Technik-Coach statt Rechts vor Links Fahrlehrer suchen Weg aus Krise

Muss man das Autofahren bald überhaupt noch lernen oder gibt es bald schon Assistenzsysteme, die das Auto von selbst steuern? Ein Blick in die Zukunft des Fahrlehrer-Berufs.

Diese Autohersteller forschen im Silicon Valley
Dass Google im Silicon Valley am selbstfahrenden Auto arbeitet, ist schon lange bekannt. Auch Apple arbeitet Gerüchten zufolge an einem eigenen Fahrzeug. Was weniger bekannt ist: Auch die Autobauer haben ihre Forschungszentren im Silicon Valley. Manche sogar schon länger, als es Google gibt. Quelle: Autonews.com Quelle: dpa
Mercedes-Benz:Als ersten Automobilhersteller zog es Mercedes-Benz 1994 ins Silicon Valley – damals war nicht einmal der Google-Vorläufer BackRub gegründet. Aktuell arbeitet Daimler in Kalifornien am Advanced User Experience Design und am autonom fahrenden Fahrzeug. Mittlerweile darf Mercedes sogar im Alltagsverkehr seine selbstfahrenden Autos testen. Stand 2013 waren 100 Mitarbeiter im Silicon Valley beschäftigt – die Kapazitäten sollen verdoppelt werden. Quelle: AP
BMW:2013 besuchte der damalige Wirtschaftsminister Philipp Rösler BMW im Silicon Valley und testete einen Elektrowagen. Schon 15 Jahre vorher, 1998, hat BMW eine Niederlassung im Mountain View errichtet, dem Herzen des Silicon Valley. Aktuell beschäftigt der bayerische Autobauer dort 30 Mitarbeiter, die vor allem neue Technologien und Trends ausmachen sollen, die relevant für BMW sind. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Entwicklung und Erforschung dieser Neuheiten. Die Mitarbeiter entwickeln gerade Assistenz- und Infotainmentsysteme. Quelle: AP
Volkswagen:Volkswagen betreibt seit August 1998 im Silicon Valley das „Electronics Research Laboratory“ (ERL) – als Teil des globalen Forschungs- und Entwicklungsnetzwerks. Zu Beginn hatte das ERL noch drei Mitarbeiter – mittlerweile sind es über 80. Die VW-Marke Audi testet hier etwa selbstfahrende Fahrzeuge – ein Audi A7 ist bereits von Palo Alto 500 Meilen über einen Highway nach Las Vegas gefahren. Infotainmentanwendungen werden ebenfalls erprobt. Daneben betreibt VW Kooperationen mit Universitäten. Quelle: dpa
Toyota:2001 zog Toyota im Silicon Valley das erste Forschungszentrum hoch – nachdem der japanische Autobauer bereits 1977 eines in Michigan erbaute. Im April 2012 eröffnete der Toyota ein neues Forschungszentrum im Silicon Valley, in dem vor allem Infotainment-Systeme entwickelt und erforscht werden sollen. Vor Ort arbeiten 40 Mitarbeiter. Insgesamt beschäftigt Toyota in seinen Forschungszentren in Amerika über 1100 Mitarbeiter. Quelle: AP
General Motors:2007 eröffnete GM sein „Advanced Technology Sillicon Valley Office“. Laut autonews.com arbeiten dort aktuell nur sieben Mitarbeiter – geleitet wird das Büro von Frankie James. Das Büro ist vor allem da, um zu beobachten, was im Silicon Valley passiert und um Technologien und Trends auszumachen, die dem Unternehmen nützlich sein könnten. Vier Mitarbeiter sind dafür verantwortlich. Einer ist speziell dafür da, gewinnbringende Investmentmöglichkeiten vor Ort auszumachen. Quelle: dpa
Nissan:2011 baute Nissan sein Forschungszentrum im Silicon Valley auf. Es soll das Zentrum für die Forschung am selbstfahrenden Auto sein. Ziel ist es, 2020 ein marktreifes Fahrzeug vorstellen zu können. Weiter sollen dort neue Wege gefunden werden, Auto und Mensch zu verbinden, die Spracherkennung wird weiter erforscht und das Zentrum soll zu Testfahrten und der Analyse der dabei anfallenden Daten genutzt werden. Bis 2016 sollen hierfür über 60 Forscher eingestellt werden, sagte Carla Bailo 2013 gegenüber Bloomberg – damals noch als Vize-Präsidentin des nordamerikanischen Forschungsteams von Nissan. Nissan kooperiert mit der Stanford University, der University of California’s Berkeley und verschiedenen Unternehmen im Silicon Valley. Quelle: AP
Honda:Im Mai 2011 eröffnete Honda sein Technikzentrum im Silicon Valley. Dort arbeiten die Forscher an der Vernetzung von Autos, Cybersecruity und Big Data-Anwendungen für das Auto. Quelle: AP
Hyundai:Seit 2012 betreibt auch Hyundai ein Büro im Silicon Valley. Allerdings arbeiten dort nur fünf Mitarbeiter. Das Büro dient vor allem dazu, in junge Unternehmen zu investierten und Partnerschaften zu größeren Technologieunternehmen aufzubauen. Der Fokus liegt hierbei auf der Verknüpfung von Fahrzeugen mit Smartphones, drahtloser Kommunikation und umweltschonende Technologien.   Quelle: REUTERS
Ford:Das erste Büro im Silicon Valley eröffnete Ford erst 2012 – dafür investiert der amerikanische Autobauer nun umso mehr in den Standort mit dem Ziel, das größte Automobil-Forschungslabor im Silicon Valley aufzubauen. Im Januar dieses Jahres hat Ford sein neues „Research and Innovation Center“ in Palo Alto eröffnet. Hier soll an Innovationen wie dem autonomen Fahren, der Vernetzung von Menschen und Fahrzeug sowie Big Data-Mobilitätslösungen auf der Grundlage von Fahrzeugdaten und Kunden-Feedback gearbeitet werden. Dafür kooperiert Ford mit der University of Stanford und hat den früheren Apple-Mitarbeiter Dragos Maciuca an Bord geholt. Aktuell arbeiten 125 Forscher, Entwickler und Wissenschaftler vor Ort für Ford. Quelle: obs

Probleme haben die deutschen Fahrschulen wahrlich genug. Der eigene Berufsstand ist völlig überaltert. Das Auto als Statussymbol hat für viele junge Menschen ausgedient. Und beinahe wöchentlich macht irgendwo eine Fahrschule dicht. Lichtblicke? Zuletzt eher Fehlanzeige. Hoffnung setzt die Branche mittelfristig ausgerechnet in die Digitalisierung des Straßenverkehrs. Denn zuletzt ging die Zahl der Fahrschulen ebenso deutlich zurück wie die der praktischen Prüfungen. Wurden 2007 noch knapp 1,37 Millionen Prüfungen für den Autoführerschein abgelegt, waren es sieben Jahre später nur noch knapp 1,15 Millionen.

Und der Berufsstand des Fahrlehrers? „Völlig überaltert“, sagt der Vorsitzende des Bundesverbands deutscher Fahrschulunternehmen (BDFU), Rainer Zeltwanger, in Stuttgart. Laut Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BVF) sind drei von vier Fahrlehrern älter als 45 - und fast jeder Dritte über 60.

Hinzu kommt: Als Statussymbol habe das Auto für viele junge Menschen ausgedient, sagt der BVF-Vorsitzende Gerhard von Bressensdorf. Diese Rolle hätten Smartphones, Reisen und Kleidung übernommen. Vor allem in Großstädten mit gut ausgebautem Nahverkehr ist der Führerschein heute oft überflüssig. Oder, wie Zeltwanger es ausdrückt: „In der Stadt ist ein Auto Mist.“ In ländlichen Regionen seien junge Menschen indes froh, wenn sie mit 17 die Fahrerlaubnis in der Tasche hätten. Aber braucht es den Führerschein überhaupt noch, wenn das digital vernetzte Auto ohnehin alle Aufgaben des Fahrers übernimmt? Braucht es die Fahrschulen bald noch?

Welche Assistenzsysteme es schon gibt und wann Roboter das Steuer komplett übernehmen

Zeltwanger sagt ja. Von Bressensdorf auch: „Ich denke, dass es immer noch einen großen Bereich gibt, wo der Fahrer in der Verantwortung ist.“ Der Fahrer müsse die Assistenten verstehen und im Notfall schlagartig eingreifen können. Dementsprechend werde sich das Berufsbild des Fahrlehrers ändern. „Die Systeme müssen verstanden und gelehrt werden“, sagt von Bressensdorf. Fahrlehrer würden mehr und mehr zu Coaches, die Technik erklären, meint Kollege Zeltwanger.

Ein Aspekt, der den Beruf auch für Jüngere wieder attraktiv machen könnte, glaubt von Bressensdorf. Denn Nachwuchs wird händeringend gesucht. Junge Fahrlehrer als Technik-Coach wirken auf einen 16-Jährigen wohl auch glaubwürdiger als der Kollege im Rentenalter. Apropos Rentenalter: Jetzt schon würden ältere Fahrer regelmäßig nach Schulungen für die neuen Assistenzsysteme fragen, sagt Zeltwanger. Überflüssig, da sind sich beide Branchensprecher natürlich einig, werden Fahrlehrer in absehbarer Zeit nicht.

Eine Einschätzung, mit der sie nicht alleine sind. In allen Stufen bis zum automatisierten Fahren sei die Anwesenheit eines Fahrers erforderlich, der bei Bedarf die Kontrolle über den Wagen übernimmt, heißt es aus dem Bundesverkehrsministerium in Berlin.

Wie gut Autokonzerne auf Angriffe von Apple & Co. vorbereitet sind

Erst beim autonomen Fahren, der höchsten Automatisierungsstufe also, „übernimmt das System das Fahrzeug vollständig vom Start bis zum Ziel“. So steht es in einem Strategie-Papier von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). Der Fahrer wird zum Passagier. Doch das ist Zukunftsmusik. Stand jetzt wird das autonome Fahren gerade mal auf wenigen Strecken getestet - etwa auf der A9 in Oberbayern.

In der Stadt kommt das vollautomatisierte Fahren laut Verband der Automobilindustrie (VDA) voraussichtlich erst ab 2030 - komplett fahrerlos wird es noch später. Und dann wird es noch Jahrzehnte dauern, bis der gesamte Auto-Bestand auf deutschen Straßen gegen Digital-Wagen ausgetauscht wurde. Nicht zu sprechen von der Infrastruktur, die Datenübertragung im höchsten Tempo sowie Sensoren in Bauwerken und Signalanlagen erfordert.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Ulrich Chiellino, Verkehrspsychologe des ADAC in München, vergleicht den Autofahrer von morgen mit dem Piloten von heute. „Der fliegt auch automatisiert, ist aber hin und wieder gezwungen, die Maschine zu übernehmen.“ Deshalb ermuntert er Autofahrer dazu, die Assistenten ab und zu auszuschalten und - etwa das Einparken - wieder selbst zu übernehmen.

„Der Fahrlehrer wird weiter gebraucht“, sagt VDA-Sprecher Eckehart Rotter. Aufgabe des Fahrlehrers sei auch, jungen Menschen deutlich zu machen, wie viel Aufmerksamkeit der Straßenverkehr erfordert - auf der Autobahn, auf der Landstraße und in der Stadt. Denn im Notfall trage der Fahrer auch künftig die Verantwortung für seinen Wagen. „Er ist der Chef und er bleibt auch noch viele Jahre der Chef. Allerdings wird er von immer mehr Assistenten unterstützt.“

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%