WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

VDA-Geschäftsführer "Hersteller haben keinen Ermessensspielraum"

Deutsche Autobauer fürchten, durch neue Verbrauchsangaben ins Abseits zu geraten. Der VDA-Geschäftsführer Ulrich Eichhorn erklärt, warum.

VDA-Geschäftsführer Ulrich Eichhorn im Interview mit WirtschaftsWoche. Quelle: Presse

WirtschaftsWoche: Herr Eichhorn, haben Sie sich in letzter Zeit selbst ein Auto gekauft und darauf geachtet, was der Wagen verbraucht?

Ulrich Eichhorn: Ich habe mir privat ein Elektroauto bestellt. Das verbraucht gar keinen Sprit.

Zumindest nach dem aktuellen europäischen Fahrzyklus NEFZ. Aber Strom kommt auch aus Kohle- oder Gaskraftwerken. Die verbrauchen reichlich Energie und stoßen CO2 aus. Führt der NEFZ da nicht in die Irre?

Die meisten Besitzer von Elektroautos haben einen Grünstromvertrag, auch ich. Das heißt, der Strom wird nachhaltig mit Wind, Wasser oder Sonne erzeugt. Zudem ist der CO2-Ausstoß von Elektrizität aus Kraftwerken bereits komplett über Emissionsrechte geregelt. Sie können das nicht zwei Mal regulieren – beim Kraftwerk und beim Auto.

Wie viel Sprit Ihr Auto wirklich schluckt
Erschütterndes TestergebnisVon den 91 geprüften Fahrzeugen lag der im Unterschied zu den Herstellerangaben festgestellte Mehrverbrauch bei 55 Wagen teils deutlich über der Marke von zehn Prozent. Diese Grenze muss laut herrschender Rechtsprechung überschritten werden, wenn der Autokaufvertrag erfolgreich angefochten werden soll. Voraussetzung dafür ist in aller Regel auch das Gutachten eines anerkannten Sachverständigen, der die besagte Verbrauchsdifferenz bestätigen muss. Die Bildergalerie zeigt die Testergebnisse ausgewählter Fahrzeuge: Die erste Ziffer gibt immer den Spritverbrauch laut Hersteller an. Die zweite den tatsächlichen Verbrauch im Rahmen des ACE-Tests. Quelle: dapd
Ford FocusFocus 1.6 Ti-VCT: Werksangabe: 6,6 Liter Super - ACE-Test: 7,9 Liter Focus 1.6 TDCi TREND: Werksangabe: 5,1 Liter Diesel - ACE-Test: 5,2 Liter Focus 2.0 TDCi: Werksangabe 4,9 Liter Diesel - ACE-Test 5,1 Liter Quelle: obs
Opel CorsaCorsa 1.7 CDTI Cosmo: Werksangabe: 4,8 Liter Diesel - ACE-Test: 5 Liter Quelle: obs
Audi Q3Q3 2.0 TDI Quattro S tronic: Werksverbrauch: 5,9 Liter Diesel - ACE-Test: 7,9 Liter Quelle: obs
Audi A4 A4 1.8 TFSI: Werksangabe: 7,1 Liter Super - ACE-Test: 8,1 Liter A4 2.7 TDI Avant Multitronic: 6,4 Liter Diesel - ACE-Test; 6,5 Liter Quelle: obs
Audi A6 AvantA6 Avant 2.0 TDI: Werksangabe: 5,8 Liter Diesel - ACE-Test: 6,7 Liter A6 Avant 3.0 TDI quattro: Werksangabe: 5,8 Liter Diesel - ACE-Test: 6,9 Liter Quelle: obs
Škoda RapidRapid 1.9 TDI: Werksangabe: 4,4 Liter Diesel - ACE-Test: 4,6 Liter Quelle: dpa

Was aber nichts an den alltagsfernen Ergebnissen des Messzyklus ändert. Warum liefert der teils so unrealistisch niedrige Werte – egal, ob bei Elektro-, Hybrid- oder Verbrennungsmotoren?

Der Wert dient in erster Linie dem Vergleich der Autos unter standardisierten Messbedingungen. Bei Überlandfahrten lassen sich die NEFZ-Werte auch unterschreiten. Aber klar ist: Vor 17 Jahren, als die Norm eingeführt wurde, waren Sitzheizungen oder Klimaanlagen kaum verbreitet, die den Verbrauch nach oben treiben.

Trotzdem schmückt sich auch mancher Autobauer gerne mit dem so ermittelten niedrigen Verbrauch. Ist das nicht Verbrauchertäuschung?

Nein, die NEFZ-Werte anzugeben ist gesetzlich vorgeschrieben, da haben die Hersteller keinen Ermessensspielraum. Es ist allseits bekannt, dass der Realverbrauch zum großen Teil vom persönlichen Fahrstil und der Fahrstrecke abhängt. Sie können leistungsstarke Achtzylinder, die im Schnitt zehn Liter auf 100 Kilometer brauchen, bei zurückhaltender Fahrt über Land auf sieben Liter drücken – im Stadtverkehr hingegen geht es auch mal auf 14 Liter. Das ändert nichts daran, dass auch wir die Messmethodik für überholt halten und schon lange auf einen neuen, realistischeren Zyklus drängen, der auch weltweit gültig sein soll.

Lange ist gut. Über den neuen Standard namens WLTP wird seit 2009 gerungen.

Es war schon schwierig, sich auf eine Norm für Europa zu einigen. Zu unterschiedlich sind die Fahrbedingungen von Land zu Land. Und jetzt versuchen wir das weltweit, da sind Unterschiede noch größer. In Indien heißt es, ihr fahrt den Zyklus mit bis zu 130 Kilometern pro Stunde. Das nützt uns gar nichts. Denn in Indien ist so ein Tempo gar nicht erlaubt, es gibt auch kaum Straßen, auf denen das möglich wäre. Die Franzosen monieren, es gäbe zu viel Autobahnpassagen und zu wenig Stadtverkehr, und die Deutschen sehen es genau umgekehrt.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%