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Navigationsgeräte-Test Was die neuen High-End-Navis wirklich bringen

Eine neue Generation von Navigationsgeräten drängt auf den Markt. Mit innovativer Technik und Vernetzung über das Internet sollen sie Autofahrer noch zuverlässiger um Verkehrstaus herumlotsen. Was die Geräte wirklich bringen.

Navigationsgerät Navigon 7210

Der Schlüssel zu freier Fahrt auf deutschen Autobahnen – ausgerechnet in einem unscheinbaren Bürogebäude am Amsterdamer Hauptbahnhof wird er gehütet. Ein paar Fußminuten von den historischen Grachten entfernt, entsteht das beste Lagebild des deutschen Verkehrs.

Welche Straßen frei sind, wo es zäh läuft und wo nichts mehr geht: In der Verkehrszentrale des Navigationsgeräteherstellers TomTom nahe dem Amsterdamer Hauptbahnhof weiß man es als Erstes. So genau und aktuell wie nirgends sonst. Denn hier im Rechenzentrum laufen die anonymisierten Positionsdaten von Millionen deutscher Vodafone-Handys zusammen.

Mit diesen Informationen speisen die Niederländer ihren neuen Verkehrsinformationsdienst HD Traffic: Ein Technologiesprung, der es ermöglicht, weit genauere Routenempfehlungen abzugeben als bisher. Und er liefert nicht nur exaktere Stauinfos, sondern sendet sie auch im Drei-Minuten-Takt – bis zu zehnmal öfter als alle anderen Systeme. Den Vorsprung lassen sich die Niederländer gut bezahlen: Knapp zehn Euro kostet der Service im Monat.

Die ersten Geräte, die exklusiv den neuen Verkehrsfunk nutzen, die Modelle Go 940 Live und Go 740 Live, hat TomTom in Deutschland kurz vor Weihnachten auf den Markt gebracht. Das Besondere an ihnen: Erstmals steckt in den digitalen Pfadfindern ein Mobilfunk-Modul, über das die Geräte ständig via Internet mit den Verkehrsrechnern in Amsterdam verbunden sind.

Dabei empfangen die Live-Geräte nicht nur Verkehrsdaten. Zugleich liefern sie selbst Informationen über die Staulage an die Zentrale zurück – vollkommen anonym, verspricht der Hersteller. So soll endlich ein lückenloses Bild über die Situation auf deutschen Straßen entstehen. Bislang werden Navigationsgeräte über UKW-Radio mit den Verkehrsmeldungen des Traffic Message Channel (TMC) gefüttert. Der aber liefert meist nur Infos über Staus auf Autobahnen – und ist zudem deutlich langsamer als der HD-Traffic-Service.

Technologieschub bei den Herstellern

Der Vorstoß von TomTom markiert nicht nur den Aufbruch in eine neue, vernetzte Navigationswelt. Er ist zugleich exemplarisch für einen branchenweiten Trend in der Navi-Oberklasse: Quer durch den deutschen Markt – von Becker und Blaupunkt über Falk und Garmin bis hin zu Medion oder Navigon – setzen die Hersteller massiv auf Innovation. Sie haben ihre neuen Top-Modelle mit zahlreichen neuen Zusatzfunktionen in den Handel gebracht.

Für den Technologieschub gibt es zwei Gründe. Zum einen versuchen die Hersteller, den massiven Preisverfall bei den Navigationsgeräten zu kompensieren. Alleine im vergangenen Jahr brachen die Preise um rund ein Viertel ein. Einfache Geräte ohne Verkehrsfunkempfänger sind schon für deutlich unter 100 Euro zu haben.

Zum anderen müssen sich die Navi-Produzenten der wachsenden Konkurrenz durch Mobiltelefone erwehren. Diese werden zunehmend serienmäßig mit Empfängern für GPS-Satellitensignale ausgestattet und lassen sich so problemlos auch als einfache Navigationsgeräte nutzen. Die dafür notwendige Software gibt es zum Teil gratis im Internet.

Schon jetzt nutzt etwa jeder zehnte Smartphone-Besitzer sein Telefon auch zur Routensuche. Und die Zahl der GPS-fähigen Geräte nimmt stark zu: Nach Berechnungen des Marktforschungsunternehmens Canalys verdoppelte sich die Zahl der verkauften navigationstauglichen Telefone in Europa alleine vom zweiten zum dritten Quartal 2008 von 4,3 auf 10,4 Millionen Stück. Und das Wachstum hält an. „Vor allem für Erstkäufer, die noch kein Navigationsgerät für das Auto besitzen, sind GPS-Handys eine zunehmend attraktive Alternative“, sagt Canalys-Experte Chris Jones.

Navigationsgeräte werden lernfähig

Mit Hochdruck arbeiten die Navi-Produzenten deshalb an neuen Premium-Funktionen. Software zur Wiedergabe von MP3-Musikdateien oder Videos ist fast schon Standard. Ebenso Bluetooth-Funkverbindungen, über die Navigationsgeräte Kontakt mit dem Handy aufnehmen können. Sie mutieren so zu schnurlosen Freisprechanlagen im Auto. Über Funk kann das Navi zudem Kontaktadressen vom Handy empfangen. Das erspart Nutzern die nervige Eingabe des Ziels am Display.

Eine echte Innovation dagegen ist die Videokamera, die Blaupunkt in seinen TravelPilot 700 integriert hat. Damit kann das Gerät während der Fahrt Schilder mit Tempolimits erfassen und in die Routenführung integrieren. Fährt sein Besitzer zu schnell, mahnt das Gerät zu Disziplin. Um mehr Sicherheit für den Besitzer kümmert sich auch das High-End-Modell 7210 von Navigon. Das Gerät warnt vor gefährlichen Kurven und zeigt Sehenswürdigkeiten zur besseren Orientierung als 3-D-Modell. Und das Top-Navi F10 von Falk ist sogar lernfähig. Es merkt sich, wenn der Fahrer sein Ziel schneller oder später oder auf alternativen Routen erreicht als vorausberechnet. Diese Beobachtungen werden zur Grundlage für künftige Streckenempfehlungen und lassen sich vom heimischen PC aus via Internet mit anderen F10-Besitzern austauschen.

Apple iPhone: Quelle: dpa

Längst nicht alle Neuerungen sind allerdings so sinnvoll wie Freisprechfunktion oder Bilderkennung. So mancher Hersteller scheint seine Geräte eher planlos mit Technik vollzustopfen, um sich von der Masse abzusetzen. Blaupunkt treibt das mit seinem TravelPilot auf die Spitze. Das Gerät hat einen integrierten Empfänger für digitales Antennenfernsehen. Den unterwegs zu benutzen, verbietet sich. Aber auch wer beim Picknick auf dem Navi die Liveübertragung eines Fußballspiels ansehen will, wird den Schlusspfiff nicht hören: Die Akkuladung reicht nicht für 90 Minuten.

Praktikabler ist Garmins Ansatz: Das Modell Nüvi 550 kann auch als Wegweiser für Wander-, Rad- oder Bootstouren dienen. Mit maximal acht Stunden Laufzeit kann das Gerät mit reinen Outdoor-GPS-Empfängern aber nicht mithalten. Hinzu kommt, dass der Garmin-Kunde für Off‧road-Trips topografische Karten kaufen muss, die teils über Hundert Euro kosten. Ambitionierte Wanderer sollten lieber ein billiges Auto-Navi kaufen und einen Spezialnavigator für Touren durch die Natur.

Und manche Neuerung ist zwar gut gemeint, aber schlecht umgesetzt. Zum Beispiel „Reality View“: Immer mehr Anbieter versuchen, die realen Straßenverläufe sowie die Schildertafeln an der Fahrbahn in Autobahnkreuzen oder bei komplizierten Abzweigen möglichst detailgetreu abzubilden. In dieses Bild werden dann die farbigen Navigationspfeile eingeblendet.

Leider aber stimmt die Reihenfolge der Ortsnamen auf den simulierten Straßenschildern im Navi nicht immer mit den realen Wegweisern überein, mitunter fehlen einzelne Orte ganz. Dann sorgt Reality View eher für Verwirrung als für besseren Durchblick. Erst recht, wenn links und rechts neben den Fahrspuren noch Bilder von Häuserfronten, Wäldern oder Rasenflächen erscheinen. Das ist zum Beispiel beim TomTom-Top-Modell Go 940 der Fall. Hier verliert man sich in Details.

„Wer allzu lange auf dem Monitor herumsuchen muss, welches denn nun der richtige Abzweig ist, hängt dem Vordermann schon im Heck“, warnt Arnulf Thiemel, Experte für Navigationssysteme beim ADAC-Technikzentrum in Landsberg am Lech. Er fordert, die Vielfalt der Informationen auf den Displays zu reduzieren. „Das beste Navigationssystem führt den Fahrer über eindeutige Sprachanweisungen und erfordert keinen Blickwechsel von der Straße auf den Minibildschirm“, so Thiemel.

Bei vielen Geräten aber seien die Aussagen missverständlich oder ungenau. Da lauten Empfehlungen: „Biegen Sie rechts ab, dann biegen Sie rechts ab“ oder „In 100 Metern: Sie haben Ihr Ziel erreicht“. Das habe mit natürlicher Sprache noch immer wenig zu tun, kritisiert der ADAC-Mann. Statt 3-D-Welten auf die Displays zu bringen, „sollten die Gerätehersteller lieber die Sprachführung aufwerten“.

Zukunftsvision: Navis senken CO2-Emissionen

Den größten Innovationsschub aber verspricht nach Experteneinschätzung die Vernetzung der Navigationsgeräte. Und da ist Marktführer TomTom mit seinen neuen Live-Navis tatsächlich Vorreiter. Unterstützung kommt von der EU-Kommission. Vor wenigen Wochen präsentierte die Brüsseler Behörde einen Aktionsplan für Intelligente Verkehrssysteme (IVS), in dem sie auf die breite Verfügbarkeit der von TomTom verwendeten „Echtzeit-Verkehrsdaten“ für alle Reisenden drängt. Damit will die EU nicht nur die vorhandenen Straßen besser auslasten und die Zahl der Unfälle senken. Zugleich sollen auch der Spritverbrauch und die CO2-Emissionen sinken. Das Kalkül: Wer weniger im Stau steht, schädigt auch das Klima weniger.

Dienste mit ständiger Internet-Verbindung wie HD-Traffic sind dafür die Voraussetzung. Und sie könnten schon bald einen alten Traum von Verkehrsplanern verwirklichen: die individuelle Routenführung. Bisher führen alle Navis über die gleichen Straßen und im Falle von Staus auf die gleichen, überlasteten Ausweichstrecken. In Zukunft könnten sich die vernetzten Fahrzeuge je nach Streckenkapazität auf unterschiedliche Routen verteilen. Der Verkehr könnte so insgesamt flüssiger werden.

Dieser Vision werden wir schon in wenigen Wochen einen Schritt näher kommen: Denn TomToms HD-Traffic-Dienst bekommt Konkurrenz. T-Traffic, der Betreiber des deutschen Premium-Verkehrsinfodienstes TMCpro, arbeitet mit Hochdruck an einem vergleichbaren Angebot. Damit kommen viele Millionen aktuelle Verkehrsdaten hinzu. Denn das System stützt sich auf anonymisierte Positions- und Bewegungsdaten von T-Mobile-Handys. Zwar wurde T-Traffic, bisher eine Tochter von T-Systems, zum Jahresbeginn vom Nokia-Ableger und Navi-Karten-Hersteller Navteq übernommen. An den Plänen aber ändert das nichts. „Wir unterstützen voll das Konzept von T-Traffic“, versichert Howard Heyes, der Chef der Verkehrsinformationssparte von Navteq.

Dan Bartel, Europachef des TomTom-Konkurrenten Garmin hat bereits angekündigt, den T-Traffic-Dienst in seine Geräte zu integrieren. Wann der offiziell in Betrieb gehen wird, ist zwar noch offen. Marktbeobachter spekulieren auf Mitte Februar, wenn sich die Handybranche in Barcelona zum Mobile World Congress trifft. „Das wäre in der Tat ein guter Termin für den Start“, findet Navteq-Mann Heyes.

Ein Dementi klingt anders.

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