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Robert Spaemann im Interview „Fantastische Annahmen“

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Das versuchen die Intelligent-Design-Leute anders herum aber auch. Ja, man muss fragen, was heißt erklären. Sie sagen, diese Gebilde, die in der Evolution entstehen, können sich nur einem auf die Hervorbringung dieses Gebildes gerichteten Willen verdanken. Aber das ist natürlich keine Erklärung, denn sie wissen nicht, warum dieser Wille das gewollt hat, was er will. Ich weiß offen gestanden nicht, warum der Liebe Gott die Zecken gemacht hat. Wir kommen da in viele Dunkelheiten. Der Intelligent-Design-Anhänger muss also zugeben, dass er sehr vieles überhaupt nicht erklären kann. Aber am wichtigsten ist meiner Meinung nach seine negative Funktion, seine kritische Funktion. Die Intelligent-Design-Anhänger können eben sagen, das was ihr anbietet, das ist keine Erklärung. Wir können jedenfalls mehr erklären als ihr. Wer steckt denn hinter beiden Bewegungen? Es scheinen ja doch sehr ähnliche Kreise zu sein, in dem Sinne, dass Intelligent Design einfach die etwas modernere und elegantere Form ist, um den Kreationismus unters Volk zu bringen. Nein, das würde ich nicht sagen. Wenn Sie sagen, das ist eine elegante Form, den Gedanken der Schöpfung unters Volk zu bringen, dann würde ich zustimmen. Aber Schöpfung und Kreationismus sind ganz verschiedene Dinge. Der Kreationismus glaubt, die Schöpfung müsste man sich genau so vorstellen, wie das in der Bibel steht, während die Intelligent-Design-Anhänger nur sagen: Die Welt verdankt sich als ganzes einem schöpferischen Willen. Und das ist so, als wenn sie bei einem Film sagen, der Film verdankt sich einem Projektor. Platon hat dieses Bild benutzt in seinem so genannten Höhlengleichnis. Menschen sind angekettet in einer dunklen Höhle, sie können sich nicht bewegen, sie können nicht nach links und rechts schauen, sie sehen nur, was sich auf einer Leinwand abspielt, das ist für sie die Wirklichkeit. Und dann kommt irgend jemand und erzählt ihnen, dass das nur Schattenbilder sind, was da an der Wand abläuft. Und da wehren sie sich mit Händen und Füßen und sagen, wieso, das ist doch die Welt, wir kennen sie doch. Wir sehen doch, wie sich das alles abspielt, wir haben die Gesetze verstanden, wir können doch extrapolieren, wir kennen doch die Vorgeschichte. Aber der, der einmal verstanden hat, dass es sich um Bilder handelt, die sich einem Projektor verdanken, ja, der sieht es natürlich anders. Und so haben es immerhin viele große Leute gesehen. Newton glaubte unmittelbar aus seiner Beobachtung der Naturgesetze auf Gott schließen zu können. Galilei war jemand, der glaubte, dass es einen direkten Weg von der Naturwissenschaft zu Gott gibt. Ich glaube eher, es geht um Folgendes: Die neuzeitliche Naturwissenschaft, hat sich immer stärker entwickelt in einer ganz bestimmten Richtung, und zwar ist diese Richtung am besten in einem Wort von Thomas Hobbes zusammengefasst. Der einmal schreibt: Eine Sache kennen, heisst „to know what we can do with it, when we have it”. Das heißt, hinter der neuzeitlichen Naturwissenschaft steht der Wille zur Naturbeherrschung. Sie will die Möglichkeiten entdecken, wie wir in den Naturprozess eingreifen können. Dazu müssen wir die Gesetze kennen. Sie versucht nicht zu verstehen, warum der Stein nach unten fällt, was Aristoteles verstehen wollte. Sondern sie versucht, die Gesetze zu beschreiben, nach denen er fällt. Und das ist für sie die Erklärung. Aber Wittgenstein schreibt: Es ist die große Täuschung der Moderne, dass die Naturgesetze uns die Welt erklären. Die Naturgesetze beschreiben die Welt, sie beschreiben die Gesetzmäßigkeiten. Aber sie erklären uns nichts. Auf der einen Seite steht diese Naturwissenschaft. Und auf der anderen Seite steht ein anderes Bedürfnis des Menschen –die Naturbeherrschung ist ja ein ganz wesentliches Element des menschlichen Wesens. Der Mensch kann gar nicht existieren, ohne ein gewisses Maß von Naturbeherrschung. Insofern ist diese neuzeitliche Wissenschaft Ausdruck eines fundamentalen Interesses des Menschen. Aber es gibt noch ein anderes fundamentales Interesse: Sich in der Welt beheimatet wissen und sich selbst verstehen. Das ist etwas vollkommen anderes. Und ich würde sagen, die Leute, die sich wehren gegen den Scientismus, die verteidigen unser Selbstverständnis. Sie wehren sich dagegen, dass irgendjemand uns erklärt, wir seien überhaupt nicht das, was wir zu sein meinen. Und dieser Verteidigung unseres elementaren Selbstverständnisses ohne das wir gar nicht existieren könnten, das ist auch mein Anliegen. Also mehr ein generelles Prinzip, nicht ein Erklären an jeder Evolutionsstufe? Ja, eben. Wobei allerdings für mich sich einige große Sprünge nicht durch Mutation erklären lassen. Zum Beispiel? Wenn es einfach eine vollkommen neue Kategorie ist. So wie den Text, den Bach hinein verschlüsselt hat in seine Musik. Das können sie mit noch so viel musikwissenschaftlicher Kunst und Kompositionskunst nicht erklären. Sie können das nur erklären, weil sie wissen, Bach wollte das so. Sie können den Text nicht in musikalische Kategorien zurück übersetzten.

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