Valley Talk

Teslas tollkühner Schachzug

Matthias Hohensee Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Matthias Hohensee Korrespondent (Silicon Valley)

Elon Musk, Chef des Elektroauto- Pioniers Tesla Motors, will alle Patente freigeben. Profitieren würden die Chinesen – und am Ende auch Musk selbst.

Elon Musk will Teslas Patente verschenken – um am Ende zu kassieren. Quelle: REUTERS

Eigentlich ist’s ein Widerspruch in sich, aber im Silicon Valley sind sie inzwischen daran gewöhnt, von Elon Musk überrascht zu werden. Der gebürtige Südafrikaner tickt einfach anders. Als die E-Auto-Pioniere Martin Eberhard und Marc Tarpening vor zehn Jahren Investoren für Tesla Motors suchten, lehnten alle großen Wagnisfinanzierer des High-Tech-Tals ab. Der PayPal-Multimillionär aber glaubte an die Idee, investierte Teile seines Vermögens und übernahm das Management von Tesla Motors.

Auch sein Plan, mit Space X den ersten privaten Anbieter von Raumtransporten zu etablieren, stieß auf Skepsis. Nicht minder verstieß gegen übliche Gepflogenheiten, sich mit den Einkäufern des US-Militärs anzulegen, weil diese Boeing und Lockheed Martin Aufträge für Satellitentransporte ohne Ausschreibung zuschanzten.

Verbrauchswerte von Hybridautos

Trotzdem erschüttert, was Musk sich nun ausgedacht hat, die Grundfesten des Silicon Valley: Er will alle Patente von Tesla Motors zur Nutzung freigeben.

Ausgerechnet die Patente! Allein Apple beschäftigt Heerscharen von Anwälten, um sein geistiges Eigentum zu verteidigen. Oracle überzieht Google mit Klagen, weil der Suchkonzern Grundlagen seines Android-Betriebssystems beim Computerkonzern Sun Microsystems abgekupfert haben soll, den Oracle vor Jahren übernommen hatte.

Sicher, die freie Nutzung von Programmcode in Form von Open Source hat lange Tradition, nicht nur bei den Betriebssystemen Linux und Android. Aber Musk will alles freigeben – auch Hardware. Darunter Tafelsilber wie das Zusammenspiel der vielen Lithium-Ionen-Akkus im Batteriepack.

Damit gefährdet er auch seine eigenen Umsätze. Denn Verkauf und Lizenzierung von Komponenten war eigentlich das Ur-Geschäftsmodell von Tesla. Erst als sich zeigte, dass das Unternehmen den Markt nur mit kompletten Autos würde gewinnen können, stellte es E-Mobile in Serie her.

Die Freigabe der Patente ist auch wegen der politischen Sprengkraft tollkühn. US-Politiker sorgen sich über den Fortschritt Chinas bei Forschung und Entwicklung. Was dessen staatlich gestützte Unternehmer nicht abkupfern können, akquirieren sie. Etwa in der Solarbranche, wo China am Stück innovative westliche Hersteller aufkaufte – und deren teils mit Milliarden öffentlicher Gelder geförderte Technologien.

Auch A123, ein innovativer Batteriehersteller für Elektroautos, ist inzwischen unter chinesischer Kontrolle. Der Einsatz von Elektroautos ist im größten Automarkt der Welt und seinen von Luftverschmutzung geplagten Großstädten sinnvoll. Zumal die Chinesen wenig Berührungsängste mit Nuklearenergie haben, um den nötigen Strom herzustellen.

Deshalb auch ist Musks Schritt so brisant für die westlichen Autoproduzenten, denen er damit die Daumenschrauben anzieht. Sie müssen endlich in die Gänge kommen, wenn sie beim Verkauf von E-Mobilen global noch mitmischen und den chinesischen Konkurrenten voraus sein wollen. Denn die könnten nun – dank Teslas Patenten – einen Sprung nach vorne machen.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Das, so sein Kalkül, eröffnet nicht nur den Weg zum Massenmarkt für Elektrofahrzeuge und damit auch den Ausbau der Infrastruktur zum Laden der Akkus – von der wiederum auch Tesla profitiert. Zugleich könnte der Schritt Bemühungen bremsen, wie die von etwa Toyota, statt Elektroautos lieber den Brennstoffzellenantrieb zu fördern. Mit der Folge, dass Tesla auch vom boomenden Markt für Elektroauto-Akkus profitieren kann, in dem sich das Unternehmen gemeinsam mit Panasonic als Ausrüster etablieren will.

Trotzdem ist der Schritt, Tafelsilber zu opfern, tollkühn. Aber das erwartet man von Musk nicht anders.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%