere Stecker keine Chance gehabt“, sagt er. „Ein Monopolprodukt wäre niemals zu einer Norm für eine ganze Region erhoben worden.“

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