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Städte der Zukunft Wie Metropolen zu Ökostädten werden

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masdar

Das radikalste Projekt entsteht ausgerechnet dort, wo riesige Erdölvorkommen zu finden sind und die größten Energieverschwender zu Hause sind: in den Vereinigten Arabischen Emiraten. In der Wüste vor den Toren Abus Dhabis baut Scheich Chalifa bin Said al-Nahjan für 22 Milliarden Dollar nach Plänen des Architekten Fosters die erste Null-Emission-Stadt der Erde. Wenn die sieben Quadratkilometer große Ökokapitale 2020 steht, sollen darin 70 000 bis 100 000 Menschen wohnen und arbeiten.

Masdar wird eine Stadt, wie sie es noch nie gab – ohne Autos, ohne Treibhausgase, ohne Müllhalden. Sie produziert mit Windrädern, in Bioreaktoren und einem Fotovoltaikkraftwerk mit 190 Megawatt Leistung ihren eigenen Strom und versorgt sich über Meerwasser-Entsalzungsanlagen selbst mit Trinkwasser.

Doch die Planer, darunter das Stuttgarter Ingenieurbüro Transsolar, setzen nicht nur auf Technik. Eine ausgefeilte Architektur zügelt den Energiehunger Masdars laut Transsolar-Gründer Matthias Schuler auf ein Viertel vergleichbarer Wüstenstädte: Die Häuser spenden sich gegenseitig Schatten, ebenso den Straßen. Die Stadt heizt sich so tagsüber weniger auf, und die Klimaanlagen können gedrosselt werden.

Dem gleichen Zweck dienen 200 sogenannte Windtürme an den Zufahrtsstraßen. Sie sehen aus wie kleine Wehrtürme mit einer großen Öffnung an der Spitze. Tagsüber schirmen sie Masdar gegen die heißen Wüstenwinde ab. Nachts fangen sie, nach Öffnung einer Klappe, die kühle Luft ein und lüften damit die Stadt.

Geradezu revolutionär mutet das Verkehrskonzept an. Mehr als 3000 eiförmige Elektrokabinen ohne Lenkrad, geleitet von Sensoren, sollen Bewohner und Besucher von Parkhäusern am Rande der Stadt zu ihrem Ziel bringen. Sie tippen den gewünschten Ort ein, den Rest übernimmt der Computer. Schuler ist überzeugt, dass sich die Masdar-Prinzipien auf bestehende Städte übertragen lassen. Derzeit prüft er ein ähnliches Konzept für Paris.

Stadt ohne Treibhausgase

Trotz der vielen Superlative sieht Stadtplaner Speer in der Retortenstadt eher „ein spannendes Experimentierfeld“ denn eine Blaupause für den ökologischen Umbau der Städte. „Dafür ist sie mit Ausgaben von 400 000 Dollar je Einwohner einfach viel zu teuer.“

Bei der Entwicklung von Satellitenstädten für Megacitys wie Shanghai oder Changchun im Nordosten Chinas setzt Speer wie Wu Zhiqiang, Architekturprofessor an der Shanghaier Tongji-Universität, vor allem auf eine intelligente Planung: „Wir brauchen Infrastrukturen, die an die Bedürfnisse der Einwohner und der Umwelt gleichermaßen angepasst sind“, sag Wu, der Ökostädte für Chinas jährlich 13 Millionen neue Stadtbewohner entwirft.

Rund 60 Kilometer südöstlich Shanghais kann man besichtigen, wie Wu sich die urbane Zukunft vorstellt: An der Südspitze der Jangtse-Mündung entsteht bis 2020 eine stark verdichtete Planstadt für 800 000 Menschen: Lingang New City, konzipiert vom Hamburger Architektenbüro Gerkan, Marg und Partner.

Das Konzept der Hamburger Stadtplaner stützt sich mit seiner durch Wasserläufe, Parks und Seen aufgelockerten Blockrandbebauung auf europäische Wohnideen – und kombiniert den Rückgriff auf Bewährtes mit einem kühnen Einfall: Den Mittelpunkt der Stadt bildet kein kompaktes Zentrum mit Cafés, Geschäften und Bürogebäuden, sondern ein kreisrunder See mit 2,5 Kilometer Durchmesser. Um ihn herum konzentriert sich die Stadt in drei konzentrischen Ringen.

Die beiden inneren Ringe sind als autofreie Freizeit- und Begegnungsräume konzipiert. Die 14 Wohnquartiere jenseits des dritten Rings können über Straßen erreicht werden. Die Wohnquartiere sind eigenständige Subzentren mit Einkaufsmöglichkeiten, Kindergärten und Schulen. Und die Apartments von Lingang sollen klimafreundlich mit Solarenergie geheizt werden. Insgesamt strebt die Entwicklungsgesellschaft an, ab 2020 ein Fünftel des Energieverbrauchs der Stadt aus erneuerbaren Quellen zu bestreiten.

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