Strategiezentrum So viel High-Tech steckt in der Formel 1

Wenn in der Formel 1 die Fahrer einen Rekord nach dem anderen brechen, liegt das nicht nur an ihrem Können. Nur mit massivem Einsatz von Computer- und Kommunikationstechnik sind die Pole Positions im Rennsport noch zu halten.

Ohne den massiven Einsatz von Computer- und Kommunikationstechnik wäre die Formel 1 nicht das, was sie ist. Quelle: dpa

Ein Formel1-Rennen verlangt den Fahrern höchste Konzentration ab. Jedes noch so kleine Detail oder Abweichung von der Norm muss der Fahrer sofort an das technische Team melden. Doch während des Rennens ist auch eine Menge Technik im Einsatz: Mehr als 400 Sensoren senden während eines Rennens permanent aktuelle Zustands- und Verbrauchsdaten beispielsweise aus Sebastian Vettels und Mark Webbers Rennboliden. per Mobilfunk  an den Kontrollraum von Infiniti Red Bull Racing (IRBR). Dort lassen Ingenieure und Strategen sämtliche Informationen in Echtzeit auswerten und können so ad hoc Empfehlungen an die Cockpits geben.i

Von Höckernasen und "Kinky Kylie"
Red Bull: RB8 Der aktuelle Bolide hielt für den Doppel-Champion Vettel keine großen Überraschungen bereit. „Das Auto ist zum größten Teil aufgebaut auf dem letztjährigen Auto. Es sind kleine, aber feine Unterschiede“, erklärte der 24-Jährige zum Saisonstart. Das Auffälligste am blau-gelben Boliden ist die im Vergleich zum Vorgängermodell deutlich veränderte Frontpartie, die ähnlich wie beim Ferrari einen mächtigen Höcker aufweist. Konstrukteurs-Genie Adrian Newey zeigte sich hingegen entnervt davon, dass die FIA ihm sämtliche Innovationen verböte. Quelle: dpa
Vettel steht aber als Fahrer auch nicht im Verdacht, nur durch ein überlegenes Auto siegen zu können. „Seb“ will übrigens auch seinem neuen Formel-1-Flitzer wieder einen Kosenamen verpassen. „Wir sind auf der Suche. Jegliche Bewerbungen sind willkommen“, sagte der Weltmeister aus Heppenheim. Der neue RB8 des Red-Bull-Teams wurde am 6. Februar via Internet vorgestellt. Zum ersten Titel fuhr der Hesse mit „Luscious Liz“ (üppige Liz) und „Randy Mandy“ (scharfe Mandy). In der Vorsaison hieß sein Siegerauto schließlich „Kinky Kylie“ (geile Kylie). Quelle: dpa
McLaren-Mercedes: MP4-27Beim Red-Bull-Herausforderer McLaren-Mercedes stellten zu Saisonbeginn Vizeweltmeister Jenson Button (links) und Teamkollege Lewis Hamilton den silberglänzenden MP4-27 auf der Bühne des Firmensitzes im englischen Woking vor. „Es ist ein fantastisches Auto“, meinte Hamilton damals. Hamilton liegt derzeit auf Platz 4 und Button auf Platz 6 in der WM-Wertung. Quelle: dapd
Für Jenson Button und Lewis Hamilton hat ihr neuer Formel-1-Wagen zumindest den Schönheitspreis schon sicher. „Das ist ein schönes Auto“, sagte Button zu Saisonbeginn. Notwendig waren die neuen Nasen-OPs durch eine Regeländerung geworden, wonach die Spitze des Wagens tiefer liegen musste, die Chassis-Höhe aber unverändert blieb. So soll bei Karambolagen ausgeschlossen werden, dass Fahrer im Cockpit von der Nase eines anderen Autos getroffen werden können. Hinzu kam für die Designer, dass der sogenannte „Blown Diffusor“, bei dem Luft aus dem Auspuff auf den Diffusor für eine verbesserte Aerodynamik geleitet wurde, verboten worden ist. Quelle: dpa
Williams: FW34Williams hatte sein neues Auto für die laufende Saison ohne großes Tamtam vorgestellt: Der Brasilianer Bruno Senna (links), der 18 Jahre nach seinem legendären Onkel Ayrton bei dem britischen Traditionsteam angeheuert hat, und Teamkollege Pastor Maldonado stellten sich damals in der Boxengasse von Jerez für einige Minuten zum Fototermin, nachdem ein paar Mechaniker den FW34 unspektakulär aus der Garage geschoben hatten. Quelle: dpa
Auch der Williams trägt wie fast alle neuen Boliden einen auffälligen Höcker auf der Fahrzeugnase. Quelle: dpa
Ferrari: F2012 Die „Rote Göttin“ ist für Motorsport- und Design-Enthusiasten stets eines der Präsentationshighlights. Doch in diesem Jahr hatte sich auch Ferrari beim Design seines neuen Formel-1-Autos für die gewöhnungsbedürftige Optik mit einem Knick auf Höhe der Vorderachse entschieden. Das Team selbst gab zu, dass der Höcker nicht gerade „ästhetisch“ sei. „Er sieht sehr anders aus als in den vergangenen beiden Jahren“, meinte der spanische Pilot Fernando Alonso bei der Vorstellung zum Saisonstart. Stallkollege Felipe Massa fand den Wagen insgesamt „aggressiv“. Quelle: dpa
„Wir haben eine Revolution gestartet und das Auto praktisch in allen Bereichen verbessert“, sagte Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo vor Saisonstart und fügte schmunzelnd hinzu, dass er den Boliden mit dem markanten Nasenhöcker „hässlich“ finde. Quelle: dpa
Lotus: E20Und auch das aktuelle Auto des früheren Renault-Rennstalls hat wie viele Konkurrenz-Modelle einen auffälligen Höcker auf der Frontpartie. Allerdings ist die Lotus-Variante nicht so markant wie die von Ferrari, die schon kurz nach der Enthüllung wegen ihrer Optik kritisiert worden war. Die schwarz-goldene Farbgebung allerdings sollte Ästheten entschädigen. Quelle: dpa
Ex-Weltmeister und F1-Rückkehrer Kimi Räikkönen hatte sich zuversichtlich bezüglich seines neuen Gefährts geäußert: „Das Team weiß, wie man Siegerautos baut. Wir müssen abwarten, aber ich bin ziemlich zufrieden, wie es bisher läuft“, sagte der 32-Jährige nach vor dem Saisonstart. Und recht hatte er: Momentan liegt Räikkönen auf Platz 3. Quelle: dpa
Sauber: C31Als Mischung aus Altbewährtem und auffälligen Neuerungen hat sich der Sauber C31 entpuppt. Ein Höcker auf der Frontpartie wie beim Ferrari fällt am aktuellen Rennwagen des Schweizer Formel-1-Teams am meisten ins Auge. Chefdesigner Matt Morris erklärte zu den Entwicklungen des überwiegend Anthrazit und Weiß lackierten Rennwagens: „Der Sauber C31-Ferrari ist in jenen Bereichen revolutionär, wo wir frische Ideen einbringen konnten, was insbesondere den Heckbereich des Fahrzeugs betrifft.“ Quelle: dpa
„Wir wollen die kommende Saison so stark beginnen wie die vergangene und dieses Niveau dann über das ganze Jahr halten“, hatte Teamchef Peter Sauber vor dem Beginn der Saison gesagt. Das Team liegt mit 116 Punkten derzeit auf Platz 6. Im vergangenen Jahr ergatterte es mit 44 Zählern den siebten Rang. Quelle: dpa
Force India: VJM05 Der indische Formel-1-Rennstall mit Sitz im englischen Silverstone hat seine Fahrer in dieser Saison in den neuen VJM05-Boliden gesetzt. Wie im Vorjahr ist der Wagen in orange, weiß und grün gehalten - den indischen Nationalfarben. Quelle: dpa
Auch der VJM05 hat den markanten Höcker auf der Nase. Quelle: dpa
Caterham: CT01Nasenhöcker auch beim, Achtung: Verwechslungsgefahr, ehemaligen Team Lotus. Hintergrund für das Namenswirrwarr ist ein Rechtsstreit, infolgedessen zwei Teams den Namen Lotus tragen durften. Der Geschäftsmann Tony Fernandez, dem die Sportwagenschmiede Caterham gehört, legte zugunsten der Konkurrenz den Namen Lotus ab, behielt aber die Traditionsfarben bei. Sehr klassisch, aber zu Fahrten im Hinterfeld verdammt. Caterham hat bislang noch keinen Punkt eingefahren. Quelle: dpa
Toro Rosso: STR7„STR“ steht für „Scuderia Toro Rosso“ und damit für das Schwesterteam von Red Bull Racing. Hier bilden die Österreicher ihren Nachwuchs aus - prominentestes Beispiel ist Weltmeister Sebastian Vettel. Hier sitzen der Australier Daniel Ricciardo sowie der Franzose Jean-Eric Vergne in den Cockpits. Quelle: dpa
HRT F1 Team: HRT F112 HRT hieß bisher „Hispania Racing F1 Team“ und hat manchen Experten mit dem pünktlichen Rollout in Jerez überrascht. In den Vorjahren musste das Team jeweils darum kämpfen, überhaupt bis zum Saisonstart ein Auto fertig zu haben. Bislang hat HRT allerdings noch keine Zähler in der WM-Wertung geholt. Quelle: dpa

Meldet Vettel über Funk, dass ein Spoiler-Element ungewöhnliche Geräusche abgibt, kann das Team auf seinen Monitoren sofort sehen, was die Daten sagen. Liegt tatsächlich ein Problem vor, wird das Bauteil bereitgelegt und beim nächsten Boxenstopp ausgetauscht. "Meist ist es aber so", sagt IRBR-Technikchef Alan Peasland, "dass die Fachleute dem Fahrer Entwarnung geben können: Fahr weiter, das Problem ist bekannt, der Spoiler geht erst in 30 Runden kaputt." Und dann ist das Rennen längst gelaufen.

Gleichzeitig kann das Team den Piloten von Strategieentscheidungen entlasten.  Was auf der Strecke passiert, erhalten Vettel und Webber als Anzeige auf Headset und Display: Dazu gehören Informationen über Vorsprungzeiten, Tank- und Reifenzustand oder Motor/Getriebe-Parameter.

Größte sichtbare technische Leistung in der Formel 1 ist das, wofür der Normalfahrer je nach Andrang an Zapfsäule und Werkstatt viele Minuten bis halbe Tage braucht: Tanken und Reifenwechsel. Den Reifenwechsel kann das Team in knapp über zwei Sekunden schaffen.

Möglich wird das mit einer Mischung aus Routine, Infrarot- und Kameratechnik. Sensoren messen Bewegungsstrecken und geben bei vielen Handgriffen per Lichtstrahl die Richtung vor. Kameras am Helm der Gunmen zeichnen zusätzlich jeden Handgriff  auf, um ihn später zu optimieren. Damit, so Peasland, lasse sich die Zeit noch auf unter zwei Sekunden drücken.

Um die schnelle Funkverbindung für den jedes Mal immer zu gewährleisten, ist auch vom Kommunikationstechnik-Partner AT&T Bestleistung gefordert. Laut Andrew Edison, Manager des US-Anbieters, ist das für seine Mitarbeiter vor Ort kein Kinderspiel: "Was IRBR verlangt, hat mit klassischen Anforderungen an Mobilfunk nichts zu tun." An jedem der insgesamt 19 Renn-Wochenenden in diesem Jahr muss AT&T innerhalb weniger Stunden breitbandige, ausfallsichere Kommunikation an der jeweiligen Rennstrecke und zwischen Austragungsort und Londoner Zentrale herstellen. Rund 100 Gigabyte Datenvolumen tauschen Fahrer, Rennleiter und Techniker pro Rennen in Echtzeit aus.

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