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Paul Otellini im Interview "Wir sind die Besten"

Wie Intel-Chef Paul Otellini das Handygeschäft erobern will, weshalb er mehr denn je an die Zukunft von PCs glaubt – und warum er sich in Europa ungerecht behandelt fühlt.

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Paul Otellini Quelle: Robert Brembeck für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Otellini, kürzlich haben Intel und Nokia eine Vereinbarung im Handygeschäft verkündet – die betraf aber nur Software. Konnten Sie Nokia von den Qualitäten Ihrer Handychips nicht überzeugen?

Otellini: Das müssen Sie Nokia fragen. Wir kündigen grundsätzlich nur Dinge an, die marktreif sind wie jetzt die Handysoftware. Als wir die Allianz mit Nokia vor acht Monaten öffentlich machten, haben wir aber betont, dass es sich dabei um eine breit angelegte Partnerschaft für künftige Mobiltelefone handelt.

Das bedeutet also, wir können von Nokia und Intel noch mehr erwarten?

Nehmen Sie das, was ich gesagt habe, ruhig für bare Münze.

Die Intel-Nokia-Allianz betrifft vor allem ein neues Betriebssystem für Handys. Warum haben Sie sich nicht mit Ihrem alten Verbündeten Microsoft zusammengetan, der bei Smartphones auch viel vorhat?

Wer sagt, dass wir das nicht machen? Microsofts Handybetriebssystem läuft zwar bislang nicht auf unseren Chips. Das bedeutet aber nicht, dass wir mit Microsoft künftig nicht zusammenarbeiten werden.

Ist das eine Andeutung, dass künftige Windows-Handys einen Intel-Prozessor haben werden?

Sagen wir so: Wir würden gerne Microsofts mobiles Betriebssystem auf unseren Prozessoren laufen sehen. Die Strategie von Intel war ja immer: Wenn es ein Betriebssystem gibt, sollen unsere Chips optimal damit zusammenarbeiten.

Bisher wirkt Intels Strategie im Handysegment vor allem sprunghaft. Mitte 2006 haben Sie das Chipgeschäft für Kleinstcomputer verkauft, im April 2008 sind Sie mit Ihren neuen Atom-Chips wieder in jenes Geschäft eingestiegen. Warum?

Wir sind aus dem Markt nie ausgestiegen. Während des Verkaufs 2006 haben wir längst an den neuen Prozessoren gearbeitet. Nur haben wir das nicht an die große Glocke gehängt.

Warum überhaupt dieses Vorgehen?

Die alte Prozessor-Linie war zwar gut geeignet für Mobiltelefone, nicht aber für Smartphones, bei denen die Rechnerleistung eine immer größere Bedeutung hat. Es ist viel einfacher, einem kleinen Rechner Telefon-Funktionen hinzuzufügen, als umgekehrt ein Handy zu einem Computer auszubauen. Daher unser Ansatz, eine neue Prozessor-Reihe zu konzipieren, die im Gegensatz zu der alten Serie auf unserer PC-Technologie basiert.

Im Unterschied zu Ihrer dominanten Rolle in der PC-Industrie tritt Intel im Handygeschäft gegen ernst zu nehmende Widersacher wie Texas Instruments oder Qualcomm an. Warum glauben Sie dennoch an einen Erfolg? 

Wir sind der weltbeste Siliziumhersteller, das bestreitet niemand. Wir bauen die kleinsten Transistoren und die kleinsten, günstigsten und sparsamsten Chips. Der einzige Unterschied ist, dass wir den Markt für Smartphones mit unserer Technologie bislang nicht direkt angesprochen haben.

Wann werden wir erste Handys mit „Intel inside“ sehen?

Der koreanische Hersteller LG hat im Januar ein erstes Intel-Smartphone vorgestellt. Es kommt dieses Jahr auf den Markt. Und seien Sie sicher: Dem werden noch viele weitere folgen.

Ist es nicht ein Rückschlag, dass Apple in dem vor wenigen Wochen angekündigten Mobilcomputer iPad einen eigenen Chip einbaut und nicht Intel wie in den Mac-Computern?

Nein. Wir liefern auch keine Chips für das iPhone, und das iPad ist ja letztlich das gleiche Gerät in groß. Wir würden natürlich gerne beide Produkte mit unseren Chips bestücken. Dafür werden wir so lange werben, bis es uns gelingt.

Mit den jüngsten Quartalszahlen ist Intel wieder zu den Gewinnen vor dem Wirtschaftseinbruch zurückgekehrt. Ist die Krise für die IT-Industrie vorbei?

Wir stecken immer noch in schwierigen Zeiten. Unsere Stärke in der zweiten Jahreshälfte 2009 basierte vor allem auf dem Endkundengeschäft mit Notebooks und Netbooks, das sehr gut lief. Die Verkäufe von PCs an Geschäftskunden haben sich immer noch nicht erholt.

Das PC-Geschäft wuchs zwar beim Absatz, aber wegen des Preisdrucks gingen die Umsätze zurück.

Das stimmt. Weil das verfügbare Einkommen der Menschen gesunken ist, haben Hersteller die Preise gesenkt. Dennoch: Wenn wir in harten Zeiten so glimpflich davonkommen, werden wir uns in guten Zeiten noch viel besser schlagen.

Google-Chef Eric Schmidt hat gerade das Ende des PC-Zeitalters ausgerufen. Die Zukunft sei mobil, sagt er. Hat er recht? 

Der Tod des PCs wird doch schon seit mehr als zehn Jahren prophezeit. Doch aktuell werden mehr als 300 Millionen Rechner pro Jahr verkauft, der Trend geht in Richtung 500 Millionen. Für viele Menschen ist der Computer ein zentraler Bestandteil des Alltags. Wenn Ihr PC heute Abend kaputtginge – würden Sie dann nur noch Ihr Handy verwenden? Gewiss nicht! Es handelt sich meines Erachtens nicht um ein Entweder-oder. Die Menschen haben immer intelligentere Mobiltelefone, gleichzeitig nutzen sie aber auch weiter PCs, weil diese eine bessere Benutzeroberfläche haben sowie einen größeren Bildschirm und mehr Multimediafähigkeiten.

Mit 75 Prozent aller Umsätze ist Intel noch stark vom PC-Geschäft abhängig. Wollten Sie nicht längst in neue Märkte vorstoßen?

Wir kommen gut voran. So haben wir beispielsweise angekündigt, künftig die Luxuswagen von BMW und Daimler mit Fahrzeug-Entertainment-Systemen auszustatten. Außerdem arbeiten wir für derartige Systeme an einem gemeinsamen Standard für die gesamte Industrie. Unser Geschäft mit sogenannten Embedded Systems – das sind Chips etwa für Industriemaschinen – erwirtschaftet pro Jahr bereits mehr als eine Milliarde Dollar. Allein in den vergangenen 18 Monaten haben wir 2500 Auftragsinnovationen erzielt. Doch es dauert ungefähr drei Jahre, diese sogenannten Design-Wins bis zur Produktion der Chips zu bringen.

Automobil- und Maschinenbau wurden von der Krise schwer getroffen. Wie lukrativ ist der Schwenk hin zu diesen Märkten? 

Pro Jahr werden immer noch rund 70 Millionen Autos gebaut. Irgendwann wird jedes davon einen Internet-Anschluss haben. Daher ist es wichtig für uns, in dem Geschäft dabei zu sein. Und die Rechnerkapazitäten in Automobilen werden nicht nur in Entertainment-Systemen stecken. Sie helfen sogar, Autos sicherer zu machen. Schon heute stecken alle möglichen Sensoren und GPS-Empfänger in den Fahrzeugen. Die müssen nun intelligent verknüpft werden – daran arbeiten wir.

Intel investiert pro Jahr fünf Milliarden Dollar in die Aufrüstung der eigenen Werke. Wäre es nicht sinnvoll, ähnlich wie manche Wettbewerber auf eigene Fabriken zu verzichten?

Auf gar keinen Fall. Zum einen wäre kein Auftragsfertiger groß genug, unsere Kapazitäten zu liefern. Zum anderen würde die Marge, die wir dem Auftragsfertiger zahlen müssten, für unsere Aktionäre verloren gehen. Gute Auftragsfertiger wie etwa der taiwanesische Marktführer TSMC kommen auf eine Bruttomarge von 50 Prozent – wir würden ihnen also Geld bezahlen und dadurch weniger an unseren Chips verdienen. Weitere Kosten würden anfallen, weil unsere Design-Abteilung nicht mehr mit der Fertigung verwoben wäre. Für einen Chipkonzern unserer Größe ist es ein Wettbewerbsvorteil, ein integrierter Hersteller mit eigener Entwicklung und eigener Produktion zu sein.

Wo liegt die Umsatzschwelle konkret? 

Die Faustregel lautet: Angesichts der Kosten für den Bau eines Chipwerks benötigen Sie einen Umsatz von sechs Milliarden Dollar bei einer 50-Prozent-Marge, um die Fabrik profitabel zu fahren.

Wegen Wettbewerbsverstößen hat die EU-Kommission im Mai 2009 eine Strafe in Höhe von 1,45 Milliarden Dollar gegen Intel verhängt, im Dezember hat die US-Handelsbehörde FTC eine Kartelluntersuchung gegen Ihr Unternehmen eingeleitet. Was entgegnen Sie Kritikern, die sagen, Intel nehme sauberen Wettbewerb nicht ernst? 

Diese Kritiker irren; ihre Ansichten sind schlicht falsch. Im Falle der EU-Entscheidung wird beispielsweise auch die Sichtweise diskutiert, dass der Ansatz der EU-Kommission beim Wettbewerbsrecht nicht der richtige ist: Die Verfahren seien nicht transparent und in ihrer Zielrichtung fragwürdig. Zudem sei die Kommission Exekutive und Judikative zugleich. Unter der früheren EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes wurden rund zehn Milliarden Euro Kartellstrafen verhängt, der Großteil davon gegen europäische Firmen, nicht gegen Intel und Microsoft. Ich bin mir sicher, dass Intel im Rahmen eines Gerichtsverfahrens von den Anschuldigungen freigesprochen wird.

Kurz vor der FTC-Klage hat Intel einen jahrelangen Patent- und Wettbewerbsstreit mit dem Rivalen AMD beigelegt. Die Einigung beinhaltete eine Zahlung von 1,25 Milliarden Dollar von Ihnen an AMD. Das wirkt oberflächlich so, als bezahlten Sie Geld an einen strauchelnden Konkurrenten, nur um ein Minimum Wettbewerb bei den PC-Prozessoren aufrechtzuerhalten.

Natürlich nicht. Das war eine rein pragmatische Entscheidung. Wettbewerbsprozesse in den USA laufen vor einer Jury ab. Die möglichen Risiken und damit verbundenen Kosten, ein derart komplexes Verfahren zu verlieren und dann jahrelang durch die weiteren -Instanzen zu ziehen, wären viel größer gewesen, als den Streit außergerichtlich beizulegen.

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