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Theologe Graf "Ein Tauschgeschäft zwischen Staat und Kirche"

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Beschädigt das ökonomische Alltagsverhalten ihrer Sozialholdings die Glaubwürdigkeit der Kirchen?

Natürlich. Denn der in Caritas und Diakonie weitverbreitete Sozialpaternalismus, also die Neigung, besser als der Betroffene zu wissen, was gut für ihn ist, kommt ja heute nicht nur vielen Mitarbeitern verlogen vor. Er droht auch die Patienten zu entmündigen. Denken Sie nur an die religiöse Semantik von der Heiligkeit und Unverfügbarkeit des Lebens. Sie ist wichtig. Nicht leben kann ich aber damit, wenn mir aufgrund dieser sehr spezifischen Vorstellung vorgeschrieben werden soll, wann und wie ich zu sterben habe. Es steht niemandem zu, selbst dem Papst nicht, den Wunsch auf selbstbestimmten Tod zu ignorieren. Und doch meinen Mitarbeiter der Caritas, „Leben zu retten“, wenn sie einen Palliativpatienten, der zu Hause sterben möchte, gegen seinen Willen zur Behandlung ins Krankenhaus bringen.

Wird den Kirchen ihr moralischer Selbstanspruch zum Verhängnis – oder der Absolutheitsanspruch, mit dem sie ihre Moral durchzusetzen versuchen?

Beides. Dass die Kirchen stark auf moralische Kommunikation setzen, ist das eine: Moral ist der prekärste Code, in dem man öffentlich kommunizieren kann, denn er macht angreifbar, wie der Missbrauchsskandal zur Genüge gezeigt hat. Dass die Kirchen ihre Moral zum Maßstab genommen haben, um sich mit erhobenem Zeigefinger in alles Mögliche einzumischen – und darüber ihr Kerngeschäft der religiösen Kommunikation vergessen haben –, ist das andere. Beides zugleich hat die Kirchen auf Dauer geschwächt.

Nur jeder fünfte Katholik hält die Kirche noch für eine vertrauenswürdige Institution, bei den Protestanten kaum mehr.

Trotzdem lassen die Kirchen irritierend wenig Bereitschaft zu Selbstkritik erkennen. Im Gegenteil: In beiden Kirchen lässt sich eine verstärkte Hinwendung zu autoritärem Klerikalismus und Hierarchiekult beobachten. Ein Unternehmen, das am Abgrund steht, wechselt seine Führungsspitze aus und fängt an aufzuräumen. Die Kirchen kommen nicht mal auf den Gedanken, dass sie bald am Abgrund stehen könnten. Es geht ihnen offenbar immer noch zu gut.

Mit der Folge, dass die kirchliche Elite weiterhin unter sich bleibt und sich dogmatisch verpanzert?

Die kirchliche Dogmatik muss man als einen speziellen Kommunikationscode verstehen, als eine Art Privatsprache: Sie macht die Welt übersichtlich, teilt sie ein in solche, die dazugehören, und solche, die nicht dazugehören. Der Preis, den man für dieses Binnenidiom zahlt, ist die Unverständlichkeit: Nur eine kleine Minderheit von Kirchenchristen interessiert sich noch für die Dogmen und Bekenntnisse der Kirche.

Und dem Rest laufen die kirchlichen Bildungswerke mit esoterischen Angeboten hinterher?

Mit Bach-Blüten-Seminaren, Zen-Meditation und Fußreflexzonentherapien. Die Diözesen bestätigen damit auf groteske Weise die alte These, dass gelebte Religion immer auch ein Spiegel der Gesellschaft ist. Ich bin sicher, dass wir sehr bald schon einen katholischen Priester im Dschungelcamp erleben werden.

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