WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Projekt "Grüner Damm" Neue Internet-Zensur in China: Garfield bleibt draußen

Pekings Plan, ab Anfang Juli alle in China verkauften Computer mit einer Filtersoftware ausstatten zu lassen, wird für die Regierung zur Total-Blamage.

Projekt

Alex Haldermans Urteil ist vernichtend. „Egal wer dieses Programm entwickelt hat“, sagt der IT-Experte der University of Michigan, „es ist alles andere als gut.“ Klar sei auch, so Halderman, dass die chinesische Regierung ihre Hausaufgaben nicht gemacht habe.

Anlass für die Kritik des Amerikaners ist eine umstrittene Anweisung des chinesischen Ministeriums für Industrie und IT: Ab 1. Juli müssen alle in China verkauften Computer und Notebooks mit einer speziellen Filtersoftware ausgestattet sein. „Grüner Damm“ haben die Entwickler des chinesischen Softwarehauses Jinhui ihr Programm getauft. „Grüner Damm“, das soll implizieren, das Internet werde netter, freundlicher und sauberer. Offizielle Begründung für die Vorschrift, alle PCs ab kommenden Monat mit dem grünen Damm auszustatten, ist denn auch, dass man das Internet von „vulgären“ und „ungesunden“ Inhalten säubern wolle. Chinas rund 300 Millionen überwiegend junge Internetnutzer sollen vor Pornografie geschützt werden, heißt es.

Doch die neue Software kann noch mehr. IT-Experten haben in ersten Tests herausgefunden, dass das Programm auch den Zugang zu politisch heiklen Webseiten versperrt. Tief unten im Programm versteckt haben sie Datensätze mit Suchbegriffen und Schlüsselwörtern gefunden, die die Behörden nutzen, um Themen wie das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 und die in China verbotene Sekte Falun Gong zu blocken. „Ihr Ziel ist es, den Zugang zu Informationen zu blockieren“, sagt Li Fangping, ein Anwalt aus Peking, „nicht nur zu Pornografie.“ Das neue Programm beschränkt aber nicht nur den Zugang zum Internet. Es hat auch Auswirkungen auf andere Anwendungen. Wer etwa in Microsoft Word den Begriff „Falun Dafa“, der chinesische Ausdruck für Falun Gong, eingibt, dem schließt der grüne Damm umgehend die Anwendung.

Kindervergnügen werden im chinesischen Internet künftig rarer werden

Dazu kommt: Das Programm ist offenbar technisch unausgereift. Ein amerikanischer Softwareingenieur sagt beispielsweise, bei ihm habe das Programm zu regelmäßigen Computerabstürzen geführt. Andere sorgen sich, dass die neue Software die Rechner anfälliger für Hacker machen könnte. Das erklärte Ziel, das Internet in China von pornografischen Inhalten zu säubern, führt in Tests außerdem zu teilweise skurillen Ergebnissen. Bilder von Schweinen etwa kann der Nutzer nicht öffnen – offenbar zu viel nackte, rosa Haut. Englischsprachige Online-Rechenspiele für Kinder, bei denen etwa „5 balls“ von „15 balls“ subtrahiert werden müssen, führen zur sofortigen Schließung des Browsers.

Offenbar weil „Balls“ im Englischen umgangssprachlich die männlichen Genetalien bezeichnet. Ohnehin: Kindervergnügen werden im chinesischen Internet künftig rarer werden, sollten die Hersteller die eigenwillige Software wirklich flächendeckend installieren. So hat ein Test der chinesischen Tageszeitung „Southern Weekend“ ergeben, dass es die Comicfigur Hello Kitty zwar durch den grünen Damm schafft. Garfield dagegen muss draußen bleiben.

Interessanterweise ist „Grüner Damm“ offenbar bei englischen Inhalten weitaus strikter als bei chinesischen. Gibt der chinesische Nutzer bei Google das englische Wort „sexy“ oder „breast“ ein, liefert die Suchmaschine keine Ergebnisse. Tippt man die Begriffe dagegen auf Chinesisch ein, wirft Google immerhin die entsprechenden Links aus. Diese können aber nicht geöffnet werden.

Urheberrechtsstreit mit Solid Oak

Wegen der massiven Schwächen des Programms und der Proteste chinesischer Internetnutzer bemüht sich die Regierung inzwischen um Schadensbegrenzung. Doch die Reaktionen der Behörden sind widersprüchlich. Mal heißt es nun, die Software können den Rechnern auch als CD beigelegt werden. Dann wieder behaupten die Behörden, der Nutzer könne „Grüner Damm“ auch abschalten. Fest steht, dass in der Direktive des Ministeriums mehrfach von „vorinstallieren“ die Rede ist. Zehntausende Schulen und Kindergärten haben die umstrittene Software bereits installiert.

Sollte die chinesische Regierung ihr Vorhaben durchziehen, würde dies die in China ohnehin strenge Internetzensur nochmal verschärfen. Tausende Seiten etwa von Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch oder Amnesty International, aber auch YouTube,  sind in China gesperrt.

Möglicherweise dauert es aber auch noch, bis das umstrittene Programm flächendeckend eingeführt wird. Denn Jinhui, der chinesische Entwickler der Software, könnte in einen Urhebberrechtsstreit gezwungen werden: Das kalifornische Softwarehaus Solid Oak behauptet, der grüne Damm enthalte gestohlene Programmcodes.

Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%