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Telekommunikation Abgang der klassischen Telefonanlage

In Tausenden Unternehmen ersetzen Internet oder Mobilfunknetz klassische Telefonanlagen. Mit der Technik wird Telefonieren flexibler und billiger. Telekom & Co. geraten unter Druck.

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Die Kommunikationstechnik Quelle: dpa/dpaweb

Ausgerechnet Handys. Auf die Idee, alle Bürotelefone aus seiner Druckerei zu verbannen und externe wie interne Anrufe nur noch über Mobiltelefone abzuwickeln, wäre Bernd Bradtmöller noch vor einem halben Jahr nicht mal im Traum gekommen. Denn sein Druckbetrieb im Kölner Süden liegt in einem Funkloch – ausgerechnet am Fuß eines Mobilfunk-Sendemasts. „Dort mit Handys zu telefonieren, das ging gar nicht“, sagt der Geschäftsführer der Grafischen Werkstatt Druckerei Gebrüder Kopp in Köln.

Nun aber wird genau das zur Regel: Bradtmöller hat die Telefonanschlüsse der Druckerei und des Büros in der Kölner Innenstadt ebenso gekündigt wie den Mietvertrag seiner Telefonanlagen, über die bisher die Anrufe liefen. Stattdessen rüstet er alle 50 Mitarbeiter mit Mobiltelefonen aus. Deren Verbindung ins Telefonnetz übernehmen seit wenigen Tagen zwei sogenannte Mikrozellen im Unternehmen, kompakte Handyfunkstationen, kaum größer als ein Desktop-PC.

Damit spart der Kölner Unternehmer pro Jahr einige Tausend Euro Kommunikationskosten. Miete und Wartungsgebühren der alten Technik entfallen ebenso wie die Kosten der ISDN-Anschlüsse oder der Telefon-Standleitung zwischen beiden Betriebsstätten.

Angriff auf Milliardenmarkt der Telefonanlagen

Verantwortlich für Bradtmöllers Sinneswandel ist Marc Mauermann. Der frühere Vodafone-Vertriebsmanager ist Chef des im vergangenen Herbst gestarteten Mobilfunkanbieters Onephone aus Ratingen bei Düsseldorf. Der ermöglicht es Geschäftskunden, Firmenhandys als Nebenstellen einer virtuellen Telefonanlage zu nutzen, die für externe Anrufer unter normalen Festnetzrufnummern, einschließlich Durchwahlen, erreichbar ist.

Dabei übernimmt ein Computer im Onephone-Netz alle wichtigen Funktionen normaler Vermittlungsanlagen, wie sie bisher im Unternehmen stehen. So lassen sich etwa die Rufnummern mehrerer Hotline-Mitarbeiter zusammenfassen, sodass deren Telefone stets gemeinsam klingeln. Wer Anrufer an Kollegen weitervermitteln will, tippt nur deren Kurzwahl ins Handy ein, dann läutet dort das Telefon. Alle Funktionen lassen sich zudem nicht nur am Handy, sondern auch über eine Software im Arbeitsplatz-PC steuern. Dann reicht ein Mausklick auf die Rufnummer eines Geschäftskontaktes, und das Handy baut die Verbindung auf.

Mit diesem Angebot gehört Onephone – ein Joint Venture des gleichnamigen schwedischen Telefonspezialisten und der niederländischen E-Plus-Mutter KPN – zu einer jungen Garde innovativer Unternehmen, die gerade den deutschen Telekommunikationsmarkt aufmischt. Sie blasen mit neuartigen mobilfunk- oder internetgestützten Telefondiensten zum Sturm auf eine der lukrativsten Sparten in der deutschen Telefonbranche: Verkauf, Vermietung sowie Service von Telefonanlagen für Unternehmen.

Ein Riesengeschäft. Allein die Umsätze mit Unternehmen bis 500 Mitarbeiter taxiert der Bonner Betriebswirtschaftsprofessor Jens Böcker in einer Studie zum Marktpotenzial virtueller Telefonanlagen auf knapp 5,5 Milliarden Euro im Jahr.

„Wir befinden uns in einem radikalen Umbruch der Kommunikationstechnik in Unternehmen“, sagt Nicole Dufft, Geschäftsführerin des Berliner Beratungshauses Berlecon Research. Das Angebot Telefon-Hardware durch softwarebasierte Angebote zu ersetzen, falle in vielen Unternehmen mit der Bereitschaft zusammen, IT-Dienste von externen Anbietern über das Internet zu beziehen. Experten bezeichnen das als „Cloud Computing“.

Dabei buchen Kunden Rechenleistung oder Software aus dem Internet und zahlen nur für die Leistung, die sie tatsächlich nutzen. Ähnlich funktionieren virtuelle Telefonanlagen, die zugleich teure, oft nur teilweise ausgelastete Vermittlungstechnik ersetzen. Zumal Informations- und Kommunikationstechnik verschmelzen: „In fünf Jahren werden viele Unternehmen Telefoniedienste genauso aus dem Netz buchen wie Software“, sagt Dufft.

Rechenzentrum von Strato: Quelle: obs

Umso mehr, wenn virtuelle Telefonanlagen – wie etwa beim Druckereimanager Bradtmöller – vergleichbare oder zusätzliche Funktionen für weniger Geld bieten als die Vermittlungstechnik im eigenen Schaltschrank. Denn für den Kölner Unternehmer ist es in Zukunft egal, ob seine Mitarbeiter einander in der Firma anrufen – oder im Rest der Republik, wo Onephone das Netz von E-Plus nutzt: „Interne“ Telefonate der Mitarbeiter untereinander sind kostenfrei. Für den Rufaufbau reicht die übliche Kurzwahl.

Wer externe Telefonate führen will, um Geschäftspartner zu erreichen, holt sich „ein Amt“. Dabei kann der Nutzer wählen, ob die eigene Festnetz- oder die Handynummer angezeigt wird. Externe Telefonate aus der eigenen Funkzelle rechnet Onephone zu Festnetzkonditionen ab, Gespräche unterwegs zu den üblichen Geschäftskundentarifen. Branchenriesen wie Siemens, Cisco oder die Deutsche Telekom, die seit Jahren Telefonanlagen und den zugehörigen Service verkaufen, sind alarmiert. Nicht anders die zahlreichen kleineren Anbieter von Vermittlungstechnik für mittelständische Unternehmen wie Agfeo, Auerswald, Funkwerk oder Tiptel. Für alle steht ein Milliardengeschäft auf dem Spiel. Ein sicheres zumal, denn fünf- bis zehnjährige Serviceverträge für Vermittlungstechnik und Telefone waren in der Branche bisher die Regel – und fünfstellige Miet- und Wartungskosten im Jahr für viele Mittelständler völlig normal.

Die Zeiten derart leicht verdienten Geldes aber sind vorbei. Neben neuen Mobilfunkdiensten, wie Onephone sie bietet, konkurrieren zunehmend auch Internet-Anbieter mit Telefondiensten um Unternehmenskunden. Bei Firmen wie Sipgate, nfon, bluvo, Deutsche Telefon Standard oder toplink übernehmen spezielle Telefonserver im Internet die Funktion der traditionellen Telefonanlagen beim Kunden. Sie alle haben das Stadium technischer Spielerei hinter sich gelassen und werden zu einer ernst zu nehmenden Alternative zu Telekom & Co.

Umso mehr, als schnelle Online-Anschlüsse bei den meisten deutschen Unternehmen heute ebenso zum Standard gehören wie leistungsfähige interne Datennetze. Die verknüpfen Computer ebenso gut wie moderne Tischtelefone für Internet-Telefonie. Die unterscheiden sich von klassischen Büroapparaten nur darin, dass sie die Gespräche über die Online-Verbindung übermitteln statt über herkömmliche Telefonleitungen oder den ISDN-Anschluss. Die Gesprächspartner merken davon in der Regel nichts.

Virtuelle Kommunikationszentrale über das Internet

Für die Unternehmen jedoch haben die Internet-Anschlüsse zahlreiche Vorteile: Sie sind nicht nur flexibler und komfortabler, sondern zumeist auch billiger als klassische Vermittlungstechnik. Aus dem Grund hat auch Steffen Landgraf klassische Vermittlungstechnik aus den Büros seines Arbeitgebers, dem weltweit tätigen Betreiber der Online-Ticketing-Plattform Etix.com, verbannt. Dabei hat der 50-jährige Technikexperte selbst jahrelang für die Deutsche Telekom Telefonanlagen installiert und gewartet. Doch bei Etix im sächsischen Chemnitz hatte die alte Technik keine Zukunft mehr.

Seit eineinhalb Jahren nutzt der Web-Dienstleister nun den Vermittlungsservice des Internet-Telefonie-Anbieters nfon aus München. Heute verbindet virtuelle Vermittlungstechnik die Telefone der rund 50 Etix-Beschäftigten an acht Standorten in Deutschland, den USA und Kanada. Und das – seit dem Umstieg auf die neue Technik – mit 35 bis 45 Prozent niedrigeren Kommunikationskosten, „je nach Monat und Nutzung“, sagt Landgraf.

Auch, weil die Online-Verbindung teure Überseeverbindungen überflüssig macht. Sie laufen nun kostenlos durch das Internet. Zudem habe früher, bei den fest verdrahteten Telefonen, jede Neukonfiguration oder Anrufumleitung „ein kleines Informatikstudium erfordert“, sagt Landgraf. Heute reichten ein paar Mausklicks im Online-Menü, „und eingehende Anrufe landen am anderen Ende der Republik oder gleich jenseits des Atlantik“. Bei manchem Telefonanbieter klappt das auch umgekehrt. Dienstleister wie der Düsseldorfer Anbieter Sipgate offerieren nicht nur Anschlüsse in fast allen deutschen Ortsnetzen in ihrem Online-Portal. Wer etwa als Münchner Rechtsanwalt auch für Klienten aus Regensburg, Augsburg und Ulm zum Ortstarif erreichbar sein will, aktiviert in seinem Kundenprofil einfach weitere Rufnummern aus den entsprechenden Ortsnetzen.

Genauso klappt das auch international. „Per Mausklick integrieren wir Nummern aus knapp 30 Staaten weltweit – von Argentinien über Kanada bis Zypern – in die digitale Vermittlungstechnik unserer Kunden“, sagt Sipgate-Gründer Tim Mois. Dank Internet-Telefonie sei so auch die lokale telefonische Präsenz im Ausland nur ein paar Klicks im Sipgate--Online-Portal entfernt. Nur dass dort eingehende Anrufe dann via Internet am deutschen Anschluss auflaufen.

Nun reagieren die traditionellen Anbieter. Fast alle haben inzwischen neben klassischer Vermittlungstechnik auch Telefonanlagen mit VoIP-Funktion im Programm. Viele haben zudem die Laufzeiten ihrer Serviceverträge reduziert. Und die Deutsche Telekom sowie Vodafone offerieren mit den brandneuen Tarifangeboten Deutschland-LAN sowie OfficeNet sogar erstmals reine virtuelle Telefonanlagen für Unternehmenskunden – wohl wissend, dass das zulasten ihres traditionellen Geschäfts gehen wird.

Etwas anderes bleibe den etablierten Anbietern auf Dauer ohnehin nicht übrig, glaubt Berlecon-Expertin Dufft, getreu dem Motto: „Kannibalisiere dich selbst, bevor andere es tun.“

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