WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Robert Spaemann im Interview „Fantastische Annahmen“

Seite 3/10

Dogmatismus, der Ihrer Meinung nach mit Wissenschaft nichts zu tun hat? Ja. Er sagt jede Erklärung, die aus diesem wissenschaftlichen Schema heraustritt werde ich mir gar nicht anschauen und auch die Argumente gar nicht anhören. Das ist ehrlich, aber die Frage ist, ob es vernünftig ist. Ich habe mal in dem Zusammenhang ein Bild gebraucht um verständlich zu machen, worum es sich handelt. Man wusste seit langem, dass Johann Sebastian Bach kleine, verschlüsselte Texte in seine Musik eingearbeitet hat. Bekannt ist ja die Fuge BACH. Die Musikwissenschaftlerin Helga Thoene hat nun heraus gefunden, dass die Violin-Sonate in g-Moll von Bach einen erstaunlichen verschlüsselten Text enthält. Wenn man ein bestimmtes Schema zu Grunde legt, das man zu Bachs Zeiten Geomantia nannte, das war so ein kabbalistische Verfahren, Buchstaben in Zahlen zu verwandeln, das kann ich hier jetzt nicht ausführlich beschreiben. Aber wenn jeder erste Ton mit allen anderen Tönen der jeweils ersten Takte verknüpft wird und den Noten bestimmte Buchstabenwerte zugeteilt werden, dann auf einmal springt mir der Text entgegen: Ex Deo nascimur, in Christo morimur, per spiritum sanctum reviviscimus. Aus Gott werden wir geboren, in Christus sterben wir, durch den heiligen Geist werden wir wieder erweckt. Dieser ganze lange Text? Dieser lange Text kommt heraus bei dieser wunderschönen Sonate, bei der man Jahrhunderte von dem Text gar nichts wusste und die auch für sich genommen sehr schön ist. Man muss das nicht wissen, um die Sonate schätzen zu können. Aber die Genialität von Bach besteht darin, dass eine Musik, die nach ausschließlich musikalischen Prinzipien beurteilt eine wunderbare Musik ist, noch eine vollkommen andere Codierung enthält. Ich erzähle das, um es als Metapher zu benutzen. Sie können den Evolutionsprozess beschreiben, wenn sie sich dazu entschließen, mit rein naturalistischen Mitteln. Aber der Text, der dann auf einmal herauskommt, wenn Sie einen Menschen sehen und wenn sie eine schöne Handlung sehen, wenn Sie ein schönes Bild sehen, der kann nur gelesen werden, wenn sie einen ganz anderen Code benutzen. Und wenn ein Musikwissenschaftler sagen würde, ja, das ist Zufall, diese Musik erklärt sich vollkommen aus sich. Und da kommt dann merkwürdigerweise dann dieser wunderbare lange Text heraus – das ist übrigens ein Rosenkreuzer-Text – ja, das ist Zufall. Es genügt, wir können diese Musik rein musikalisch interpretieren, ohne irgendwie an einen Text zu denken. Ja, da würden wir uns doch an den Kopf fassen. Und würden sagen, das stellt an unsere Leichtgläubigkeit einen zu hohen Anspruch. Es ist ähnlich fantastisch wie der Kreationismus. Zu sagen, der Text wäre zufällig da drin verschlüsselt, ohne jemand, der ihn verschlüsselt hat. Und so meine ich, ist es auch in der Evolution. Sie können sich beschränken auf eine naturalistische Wissenschaft. Aber dann können Sie nicht hoffen, hinterher den Text erklären zu können, der dabei heraus kommt. Und sie können auch die Gesetze der Mathematik nicht ableiten aus dem Gehirnzustand des Mathematikers. Wenn Sie sagen wollten: ich möchte jetzt verstehen, worum es sich bei dem Satz des Pythagoras handelt, und dazu muss ich das Gehirn des Mathematikers untersuchen, dann ist das natürlich Quatsch. Was Sie gerade geschildert haben, das eröffnet doch eigentlich allen Menschen alle Möglichkeiten – den Naturalisten, die sagen, diese zweite Ebene interessiert uns gar nicht. Aber auch all jenen Menschen, die gläubig sind und die diese zweite Ebene erkennen möchten. Aber man muss es ja nicht als Wissenschaft verkaufen, so wie die Intelligent-Design-Leute es tun. Ich habe Sie in Ihren Referaten und Büchern bisher immer so verstanden, dass die Trennung zwischen beidem doch sehr wichtig ist, oder? Und genau diese Trennung ist bei Kreationisten und bei ID-Verfechtern verwischt, oder? Bei den Kreationisten ist es natürlich so. Und bei den Intelligent-Design-Leuten? Also ich glaube, dass die einen Philosophen bräuchten, der mit ihnen die Sache noch mal durchgeht. Die sind da nicht ganz klar. Ich würde schon sagen, um noch mal auf mein Musikbeispiel zu kommen: der Wissenschaftler, der behauptet, dass er wirklich den Text, der da zustande kommt mit seinen Mitteln erklären kann, dem müsste man sagen, nein das kannst du nicht. Der Musikwissenschaftler kann erklären, wie die Musik zustande gekommen ist, aber nur dann, wenn er darauf verzichtet, diesen Text in Betracht zu ziehen. Nun ist es aber so, wir haben den Text ja alle vor Augen, wir können ihn nicht leugnen: Wir haben eine ganze Welt von Sinn, von Kultur, von Geist ja vor uns, mit der haben wir ja ständig zu tun. Wenn nun die naturalistische Wissenschaft den Anspruch machen würde – und den macht sie oft – uns dieses ganze Gebilde tatsächlich zu erklären, dann muss man den Anspruch zurück weisen. Denn sie haben nichts zur Hand als solche dunklen Ausdrücke wie Emergenz und Fulguration. Das heißt, aus unerfindlichen Gründen entspringt irgendwelchen materiellen Konstellationen auf einmal etwas vollkommen Neues, nämlich Innerlichkeit. Das kann die naturalistische Wissenschaft nicht leisten. Und in so fern können sie nicht einfach so friedlich nebeneinander existieren, die Wissenschaft, wenn sie sich nicht aufspreizt zu einer wissenschaftlichen Weltanschauung, kann ihr Geschäft betreiben, wie bisher. Aber sie muss auf den Anspruch verzichten, uns zu erklären, wer wir sind.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%