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Raumfahrt Wie Europa von der Krise der Nasa profitieren kann

Die US-Raumfahrt ist in der Krise. Europa, Russland und China stehen bereit, die Schwäche für sich zu nutzen. Nun sollen Privatunternehmen den Amerikanern bei der Eroberung des Roten Planeten helfen.

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Mit kantigen Bewegungen sammelt der Roboter Bodenproben auf dem Mars, filmt die atemberaubende Landschaft und misst die Zusammensetzung der Atmosphäre des Roten Planeten. Unübersehbar prangt der Bundesadler auf dem Wunderwerk der Technik. Ganz klar: Wenn die Eroberung des Mars beginnt, ist Deutschland ganz vorne mit dabei.

Nur ein schöner Traum? Keineswegs. Für Johann-Dietrich Wörner, den Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), ist eine deutsche Beteiligung an der geplanten Eroberung des Mars so nah wie nie zuvor. Denn die US-Raumfahrt – seit gut 50 Jahren im Orbit das Maß der Dinge – steckt in ihrer tiefsten Krise. Für Europa, sagt Wörner, sei das „die große Chance“.

Vor US-Präsident Barack Obama aber liegt ein höchst brisanter Auftritt. Am 15. April geht es für die stolze Raumfahrernation in Cape Canaveral im US-Bundesstaat Florida um ein nationales Heiligtum mit besonders dickem patriotischem Anstrich: Obama verhandelt mit den Spitzen der Nasa und Vertretern der Wirtschaft die Zukunft der Raumfahrtagentur Nasa.

Der hat Obama Ende 2009 eine strategische Neuausrichtung verordnet: Die noch von Vorgänger George W. Bush angepeilte Rückkehr zum Mond bis 2020 hat Obama abgesagt und die daran anschließende Eroberung des Mars auf unbestimmte Zeit verschoben. Jetzt soll es vor allem die Privatwirtschaft richten: Sie könnte von dem Strategieschwenk der Raumfahrtagentur profitieren. Die ersten millionenschweren Aufträge hat die Nasa bereits Anfang Februar vergeben.

Aber auch internationale Konkurrenten stehen parat, die Schwäche der in der Blüte des Kalten Krieges gegründeten Weltraumagentur Nasa auszunutzen: Die Europäer wollen endlich aus der ewigen Rolle als Juniorpartner der USA heraustreten und – gestützt auf erstrangige Technik – die künftige Weltraumstrategie mitbestimmen. Die Russen wollen mit den Erlösen aus ihrer alten, aber zuverlässigen Technik die eigene Raumfahrt auf Vordermann bringen. Ganz besonders aber drängt es ein immer selbstbewussteres China mit Macht ins All –erst zum Mond und danach zum Mars.

Marsmission dauert Zwei Jahre

Die Herausforderungen einer Reise zum Mars sind immens. Die psychischen und körperlichen Belastungen des rund zwei Jahre dauernden Raumflugs sind groß – je sechs Monate dauern Hin- und Rückflug, erst nach einem Jahr Aufenthalt ist der Mars wieder in der erdnächsten Position. Nicht nur die Schwerelosigkeit belastet den Organismus. Auch die radioaktive Strahlung, etwa durch Sonneneruptionen, ist so heftig, dass sie ohne entsprechenden Schutz zu irreparablen genetischen Schäden führten. Offen ist auch die Frage nach dem geeignet sparsamen Raketenantrieb oder nach Depots im Weltall, um den Treibstoffvorrat für die 56 Millionen Kilometer lange Strecke unterwegs aufstocken zu können.

Nötig ist ein gleichermaßen gigantisches Innovations- wie Investitionsprogramm – und Obama hat erkannt: Alleine ist das nicht zu schaffen.

„Jetzt reden wir über Partnerschaften auf Augenhöhe mit den Amerikanern“, sagt DLR-Chef Wörner. Der 56-jährige Ingenieur ist nach vielen Gesprächen mit Nasa-Verantwortlichen sicher, dass die neue US-Raumfahrtstrategie auf internationale Zusammenarbeit setzen muss – und erstmals eine Beteiligung der Partner in den kritischen Phasen der Missionen wie Start und Landung zulassen wird.

Das Spaceshuttle Endeavour bei Quelle: dpa

In seinem Büro in der vierten Etage eines schmucklosen Plattenbaus am DLR-Standort in Köln-Porz gibt sich der deutsche Raumfahrtmanager selbstbewusst und verweist auf das Know-how in der Weltraumforschung. Prototyp für neue Kooperationen ist das Programm Exo-Mars gemeinsam mit der Nasa, das die Erkundung des Mars zum Ziel hat. Die Rakete liefern die USA, das Raumschiff die Europäer und die Instrumente beide gemeinsam. Ein Beispiel von vielen Technikbereichen, in denen Wörner Europa und speziell Deutschland zur Weltspitze zählt:

Robotik: Das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB entwickelt im Auftrag der Europäischen Raumfahrtagentur Esa einen Mondlanderoboter, der in die Lücke stoßen könnte, nachdem die Nasa ihre Mondmission 2020 gestoppt hat. Noch aber sind Details des Projektes Next Lunar Lander geheim.

Erdbeobachtung und Klimaforschung: Auch für Erkundungsmissionen zum Mond oder Mars haben deutsche wie europäische Ingenieure einzigartige Technik entwickelt. Dabei profitieren sie von ihrer Erfahrung bei der Erdbeobachtung – etwa mit dem Erdforschungssatelliten Smos, dem zweiten seiner Art, den die Esa Ende vergangenen Jahres in Nordrussland ins All geschickt hat. Smos wird bei der weltweiten Überwachung des Klimawandels eine entscheidende Rolle übernehmen.

Hilfe benötigen die Amerikaner nicht nur von DLR und Esa: „Moskau, wir haben ein Problem“, funken die USA derzeit auch nach Russland. Denn alleine die für alle Weltraumfragen zuständige Staatsholding Roskosmos verfügt nach dem Auslaufen der Spaceshuttle-Flüge über eine 50 Jahre alte erprobte Technik, die den Transport von Material und Menschen ins All sicherstellen kann. In diesem Jahr schickte Roskosmos bereits vier Proton- und eine Sojus-Rakete ins All. Voriges Jahr gab es 21 Starts vom Weltraumbahnhof Baikonur, der auf kasachischem Gebiet liegt. Die Russen sind Marktführer bei Raumtransporten, egal, ob für die Europäer, die USA oder andere Länder – und sie werden es auch bleiben, solange die chinesischen Pläne fürs All noch in den Kinderschuhen stecken.

Langer Marsch ins All

Ob die Nasa nach dem Ende des Shuttle-Programms Zugang zu weiteren russischen Kapazitäten bekommt, wird vom Preis abhängen. Der aktuelle Vertrag der Nasa läuft bis 2012. Im letzten Jahr der Laufzeit lassen sich die Russen vier Starts mit rund 220 Millionen Euro bezahlen.

Ihre Verhandlungsposition ist günstig, um der Nasa ab 2013 noch mehr Geld aus dem Budget zu pressen. Anatoli Perminow, der Chef von Roskosmos, warnte kürzlich, dass sich die Preise für Flüge zur Raumstation ISS künftig „vollständig ändern“ werden: Nicht mehr nur die Transportkosten sollten eingepreist werden, so Perminow, auch ein Beitrag zur Entwicklung der russischen Raumfahrt müsse berücksichtigt werden. Denn auch die will sich nun für das Abenteuer Mars rüsten.

Doch nicht nur Europäer und Russen wittern Morgenluft. Mit der Schwäche der USA sehen auch die Chinesen ihre Chance gekommen: Statt eines Amerikaners soll 2020 ein Chinese auf dem Mond landen, so das Ziel der Pekinger Regierung. Für China ist das Weltraumprogramm vor allem eine Frage des nationalen Prestiges. Ob in der Wirtschaft, bei der Forschung oder eben bei der Raumfahrt – das Maß aller Dinge sind für die KP-Führer die Vereinigten Staaten. Die gilt es zu schlagen.

Die Fortschritte der Chinesen können sich sehen lassen. 2003 war China nach der Sowjetunion und den USA das dritte Land, das einen Menschen mit der Rakete Langer Marsch und dem Raumschiff Shenzhou 5 in den Weltraum brachte. 2011 oder 2012 schon könnten die Chinesen ein einfaches Weltraumlabor ins All bringen und ein Andockmanöver zweier Raumfahrzeuge vornehmen.

Auch Pekings Fernziel ist der Mars. Bisher sind die Chinesen bei der Mondmission auf russische Technologie angewiesen. Doch „eigentlich ist China inzwischen fähig, den Mars selbstständig zu erforschen“, glaubt Ye Peijian, Chefdesigner des ersten chinesischen Mondsatelliten.

Der Marsroboter Spirit in in Quelle: dpa/dpaweb

Sicher ist: Für die Amerikaner, einst Gewinner des Wettlaufs zum Mond, brechen schwere Zeiten an. Wenn die US-Spaceshuttles, nach dem letzten Flug der Raumfähre Endeavour, Ende September nach 29 Jahren Dienst stillgelegt werden, endet eine Ära.

Die Nasa hat dann kein eigenes Transportmittel mehr, um Material und Astronauten zu der maßgeblich vom amerikanischen Steuerzahler finanzierten International Space Station (ISS) zu bringen. Dabei hatte Bush 2004 nach dem Absturz des Spaceshuttle Columbia die Nation noch auf die Rückkehr zum Mond bis 2020 und von dort aus zur Expedition zum Mars eingeschworen.

Doch das auf 108 Milliarden Dollar kalkulierte Constellation-Programm – das gesamte Apollo-Programm kostete umgerechnet etwa 125 Milliarden Dollar – kam wegen technischer Probleme und heftiger Grabenkämpfe um die richtige Technologie nie in die Gänge. Statt weiter Milliarden in das Prestigeprojekt seines Vorgängers zu buttern, zieht Obama die Reißleine.

Der nach dem Wegfall von Shuttle- und Constellation-Programm verbleibende Rest-Etat der Nasa wird zwar um sechs Milliarden Dollar in den nächsten fünf Jahren aufgestockt. Zugleich aber steht der Nasa ein radikaler Strategiewechsel bevor: Statt alle Projekte selbst zu betreiben, soll sich die Behörde künftig mehr um das Entwickeln und Fördern neuer Technologien kümmern und nicht so sehr um den Transport von Menschen und Material. „Was wir brauchen, sind neue Technologien, die alles Dagewesene in den Schatten stellen“ fordert Nasa-Chef Charles Bolden. Zum Beispiel Tankstellen und Depots im All, an denen Raumschiffe andocken könnten.

Nicht nur beim Transport – sogar bei der bemannten Raumfahrt selbst setzt Obama auf ein Konzept, das eigentlich das Credo seiner politischen Konkurrenz von den Republikanern ist: Statt des Staates soll die Privatwirtschaft vorangehen. Nach den Erfolgen von US-Unternehmern in Internet und Biotechnologie sollen sie, wenn Obama sich durchsetzt, jetzt ihre Kreativität auch im All austoben.

Heftige Grabenkämpfe

Als erste Folge von Obamas Schwenk hat die Nasa bereits im Februar rund 50 Millionen Dollar bereitgestellt, um eine kommerzielle bemannte Raumfahrt zu stärken: Nutznießer ist unter anderem die Sierra Nevada Corporation. Sie erhält 20 Millionen Dollar, um das Raumfahrzeug Dream Chaser zu bauen, das sieben Personen Platz bieten und später mit der Atlas-V-Rakete gestartet werden soll. Boeing wiederum kassiert 18 Millionen Dollar für die Entwicklung eines Raumfahrzeuges, das mit bestehenden US-Raketensystemen wie der Atlas starten soll und auf den Erfahrungen der Gemini-, Apollo- und Skylab-Programme aufbaut.

Neben dem Rüstungskonzern Lockheed Martin und Boeing rüsten sich sogar zwei prominente Internet-Unternehmer für die Eroberung des Alls. Einerseits der Milliardär Jeff Bezos, der Gründer des Online-Handelsimperiums Amazon. Mit seiner Firma Blue Origin werkelt er seit 2000 im Verborgenen in einem Hangar nahe Seattle an einer Weltraumfähre namens New Shepard. Von der Nasa hat Bezos’ Firma bereits einen Auftrag in Höhe von 3,7 Millionen Dollar zum Entwickeln neuer Sicherheitstechnologien für die bemannte Raumfahrt erhalten.

Mit ihm konkurriert der 38-jährige Südafrikaner Elon Musk, der sein Vermögen mit dem Verkauf des Online-Bezahldienstes Paypal begründete. Der Multiunternehmer und Multimillionär finanzierte unter anderem den Elektrosportwagen-Hersteller Tesla Motors und die Solar-Installationsfirma Solar City. Sein besonderes Steckenpferd aber ist das Weltall. Rund 100 Millionen Dollar hat er in seine Firma SpaceX gesteckt, die bereits einen 1,6 Milliarden Dollar schweren Auftrag von der Nasa zur Beförderung von Material ins All erhalten hat.

Um aber nicht gänzlich in Abhängigkeit Russlands zu geraten, bis die Technik fertig entwickelt ist, sinnt Senator Bill Nelson, ein Parteifreund von Obama, auf einen Kompromiss. So könnte der Präsident die Pension des Spaceshuttles am 15. April hinauszögern und den politischen Schaden durch das Kappen des Mondprogramms vorerst begrenzen. Vor allem am Shuttle-Standort Florida. Dort sind 9000 Arbeitsplätze durch die Ausmusterung der Raumfähren bedroht.

John Shannon, Chef des Spaceshuttle- Programms, hat schon mal die Kosten dafür ausgerechnet. „Wir bräuchten ungefähr 200 Millionen Dollar im Monat dafür“, sagt er.

Geld, das Obama nicht hat.

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