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Sonnenenergie Solaranlagen-Herstellern droht überfällige Auslese

Heute hat der Solaranlagenbauer Ersol den Grundstein für eine neue Fertigungsstätte gelegt. Bis 2012 will Ersol 530 Millionen Euro in neue Werke investieren. Weil Solaranlagen billiger werden, könnte Sonnenenergie bald mit Steckdosenstrom konkurrieren. Es ist an der Zeit, die Subventionen zu überdenken.

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Solaranlage auf einer Kirche Quelle: dpa/dpaweb

Akribisch hat Peter Fath jede Stufe in der Herstellung einer Solarstrom-Anlage auf Verbesserungspotenzial untersucht – von der Gewinnung des Ausgangstoffs Silizium über die Wafer- und Zellfertigung bis zur Montage der Zellen. Überall ist der Technologievorstand des börsennotierten Anlagenspezialisten Centrotherm Photovoltaics aus Blaubeuren bei Ulm fündig geworden: Um bis zu zehn Prozent könnten die Herstellungskosten sinken, hat Fath ausgerechnet. Vor allem dann, wenn er die Fertigungsschritte in einer sogenannten integrierten Fabrik zusammenfasst. Sie reduziert die Bearbeitungs-, Kontroll- und Transportkosten drastisch.

Die Schwaben bieten solche Fabriken jetzt schlüsselfertig an – zum Einstiegspreis von 250 Millionen Euro. Das Interesse sei riesig, berichtet Fath. Anfragen kämen aus aller Welt. Der Manager erwartet noch in diesem Jahr die ersten Vertragsabschlüsse.

Zehn Prozent. Das markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der Sonnenenergie. Denn mit der neuen Prozesstechnik aus Blaubeuren ließe sich Solarstrom in Deutschland erstmals annähernd zu Kosten erzeugen, die den Tarifen für Haushaltsstrom entsprechen: Netzparität nennen das Fachleute. Fath erwartet, dass die ersten integrierten Fabriken 2012 die Produktion aufnehmen werden. Dann könnte die Parität erreicht sein. Derzeit liegen die Stromtarife im Durchschnitt bei rund 20 Cent je Kilowattstunde (kWh).

Und während Solarstrom früher wettbewerbsfähig wird als erwartet – die Branche hatte die Netzparität für 2015 angestrebt –, wird eine Frage immer drängender: Warum sollen dann Millionen Stromkunden die Solarenergie weiter im bisherigen Umfang subventionieren? Derzeit erhalten die Betreiber von Fotovoltaik-Anlagen für den Strom, den sie in das Netz einspeisen, eine garantierte Vergütung. Sie beträgt für Systeme mit einer Leistung bis zu 30 Kilowatt (kW) rund 43 Cent und wird von den Stromversorgern auf alle Kunden umgelegt. Mit rund neun Milliarden Euro subventionieren deutsche Konsumenten den Solarstrom alleine in diesem Jahr, hat das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) ausgerechnet. Insgesamt summieren sich die Subventionen auf rund 53 Milliarden Euro.

Solar-Lobby wehrt sich gegen Subventionskürzung

In einem bisher unter Verschluss gehaltenen Gutachten hatte der RWI-Experte Manuel Frondel dem Bundeswirtschaftsministerium schon für dieses Jahr eine Kürzung der Einspeisevergütung um 30 Prozent vorgeschlagen. Im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist dagegen nur ein Minus von acht Prozent vorgesehen. „Das würde die Nachfrage nach Fotovoltaik-Anlagen nicht einbrechen lassen“, sagt Frondel. Spätestens nach Erreichen der endgültigen Netzparität sei die komplette Abschaffung der Subvention gerechtfertigt.

Die Sonnenstrom-Lobby fürchtet diese Diskussion. Zwar hätte die Fotovoltaik ohne staatliche Hilfe kaum eine Chance gehabt, sich so zügig zu etablieren. Doch die Vergütungssätze haben die Anlagen-Hersteller dazu verleitet, die Preise in die Höhe zu treiben, anstatt Produktivitätsgewinne aus wachsenden Stückzahlen, technischem Fortschritt und zunehmender Automatisierung an die Kunden weiterzureichen.

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen geißelte das schon bei der Bundestagsanhörung zur Novellierung des EEG im vergangenen Jahr. Siliziumhersteller wie Wacker Schott Solar verkauften den Rohstoff „massiv überteuert“ und erzielten damit Gewinnmargen von bis zu 50 Prozent, so die Kritik. Andere Solarkonzerne standen im Abkassieren nicht nach. Die Erfurter Ersol Solar Energy mit Hauptaktionär Bosch verbesserte ihr Betriebsergebnis (Ebit) zuletzt um sagenhafte 216 Prozent, die Bonner Solarworld wies immerhin noch ein Plus von mehr als 30 Prozent aus.

Heftiger Nachfrageeinbruch für Solaranlagen-Hersteller

„Solche Renditen sind ein Zeichen dafür, dass die Politik regulierend eingreifen und die Einspeisevergütung senken muss“, kommentiert Frondel. Die Verbraucherschützer forderten eine Halbierung bis zum Jahr 2010, fanden bei Bundesumweltminister Sigmar Gabriel jedoch kein Gehör.

Die Reaktion gleicht einem Reflex: Kaum kommt die Diskussion über die üppige Vergütung erneut auf, warnt der Lobby-Verband Solarenergie – Förderverein Deutschland, ohne die Gewinne würden die Hersteller nicht in den Aufbau neuer Fertigungskapazitäten investieren, sondern in lohnendere Branchen ausweichen. „Kapital ist bekanntlich ein scheues Reh“, befinden die Funktionäre. RWI-Experte Frondel hält die Argumentation für dreist: „Die Politik gewährleistet schon sichere Renditen, da bedarf es keiner zusätzlichen hohen Risikoaufschläge.“

Eine Marktübersicht des Fachmagazins Photon verdeutlicht die Wirkung der Mitnahmeeffekte. Nach der ersten Novellierung des EEG 2004, das die Grundvergütung für Solarstrom in Höhe von 45,7 Cent pro Kilowattstunde zunächst fortschrieb und erst in den Folgejahren Abschläge vorsah, kletterten die Preise für Solaranlagen kräftig: von 4500 Euro je Kilowatt Leistung auf mehr als 5000 Euro im Jahr 2006 bei Fünf- bis Zehn-kW-Systemen. Erwartet worden war dagegen eine jährliche Kostendegression von fünf Prozent. Die Hersteller konnten sich das Drehen an der Preisschraube erlauben, weil für die Käufer der Solarstrom-Anlagen mit einer Rendite von ungefähr sechs Prozent über die Lebens-dauer der Systeme gerechnet immer noch ein genügend hoher Kaufanreiz blieb.

Die Zeiten sicherer Gewinne und stürmischen Wachstums sind vorbei. Erstmals sieht sich die erfolgsverwöhnte Fotovoltaik-Industrie mit einem heftigen Nachfrageeinbruch konfrontiert. Nach einer Prognose der Marktforscher der Bostoner Lux Research schrumpft das weltweite Geschäft mit Solarstrom-Anlagen um 20 Prozent auf 22,9 Milliarden Euro.

Experten erwarten "scharfe Konsolidierung"

Grund dafür sind sinkende Bestellzahlen auf dem wichtigen spanischen Markt, weil die Regierung die Förderung von Fotovoltaik-Anlagen auf jährlich 500 Megawatt begrenzte. Zudem bereiten der Branche die Folgen der Finanzkrise Sorgen: Weltweit haben Betreiber Probleme, große Solarparks zu finanzieren. Verschärft wird die Situation durch ein Überangebot, ausgelöst durch zahlreiche neue Solarfabriken vor allem in China.

Seither purzeln die Preise. Der Bundesverband Solarwirtschaft meldet zum Jahresbeginn einen Rückgang von acht Prozent auf einen Anlagenpreis von rund 4000 Euro je Kilowatt Leistung. Lux-Analyst Ted Sullivan rechnet sogar mit 25-prozentigen Abschlägen bei Zell- und Modulpreisen. Und der Nürnberger Großhändler FR-Frankensolar bestätigt bereits Nachlässe von bis zu 30 Prozent.

Bislang konnten unter dem Schutzschirm staatlicher Unterstützung auch schlecht wirtschaftende Unternehmen überleben. Nun erwarten Experten wie Sullivan eine „scharfe Konsolidierung“. Darin ist er sich mit Matthias Brachert einig: „Der Wettbewerbsdruck bietet vor allem innovativen und effizient produzierenden Unternehmen Chancen“, sagt der Ökonom vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle. Solarworld-Chef Frank Asbeck schätzt, dass am Ende des Prozesses zehn bis zwölf große Unternehmen auf der Welt übrig bleiben werden – drei davon in Deutschland. Und er ist sich sicher: Sein Unternehmen wird dazugehören.

Diese überfällige Auslese legt zugleich den Grundstein für den nächsten Aufschwung der Solarbranche. „Je schneller das Ziel Netzparität unter dem gestiegenen Wettbewerbsdruck erreicht wird, desto mehr Marktperspektiven werden aufgestoßen“, sagt Brachert. Der Grund: Dann wird der Kauf von Solarstrom-Anlagen auch in nicht geförderten Märkten attraktiv.

Die Lux-Analysten kommen zum gleichen Schluss und sagen den Solarstromern für 2013 Umsätze von 55,3 Milliarden Euro voraus – fast doppelt so viel wie im Jahr 2008. Die installierte Leistung steigt dann weltweit auf 18,5 Gigawatt, das entspricht annähernd dem heutigen Stromangebot aus Atomkraftwerken in Deutschland.

Preisverfall der Anlagen nimmt zu

Weitere Entwicklungen beschleunigen den Preisverfall der Anlagen und stärken die Wettbewerbsfähigkeit von Solarstrom:

In spätestens fünf Jahren sollen Zellen standardmäßig mehr als 20 Prozent des Sonnenlichts in Strom umwandeln. Die höhere Ausbeute verbessert die Wirtschaftlichkeit deutlich. Heute liegt der Wirkungsgrad im Schnitt bei weniger als 17 Prozent.Silizium, das rund 60 Prozent der Herstellungskosten einer Solarzelle ausmacht, ist nach dem Ausbau der Produktionskapazitäten für Solar-Silizium viel billiger zu haben. Kostete es im vergangenen Sommer noch 400 Dollar pro Kilogramm, ist der Preis inzwischen auf 135 Dollar gefallen.

Wie stark die Preise sinken könnten, zeigt folgender Vergleich: Während einige Hersteller gängige Solarmodule zum Systempreis von 2,10 Euro je Watt Leistung produzieren, liegen die Durchschnittskosten in der Branche mit 3,52 Euro deutlich höher.

Die Subventionen haben dazu geführt, dass das relativ sonnenarme Deutschland mit großem Abstand zum größten Markt für Solarstrom-Technik geworden ist. Doch Experten sind sich einig: Die Solarbranche ist jetzt so weit, künftig in einem direkten Wettbewerb mit Kohle, Erdgas und Atomstrom bestehen zu können.

Das wäre sogar wichtig: Denn weltweit nimmt die Konkurrenz zu. Hersteller aus Ländern ohne großzügige Subventionen werden zusätzlich Druck auf die Preise von Solarmodulen ausüben. Technologievorstand Fath von Centrotherm mahnt deswegen zur Eile: „Bei der gegenwärtigen Marktdurchdringung können die Hersteller nicht mehr darauf vertrauen, ihre Module allein in geförderten Märkten abzusetzen.“ Das Rennen zur Gleichheit mit Netzstrom ist eröffnet.

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