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Surface-Tablet Wie Microsoft cool wurde

Microsoft steht im mobilen Markt mit dem Rücken zur Wand – und macht das einzig Richtige: Ein Tablet mit einem interessanten Konzept, das auf das Herz der Kunden zielt. Ob die Wette aufgeht, ist dennoch nicht sicher.

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Microsoft-CEO Steve Ballmer bei der Vorstellung des Surface: Die Vorstellung des Tablets hat im Netz einen kleinen Hype erzeugt. Quelle: dpa

Düsseldorf Eines hat Microsoft bereits geschafft: Gezielt einen kleinen Hype ausgelöst. Das kürzlich vorgestellte Tablet Surface ist endlich mehr als ein weiterer iPad-Klon: Schlank, schön, elegant. Die selbst entwickelte Metalllegierung wirkt hochwertig und stabil. In die hauchdünnen Hüllen des Tablets ist praktischerweise eine Tastatur integriert – eine echte Innovation. Ein praktischer integrierter Standfuß rundet den guten ersten Eindruck ab.

Das ist ein neues, interessantes Konzept. iPad und Android-Tablets wurden bislang vor allem zum Konsum von Inhalten genutzt. Mit der Folientastatur könnten Tablets erstmals auch dafür geeignet sein, Inhalte zu produzieren. Damit geht Microsoft ebenso wie die Metro-Oberfläche von Windows Phone 7 und Windows 8 einen eigenen Weg, der sich optisch und konzeptionell von Apple und deren Klonen aus der Android-Welt absetzt.

Eine Werbung, die der Konzern auf Youtube hochgeladen hat, setzt das Tablet passend in Szene – und bekommt im Netz viel Zuspruch. Das Video wurde bereits mehr als 1,8 Millionen Mal aufgerufen.  Microsoft ist cool – und das fast über Nacht. Der Name Surface bleibt über Stunden auf Platz eins der meistdiskutierten Themen bei Twitter – so sieht ein Hype aus und erstmals seit Jahren erzeugt ihn Microsoft und nicht Apple.

Das traditionell Apple-kritische Blog Gizmodo meint sogar, das Surface-Tablet lasse iPad und Macbook Air obsolet erscheinen. „Microsoft ist der Underdog – denn egal wie viele Hundertmillionen Leute ihre Software nutzen – das Coole und die Zukunft gehören Apple“, schreibt das Blog. „Oder besser gehörten. Nach dem Surface-Event gestern – vorausgesetzt, dass Microsoft die Umsetzung nicht vermasselt – könnten Gates Kinder die Waffe  gefunden haben, welche die Jobs-Erben stoppt und das Blatt wendet“.

Damit zeigt Microsoft, dass es verstanden hat, worauf es in der neuen IT-Welt ankommt: Auf die Privatkunden, die  in den vergangenen Jahren zum Schlüssel für den Markterfolg der IT wurden. Denn im mobilen Boom-Markt der Smartphones und Tablets entscheiden überwiegend Privatleute und nicht mehr IT-Entscheider in Unternehmen über die Anschaffung von Geräten.


Microsoft zielt auf das Herz der Konsumenten

So gewinnt nicht derjenige am am Markt, der nur den kühl rechnenden Controller im Unternehmen durch intelligente Softwarelösungen überzeugt, er muss auch das Herz des Konsumenten erreichen. Und die wählen lieber begehrte und schöne Gadgets wie iPhone und iPad, als langweiliges Arbeitstier wie das Blackberry. Und weil in immer mehr Büros „Bring your own Device“ angesagt ist, bleibt das die einzige Anschaffung.

Die sogenannte „Consumerization der IT“ ist damit zu einem Problem für Microsoft und sein angestaubtes geworden. Obwohl Microsoft fast so viel verdient wie Apple, ist es an der Börse deutlich weniger wert. Die Anleger trauen dem Konzern keine Konzepte für die Zukunft zu. Microsoft lebt von den Cash-Cows der PC -Ära – allen voran Windows und Office.

Solide aber langweilig

Software, die heute als solide gilt – aber eben auch als langweilig. Langweilige Programme, die auf langweiligen grauen Kisten langweilige Arbeit verrichten. Microsoft-Software und Formate sind noch immer die Quasi-Standards der PC-Welt. An der Software kommt niemand vorbei, der in der Büro-Welt mitspielen möchte – doch Leidenschaft kann der Konzern bei seinen Kunden damit nicht entfachen.

So ist es Microsoft nicht gelungen, seine Vormachtstellung auf dem PC in die mobile Welt zu retten. Quasi-Monopole aus der alten Welt zählten hier nicht mehr. Weil die Smartphones und Tablets bislang allesamt auf der stromsparenden Prozessorarchitektur von ARM laufen statt wie die PCs auf x86er-Chips, wurden die Karten völlig neu gemischt.

Erst spät stellte Microsoft ein System vor, das mit der aktuellen Smartphone-Generation von iPhone und Android-Geräten mithalten konnte: Windows Phone 7. Das System erhält von Experten viel Lob – doch bei der Zahl der verfügbaren Apps ist noch immer deutlich geringer als bei der Konkurrenz. Attraktiv für Programmierer sind vor allem die Plattformen, die besonders verbreitet sind – ein Teufelskreis für die Underdogs.

Auch dieses Problem adressiert Microsoft mit dem Surface. Das Tablet gibt es nämlich in zwei Varianten. Während die kleinere Version „Surface RT“ basiert wie die Konkurrenz von iPad und Android-Geräten auf ARM-Chips – und ist damit direkt gegen das Apple-Tablet positioniert. Knackpunkt wird hier die Verfügbarkeit von Apps sein.


Microsoft versucht ein Stück PC in die Tablet-Welt zu bringen

Das „Surface 8 Pro“ hingegen besitzt einen herkömmlichen PC-Prozessor von Intel sowie zahlreiche PC-Schnittstellen wie USB 3 und Mini-Display-Port. Somit ist das teurere „Surface  8 Pro“ zu klassischer PC-Software kompatibel und tritt damit eher gegen die Ultrabooks an. Das ist der Versuch mittels eines PC-Tablet-Hybrids, die Dominanz Microsofts für den PC-Markt doch noch zumindest ein Stück weit in die Tablet-Welt zu retten. Damit ist die Softwareauswahl groß. Doch die PC-Kompatibilität birgt auch Nachteile: Geringere Akkulaufzeit, höherer Preis mehr Gewicht und eine Steuerung der Software, die nicht auf Tablets optimiert ist.

Das Surface-Tablet scheint das erste Microsoft-Produkt zu sein, das bei den Kunden auch Leidenschaft weckt. Dafür hat Microsoft den Bau der Hardware erstmals in eigene Hände genommen – ganz so wie Apple. Nur so kontrolliert Microsoft das gesamte Nutzererleben, das von Hardware wie Software gleichermaßen bestimmt wird. Vorbild ist hier natürlich Apple, die nicht nur Hard- und Software aus einem Guss entwickeln, sondern häufig sogar das Nutzererleben beim Kauf des Geräts, weil der Konzern eigene Apple Stores unterhält.

Schlechte Erfahrungen mit seinen Partnern hat Microsoft auf dem PC-Markt gemacht: Ob Toshiba, Lenovo oder HP – für gewöhnlich installieren die Hardware-Verkäufer allerlei Zusatzsoftware, Toolbars und Links, die beim Nutzer dein Eindruck eines „vermüllten“ Rechners hinterlassen. In den USA verkauft Microsoft daher inzwischen die Rechner der Hardware-Partner auch in Eigenregier - und zwar „nackt“, nur mit dem eigenen Windows-System.

Zwei wichtige Faktoren lässt Microsoft offen

Nun aber kommt es zum Start des Tablets auf zwei  wichtige Faktoren an: Der Zeitpunkt und der Preis. Beides ließ Microsoft bei der Präsentation offen. Startet das Microsoft-Tablet zu spät, ist die Dominanz des iPads noch schwerer zu brechen. Apple hat immerhin eine etablierte Plattform mit Hunderttausenden für das iPad optimierter Apps. Für Windows 8 RT existiert dagegen bislang nur eine Handvoll Apps von Microsoft.

Auch beim Preis bleibt Microsoft nicht viel Spielraum. Das iPad 3 gibt es bereits ab günstigen 480 Euro. Und es ist dem Surface RT nicht nur bei der Anzahl der verfügbaren Apps haushoch überlegen, sondern dürfte auch technisch die Nase vorn haben. Das Retina-Display des aktuellen iPads stellt 2048 x 1536 Pixel dar. Beim Surface spricht Microsoft lediglich von einer Full-HD-Auflösung, das wären 1920 x 1080 Pixel. Bei Gewicht und Dicke sind beide Tablets sehr nah beieinander.

„Damit Windows RT für din Kunden interessant ist, muss Microsoft das Tablet aggressiv bei einem Preis von 400 bis 500 Dollar anbieten“, glauben daher auch die IT-Experten von IDC. „Angesichts er Materiakosten mag dieser Preis schwierig zu erreichen sein, aber wir glauben, dass das dies der Schlüssel dazu ist, einer ganz neuen Plattform mit einem begrenzten App-Ökosystem zum Start zu verhelfen“.

Microsoft hat auf dem Zukunftsmarkt Mobile Computing bislang kaum etwas zu verlieren – und dafür viel zu gewinnen. Mit dem Surface-Konzept hat Microsoft immerhin einen ernstzunehmenden Versuch vorgestellt.

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