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Smartphones Handys sagen mobilen Konsolen den Kampf an

Neue Multimediahandys werden zu tragbaren Spielekonsolen. Sind die Tage von Nintendo & Co. gezählt?

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Sony-Ericsson Xperia Play Quelle: REUTERS

Es ist immer wieder verblüffend, was Fans auf sich nehmen, um dem Objekt ihrer Begierde etwas näher zu kommen. Das gilt nicht nur für Anhänger von Robbie Williams oder Justin Bieber. Selbst für neue Handys machen sich Fans gelegentlich zum Affen. Wie in der Aktion "Was würdest Du tun?" von Sony Ericsson zum Marktstart des Smartphone Xperia Play, des ersten speziell fürs mobile Daddeln konzipierten Mobiltelefons.

Der Handyhersteller lobte im Februar zehn Exemplare des brandneuen Modells für die verrücktesten Begründungen von Spielefanatikern aus, warum gerade sie als Erste eines der Telefone besitzen müssten. Binnen Tagen gingen mehr als 2000 schräge Fotos und Videos ein: von Fans, die als menschliche Litfaßsäule durch Bahnhöfe spazierten, Hobbyrappern, die sich vor der Webcam versuchten, und von Nerds, die ihre rund 350 Euro teure Spielekonsole Playstation 3 mit dem Auto überrollten.

Dominanz der Konsolenhersteller bröckelt

Es mag drastisch sein, aber das Bild passt: Denn eine neue Generation spieletauglicher Handys ist dabei, die Machtverhältnisse im mobilen Spielemarkt umzukrempeln. Daddeln unterwegs – bisher war das die Domäne tragbarer Spieleboxen wie Nintendos DS und Sonys Playstation Portable (PSP).

Doch nun bröckelt die Dominanz. Und kein Mobiltelefon macht das so deutlich wie das neue Xperia, das seit April auch regulär im Handel ist. Unter dem Bildschirm steckt erstmals ein komplettes Gamepad zur Spielesteuerung. Ohne diese Pfeil- und Aktionstasten waren Handyspiele für eingefleischte Gamer bisher nur ein müder Abklatsch echter Konsolenspiele.

Auch die Optik beeindruckt: Spiele und Videos laufen auf dem Xperia so flüssig wie auf der PSP. Das 10,1-Zentimeter-Display des Telefons ist fast so groß wie das der Konsole. Und mit gut 400.000 Bildpunkten Auflösung liefert das Handy ein fast dreimal detailreicheres Bild als die Daddelbox.

Noch erreichen viele Handygames nicht die Komplexität der klassischen Konsolenspiele. Doch ob Autorennen, Fußball-Liga, Kung-Fu-Fight oder Alien-Jagd im All – der spielerische Anspruch der Telefonspiele wächst so rasch wie deren Zahl.

Boombranche Mobile Games

Schon jetzt zählen Computerspiele daher nicht nur bei Apples iPhone zu den erfolgreichsten Genres im digitalen Softwareladen App Store. Ähnlich sieht es im Android Market aus, dem Programmshop für Telefone, die wie das Xperia auf Googles Handybetriebssystem Android basieren.

Laut der W3B-Studie der Marktforscher Fittkau und Maaß liegen Spiele, nach Navigationssoftware, bereits an zweiter Stelle der meistgenutzten Smartphone-Apps in Deutschland. Bis 2014 werde sich der Umsatz mit Handyspielen in Deutschland von 38 Millionen Euro 2010 auf rund 79 Millionen Euro mehr als verdoppeln, so Berechnungen der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers.

Allen voran geht es gegen Nintendo, Japans Spezialisten, der in den Achtziger-jahren mit dem Gameboy Computerspiele westentaschentauglich machte. Knapp 120 Millionen Exemplare haben ihn zu einer der beliebtesten mobilen Spielekonsole gemacht. Übertroffen wird er nur durch den 2004 eingeführten Nachfolger Nintendo DS, der laut Branchenportal vgchartz.com bis heute fast 147 Millionen Käufer gefunden hat. Zusammen mit rund 67 Millionen Exemplaren von Sonys PSP summiert sich die Zahl der Spieleboxen für unterwegs damit auf beeindruckende 330 Millionen Stück. Zumindest auf den ersten Blick.

Grafik: Umsätze mit Handyspielen in Deutschland

Tatsächlich aber kratzen die Taschentelefone längst an der Vormachtstellung der Konsolen. War Nokia 1997 mit seinem Modell 6110 und dem Spieleklassiker Snake noch alleine auf dem Markt, machen sich die Spaßprogramme seither auf immer mehr Geräten breit. Seit gut einem halben Jahrzehnt schon kommt kaum noch ein Telefon in die Handyshops, das nicht wenigstens ein paar simple Spiele an Bord hat.

"Die Zahl spielefähiger Handys geht inzwischen weltweit in die hohen dreistelligen Millionen", rechnet Christopher Kassulke, Chef des deutschen Spieleproduzenten Handy-Games.com, hoch, eines der Urgesteine der Branche. "Numerisch haben die Telefone den mobilen Konsolen also schon heute den Rang abgelaufen."

Technisch allerdings kamen sie lange nicht mit. Doch inzwischen bringen moderne Smartphones eine Rechenpower mit, die vor drei, vier Jahren noch jedem Schreibtisch-PC zur Ehre gereicht hätte. Grafikchips von Nvidia oder ARM berechnen auf den Displays der Telefone inzwischen beeindruckende virtuelle Welten für Renn- und Weltraumspiele oder Abwehrschlachten gegen digitale Aliens. Auch Apples neuer A5-Prozessor, der nach dem iPad 2 wohl auch im kommenden iPhone 5 Einzug hält, besitzt deutlich bessere Grafikfunktionen als sein Vorgänger A4.

Das Angebot hat Tücken

Was Wunder, dass die Spieleindustrie Handys neben den traditionellen Konsolen inzwischen als gleichberechtigte Unterhaltungsplattform sieht. Ende Januar erst kündigte Sony an, in diesem Jahr eine Software namens Playstation Suite auf den Markt zu bringen. Sie soll es ermöglichen, schon bald ältere Playstation-Spiele auch auf Android-Handys wie dem Xperia zu nutzen. Das sieht auf den ersten Blick aus, als mache Sony damit seiner PSP selbst Konkurrenz. Tatsächlich versucht der Elektronikriese, seine Stellung aus der Playstation-Welt ins Handyzeitalter hinüberzuretten.

Keine Mobilfunk-Software hat im vergangenen Jahr so an Bedeutung gewonnen wie Android. Binnen Jahresfrist schoss der Marktanteil bei Smartphones von 3 auf 25 Prozent. Sich mit der Playstation Suite auf Googles Telefonsoftware zu konzentrieren dürfte daher ein kluger Schachzug sein.

Selbst wenn das Angebot noch Tücken hat. Trotz Namensverwandtschaft läuft kein Playstation-Spiel ohne vorherige Anpassung durch den Hersteller auf Android. Und auch der Austausch von Spielständen zwischen Handy und Spielekonsole daheim funktioniert kaum vor Jahresende.

Nintendo kontert mit Kampfpreis

Konkurrent Microsoft ist mit seinen im Herbst 2010 vorgestellten Windows-Phone-7-Handys schon weiter. Hier ist die Verknüpfung der Telefonspiele mit jenen auf Microsofts Wohnzimmer-Konsole Xbox sowie der Web-Plattform Xbox Live direkt in die Telefonsoftware eingebaut.

Noch einen Schritt weiter geht der koreanische Elektronikriese LG, der im Februar mit dem Modell P920 Optimus 3D eine der meistbeachteten Neuheiten der Branchenmesse Mobile World Congress präsentierte. Das Telefon kann, wovon Besitzer großer 3-D-Flachbildfernseher noch träumen: räumliche Bilder und Videos, aber eben auch Computerspiele auf dem Display darstellen, ohne dass der Nutzer dazu noch eine Spezialbrille tragen müsste.

Möglich macht das ein Spezialdisplay, das sich vom 2-D- in einen 3-D-Modus umschalten lässt. Das reduziert zwar Auflösung und Helligkeit der Anzeige um die Hälfte, ist aber ein absoluter Blickfang. Umso mehr, als das Telefon Dank einer eingebauten Doppellinse auch Bilder und Videos aufzeichnet, die sich dann sowohl auf dem eingebauten Display als auch auf den heimischen 3-D-Fernseher anzeigen lassen.

Experten stellen angesichts des Leistungsschubs denn auch die Frage nach der Zukunft mobiler Konsolen. "Das Geschäft wird immer schwieriger", urteilt etwa Pete Cunningham, Experte für den Mobile-Gaming-Sektor beim Marktforscher Canalys.

Wie sie sich für den verschärften Wettbewerb rüsten wollen, haben die Platzhirsche des mobile Gaming bereits angekündigt. Sony wählt den umgekehrten Weg der Handyproduzenten und stattet den bisher nur "Next Generation Portable Gaming System" genannten Nachfolger seiner PSP in Zukunft auch mit einem Funkmodul für Handynetze aus.

Und Gameboy-Erfinder Nintendo hat Ende März die jüngste Evolution seiner Mobilkonsole auf den Markt gebracht, den Nintendo 3DS. Auch der besitzt einen integrierten Bildschirm, der Computerspiele, Fotos und Videos mit räumlichen Bildern ohne Spezialbrille anzeigt. Und das zum Kampfpreis: Der dreidimensionale Gameboy-Urenkel kostet nur etwas mehr als 200 Euro. LGs 3-D-Telefon ist ohne Mobilfunkvertrag fast drei Mal so teuer.

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