WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Organspenden "Unnötiger und beschämender Tod"

Der Chef der Deutschen Stiftung Organtransplantation über Missstände im deutschen Organspende-Alltag.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Günter Kirste, Chef der Deutschen Stiftung Organtransplantation

Professor Kirste, knapp 12 000 Menschen warten in Deutschland auf ein lebensrettendes Organ. Doch die Spendenbereitschaft ist dürftig: Nur knapp 1300 Menschen gaben 2010 ihre Organe frei – 16 Spender pro Million Einwohner. Nun plant die Bundesregierung eine gesetzliche Neuregelung. Erhöht sie die Überlebenschancen der Wartenden?

Kirste: Sie muss. Denn derzeit sterben in Deutschland täglich drei Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein Ersatzorgan bekommen. Ihr Tod ist unnötig und deshalb so beschämend. Umso mehr, als es in Staaten mit unserem medizinischen Standard theoretisch 40 Spender pro eine Million Einwohner geben könnte. Ausgerechnet im katholischen Spanien lag die Quote bereits 2009 mit 34 Spendern auf eine Million Einwohner mehr als doppelt so hoch.

Warum?

Kirste: Es hat mit der Konfession nur sehr wenig zu tun, ob Menschen ihre eigenen Organe oder die von engen Verwandten nach dem Tod zur Spende freigeben. Viel wichtiger sind klare Zuständigkeiten und gut funktionierende Strukturen. Das ist in Spanien einfach viel besser organisiert.

Was ist anders?

Kirste: Dort gibt es eine zentrale Organisation, die ONT, die in jedem Krankenhaus Mitarbeiter hat. Sie werden informiert, wenn ein möglicher Spender eingeliefert wird. Dann sprechen sie mit den Angehörigen, koordinieren die Organvergabe, den Transport der Organe und die medizinische Vorbereitung des Empfängers.

Ist das hierzulande nicht die Aufgabe gerade Ihrer Organisation, der Deutschen Stiftung Organtransplantation?

Kirste: Ja, aber die Rechtslage ist in Deutschland sehr kompliziert. Als 1997 in Deutschland das Transplantationsgesetz verabschiedet wurde, entschied man sich für die strikte Trennung von Organspende, -verteilung und -transplantation, um Interessenkonflikten von vornherein vorzubeugen. Die DSO sollte die zentrale Koordination für ganz Deutschland übernehmen. Neu bei der Verteilung der Organe war unter anderem die bundeseinheitliche Warteliste, um einen gerechten Zugang zu einem Spenderorgan zu gewährleisten. Dafür war sogar eine Grundgesetzänderung erforderlich. Vor diesem Hintergrund ist auch eine bundesweite Koordinierungsstelle unerlässlich. Damit wurden wir aber erst im Jahr 2000 beauftragt.

Sollten elf Jahre Arbeit nicht reichen, eine ähnlich gute Quote wie Spanien zu erreichen?

Kirste: Wir können nur koordinieren, was uns von den Kliniken gemeldet wird. Die meisten Intensivmediziner und Chirurgen haben aber gar keine Zeit, darüber nachzudenken, ob ein Patient, dessen Leben sie nicht retten können, als Organspender infrage kommt. Bei bundesweit 10 000 unbesetzten Klinikstellen arbeiten sie unter enormem Zeitdruck.

Warum wird die DSO nicht selbst in den Krankenhäusern aktiv?

Kirste: Weil wir das – anders als die ONT in Spanien – gar nicht dürfen. Per Gesetz sind die Krankenhäuser verpflichtet, Organspender zu melden. Es schaut nur kein Mensch danach, ob sie es auch tun. Da liegt der Fehler im System.

Müssten die Länder nicht einschreiten?

Kirste: Natürlich. Nur saß ich im letzten Herbst mit Vertretern der Ländergesundheitsministerien zusammen, und vielen der zuständigen Ministerialbeamten war nicht einmal bewusst, dass es diese Meldepflicht gibt. Geschweige denn, dass sie sie kontrollieren müssten.

Eine Frau hält einen Quelle: dpa

Im Juni soll das Kabinett erstmals über den Entwurf des neuen Transplantationsgesetzes beraten. Bessert sich etwas?

Kirste: Nur zum Teil. Das Problem der Länderzuständigkeit wird nicht angegangen. Immerhin ist vorgesehen, dass jedes Krankenhaus Mitarbeiter benennen muss, die sich mit Transplantationen beschäftigen. Das ist der Erfolgsfaktor des spanischen Systems.

Glauben Sie, dass allein die Benennung von Koordinatoren viel bewirkt?

Kirste: Ja, wenn das – wie in Spanien – richtig umgesetzt wird. Dort sind die Mitarbeiter speziell geschult, auch in der Gesprächsführung. In Deutschland kann es durchaus passieren, dass ein gestresster Chirurg die Angehörigen eines Unfallopfers in einer Fünf-Minuten-Unterhaltung fragt, ob er Organe entnehmen dürfe. Da müssen einem ja die Haare zu Berge stehen. Wenn unsere Koordinatoren an den Gesprächen teilnehmen, dauern sie ein bis zwei Stunden. Das Ergebnis: Nach einfühlsamer Erläuterung des Nutzens einer Organspende stimmen drei Viertel der Angehörigen zu. Ohne unsere Mitarbeiter liegt die Quote bei höchstens 40 Prozent, teils sogar unter 20 Prozent.

Wieso werden in Deutschland überhaupt Verwandte gefragt? Gilt nicht die Regelung: Wer keinen Organspendeausweis hat, kommt als Spender nicht infrage?

Kirste: Nein, es gilt die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung. Nur 25 Prozent der Deutschen haben den Ausweis, laut Umfragen sind aber knapp 75 Prozent grundsätzlich zur Organspende bereit. Liegt kein Ausweis vor, werden die Hinterbliebenen gefragt, ob sich der Betroffene jemals zum Thema geäußert hat oder ob sie einschätzen können, wie er sich entschieden hätte.

In Spanien ist jeder Organspender, der nicht explizit das Gegenteil schriftlich fixiert hat. Ist auch das Teil des Erfolgs?

Kirste: Nein, denn auch in Spanien und den meisten anderen Ländern mit Widerspruchsregelung werden die Verwandten gefragt. Nur Singapur verfährt so rigoros, sie nicht mit einzubeziehen.

Der bayrische CSU-Gesundheitsminister Markus Söder will dennoch die Widerspruchsregelung einführen, der frühere FDP-Gundesgesundheitsminister Philipp Rösler lehnt sie ab. Er wirbt dafür, die Bürger besser zu informieren und Broschüren in Bürgerbüros auszulegen. Meinen Sie, das reicht?

Kirste: Aufklärung und Information sind wichtig. Noch wichtiger aber sind strukturelle Verbesserungen des Systems.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%