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Robert Spaemann im Interview „Fantastische Annahmen“

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Die evangelische Landeskirche hat allerdings ganz entschieden den Vorschlag abgelehnt ... Die kneifen ja gerne. Warum hat sie es denn abgelehnt? Mit dem Hinweis, das Biologie-Lehrer mitnichten geeignet seien, das zu erklären und dass die Trennung von Glauben und Wissenschaft ihre gute Berechtigung hätte und dass man da auch weiter dran festhalten wolle. Aber tatsächlich sind sie ja nicht konsequent, denn sie verbieten ja auch den Religionslehrern nicht, auf die Wissenschaft Bezug zu nehmen. Das müssten sie ja auch. Denen müssten sie ja dann auch vorschreiben, sich nur auf die biblischen Texte zu beziehen und zu sagen, Kinder, das ist die Wahrheit. Das wäre doch absurd. Also Sie glauben, sie hat einen ganz vernünftigen Vorschlag gemacht? Ich finde ja. Noch einmal zum Thema Museum. Es soll bald ein ähnliches Projekt im Dreiländereck Deutschland, Frankreich, Schweiz geben. Was würden Sie davon halten? Sollte der Staat hier eingreifen und einen Riegel vorschieben? Nein, wenn das privat finanziert ist, dann soll der Staat sich darum überhaupt nicht kümmern. Sie hätten keine Sorge, dass es dann doch irgend wann mehrheitsfähig wird? Nein. Ich bin mir da sehr sicher, dass das keine Mehrheitsmeinung wird. Die Struktur unserer Zivilisation fördert einerseits solche Minderheitsgruppen. Das ist unvermeidlich im Zivilisationsprozess. Die werden immer wieder entstehen. Und sie befördert gleichzeitig auch den Mainstream, der in diese Richtung nicht laufen wird. In USA gab es jüngst den Fall eines Physikers, der wohl auch sehr hochrangig publiziert hat, also ein guter Mann. Dem wurde von der betreffenden Universität eine Professur abgelehnt, weil er sich zum Intelligent Design bekennt. Wie würden Sie das einschätzen? Wofür ist er Professor? Physik. Ich hätte keinerlei Bedenken, den einzustellen. Wieso soll der kein hervorragender Physiker sein? Nur weil er der Meinung ist, dass sich im Evolutions-Prozess ein übergeordneter Wille zum Ausdruck bringt, der sich durch zufällige Mutationen nicht erklären lässt? Das sind überall die Stellen, wo Wissenschaft umschlägt in Scientismus und einen Totalitätsanspruch erhebt. Und das scheint mir nicht in Ordnung. Und wenn er Biologe gewesen wäre? Ja, dann könnte ich die Fakultät verstehen, die sagen würde, das wollen wir nicht, diese Richtung wollen wir nicht. Wobei es die Begünstigung von Richtungen in der Wissenschaft durchaus gibt und ich würde dann hoffen, dass vielleicht eine andere Universität Platz für ihn hat. Ich wäre dagegen, dass das eliminiert wird. Aber ich hätte Verständnis dafür. Bei einem Physiker hätte ich überhaupt kein Verständnis dafür.

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