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Sterile Welt Keimtötende Produkte boomen trotz teils fraglichem Nutzen

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Fleisch schneiden Quelle: dpa

Nicht alle Produkte sind so selbsterklärend, wie die antimikrobielle Türklinke, die bakterientötende Klobrille oder die Zahnbürste. In der Werbung für seinen antibakteriellen Brauseschlauch etwa erklärt der Badausstatter Hansgrohe daher: „Einige Mikroorganismen können für unsere Gesundheit ausgesprochen gefährlich werden.“ Der Schlauch soll gegen „Kolibakterien, Salmonellen und weitverbreitete Legionellen – Verursacher der gefährlichen Legionärskrankheit“ vorgehen, heißt es im Produktkatalog.

Beim Umweltbundesamt in Bad Elster sieht man derlei Versprechen skeptisch. Hochwertige Duscharmaturen würden einer mikrobiologischen Prüfung unterzogen, erläutert der UBA-Biologe Benedikt Schaefer. „Den Test bestehen die Armaturen auch ohne Silberung.“ Hätte der Silbereinsatz nennenswerte Vorteile, so Wissenschaftler Schaefer, „würden wir das als Behörde gern vorschreiben“.

Gesundheitsrisiko ist nicht einschätzbar

Genau das aber, monieren Kritiker des Keimfrei-Booms, wie etwa Fachleute des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR) in Berlin, sei schlicht „überflüssig“. Gewöhnliches Putzen schütze viel besser vor Lebensmittelvergiftungen – und reiche aus, so die Experten der dem Bundesverbraucherschutzministerium angegliederten Behörde. Silberteilchen in der Kunststoffauskleidung von Kühlschränken etwa halten sie für nutzlos und stellen deren desinfizierende Wirkung infrage.

„Viele Hersteller argumentieren wider besseren Wissens“, zürnt auch Armin Schuster, Mikrobiologe und Infektionsexperte am Universitätsklinikum in Freiburg. Denn Silberoberflächen alleine könnten gar keine Lebensmittelinfektionen verhindern. „Selbst wenn Sie das Fleisch roh darauf legen, bleiben die Keime im verdorbenen Fleisch immer noch drin.“ Das BfR warnt sogar ausdrücklich vor antimikrobiellen Nanoteilchen in Geschirr, Schneidbrettern und ähnlichen Gegenständen, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen. Ob von Nanopartikeln ein Gesundheitsrisiko ausgehe, sei mangels Daten noch gar nicht abzuschätzen.

Falsche Botschaften

Wissenschaftler beobachten den Keimfrei-Trend mit Sorge. „Den Konsumenten wird eine völlig falsche Botschaft vermittelt“, sagt Mikrobiologe Schuster. Dem Verbraucher werde eine allgemeine Bakteriengefahr vorgegaukelt. Dagegen seien die meisten Mikroorganismen gar nicht krank machend. „Sie sind für Menschen nicht nur harmlos, sondern teils auch gut“, so der Freiburger Wissenschaftler.

Die menschliche Haut etwa wird von verschiedenen Bakterien besiedelt, die hochwirksame Antibiotika produzieren, die wiederum vor Krankheitserregern schützen. Sie wirken so schnell und so zuverlässig wie keine handelsübliche Arznei. Umso bedenklicher ist, wenn diese schützende Flora durch antimikrobielle Textilien dezimiert wird.

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