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Sterile Welt Keimtötende Produkte boomen trotz teils fraglichem Nutzen

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Persil Waschmittel der Firma Quelle: AP

In nur fünf Jahren haben die silberhaltigen Bakterienkiller ihr weltweites Marktvolumen mehr als verzehnfacht – auf geschätzte 770 Millionen Dollar im kommenden Jahr. Das ist nur ein Bruchteil des antimikrobiellen Gesamtmarktes, der auch Produkte umfasst, die mit Bioziden behandelt sind, Chemikalien, die Mikroben töten. Der Umsatz mit keimtötenden Kunststoffen etwa werde sich alleine in Westeuropa von rund 1,9 Milliarden Dollar vor zwei Jahren bis 2015 auf 3,65 Milliarden Dollar nahezu verdoppeln, schätzen die Helmut-Kaiser-Berater.

Mikroben überleben länger

Ein Treiber der wachsenden Bakterienangst sind ausgerechnet die modernen Waschmittel. Die sind dank neuer Rezepturen zwar in der Lage, Wäsche auch bei niedrigen Temperaturen um etwa 30 Grad sauber zu waschen. Mikrobiologen aber bestätigen: Im lauwarmen Wasser überleben weit mehr Mikroben als bei höheren Temperaturen oder gar in der Kochwäsche.

Den Herstellern antibakterieller Produkte kommt die Renaissance eines jahrtausendealten Verfahrens zur Keimvernichtung daher wie gerufen. Schon vor über 3000 Jahren nämlich wurde Wasser in Silbergefäßen aufbewahrt. Und zu Großmutters Zeiten wurde die Milch mit Silbermünzen länger haltbar gemacht. Sie setzen laufend Silberionen frei, die den Stoffwechsel der Mikroben blockieren.

Seit den Siebzigerjahren wächst die Zahl der Patentanmeldungen für antimikrobielle Silberartikel in Europa. Doch erst seit der Jahrtausendwende hat sich der Zuwachs stark beschleunigt. „Silber, das ist der große Trend“, sagt Raphael Huppermans, deutscher Vertriebsmanager beim auf antimikrobielle Textilfasern spezialisierten Hersteller Rhovyl aus Frankreich.

Mit Silber gegen Fußpilz

16 von 28 frei stehenden Kühlgeräten der Firma Bosch tragen bereits das Anhängsel „AntiBacteria“. Knapp jede dritte in Deutschland vertriebene Samsung-Waschmaschine werde bereits mit Silberaktiv System verkauft, teilt der Konzern mit. „Früher wurde bei hohen Temperaturen gewaschen. Da hatte man kein Problem. Heute kommt es vor, dass sich im Gerät Bakterien und Pilze ausbreiten und die anfangen zu riechen“, erläutert Samsung-Labormanager Wyneken Fimmen.

Alleine 622 silberhaltige Biozidprodukte sind inzwischen in Deutschland gemeldet. Als Salz oder in fein verteilter Form, teils 1000-mal dünner als ein Menschenhaar, wird Silber gegen Fußpilz in Socken eingewebt oder als Nanopartikel Lebensmittelverpackungen beigemischt oder in Wandfarben als Schimmelhemmer eingesetzt. Teils werden die Fasern getränkt, teils metallische Silberteilchen hineingemischt, die dann an der Oberfläche haften – und fortan die Zahl der Keime in der Umgebung minimieren.

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