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TomTom-Chef Harold Goddijn "Wir fürchten die neue Konkurrenz nicht"

TomTom-Chef Harold Goddijn erklärt, mit welchen Navigationsdiensten er der zunehmenden Gratiskonkurrenz begegnen will.

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Harold Goddijn REUTERS/Mal Quelle: Reuters

WirtschaftsWoche: Wenn in Zukunft jedes bessere Handy zum kostenlosen Navigator mutiert, wer kauft dann noch TomTom-Navis?

Goddijn: Solche Gratisdienste gibt es längst. Aber sie haben nicht dazu geführt, dass die Menschen keine Navigationsgeräte mehr kaufen. In Funktionalität und Bedienbarkeit entsprechen die Angebote offenbar nicht dem, was die Kunden erwarten.

Das dürfte sich ändern, wenn Branchengrößen wie Nokia oder Google einsteigen.

Wir fürchten die neue Konkurrenz nicht. Dass Handys inzwischen auch Fotos machen, hat Kompaktkameras nicht obsolet gemacht. Und nur weil Mobiltelefone heute auch Musik abspielen, vergammelt der iPod nicht im Regal.

Das klingt eher angestrengt optimistisch.

Ich denke, die Nachfrage nach Navigationsgeräten verschiebt sich nach oben. Kunden mit geringen Ansprüchen mögen sich mit den kostenlosen Diensten zufriedengeben. Wer mehr Komfort will, greift zu Mittel- oder Oberklasse-Navis – und zahlt dafür. Den Trend zu höherwertigen Modellen haben wir 2009 schon in Deutschland gemerkt.

Half das, die Wirtschaftskrise zu kompensieren?

Wir veröffentlichen erst im Februar unsere Geschäftszahlen. Daher bloß so viel: Nicht nur gemessen an den schwierigen Rahmenbedingungen, haben wir uns 2009 gut geschlagen. Wir haben mehr Geräte verkauft als je zuvor, unseren Marktanteil erfreulich entwickelt und die Kosten gesenkt. Die Margen sind okay. Weltweit betrachtet sind wir mit Garmin auf Augenhöhe. Die dominieren den US-Markt, wir Europa.

Einsteigergeräte gibt es für weniger als 100 Euro, Top-Navis kosten bis zu 400 Euro. Wie rechtfertigen Sie den Aufpreis gegenüber den Gratisdiensten?

Die Menschen wollen schnell und ökonomisch reisen. Wenn es sich mal staut, wollen sie trotzdem auf der günstigsten Route unterwegs sein und so verlässlich wie möglich wissen, wann sie ankommen. Das braucht mehr, als ein paar Pfeile auf einer Karte einzublenden.

Nämlich?

Zum Beispiel betreiben wir mit unserem Verkehrs-info-dienst HD-Traffic enormen Aufwand, um die Verkehrslage exakt und aktuell zu erfassen. Von Staumeldungen der Polizei über GPS-Positionsdaten aus unserem Flottenmanagement-Dienst TomTom Work bis zu Millionen von Bewegungsprofilen von Vodafone-Handys fassen wir Daten zusammen, die wir via Mobilfunk auf unsere Top-Modelle übertragen. Bisher haben wir mehr als 500 Milliarden Verkehrsinformationen verarbeitet. Das ist ein absolut einmaliges und offenbar attraktives Angebot. Im dritten Quartal 2009 hat grob jeder Dritte, der HD-Traffic genutzt hat, sein Abonnement dafür verlängert.

Der Kartenanbieter Navteq, seit 2007 Teil von Nokia, hat 2009 die Telematiksparte der Deutschen Telekom gekauft. So bekommt auch Nokia Zugriff auf Bewegungsprofile von T-Mobile-Handys. Was dann?

Ich habe nie erwartet, den Dienst ewig exklusiv zu haben. Aber die Konkurrenz muss sich anstrengen. HD-Traffic marktreif zu bekommen war gar nicht trivial.

Bleibt HD-Traffic auf Dauer exklusiv, oder vermarkten Sie den Dienst auch an Dritte?

Wir prüfen jede vernünftige Form der Vermarktung und stehen in Verhandlungen mit mehreren Interessenten – vom Auto- bis zum Handyhersteller.

Navigationsgerät von TomTom Quelle: gms

Fürchten Sie angesichts des Kursverfalls der TomTom-Aktie nicht, für Google oder Nokia zum Übernahmeziel zu werden?

Wir fühlen uns in unserer Haut sehr wohl. Und wenn Sie wissen wollen, ob wir für jemand anderes interessant sind, dann müssen Sie dort fragen.

Wohin entwickelt sich die Navigationstechnik insgesamt? 

Sicher zu mehr Vernetzung, mehr Aktualität und zu noch mehr Information.

Was heißt das konkret?

Unsere Top-Modelle besitzen ja schon ein Mobilfunkmodul. Darüber können die Nutzer Wettermeldungen empfangen. Oder auch, wo Radarfallen stehen, wo man günstig tankt oder gut isst. Diese Informationen erleichtern das Reisen. Bisher bieten wir diesen Service vor allem Vielfahrern an. Bald gibt es das auch in der Mittelklasse.

Was bedeutet für Sie „mehr Aktualität“?

Rund 15 Prozent aller Straßen ändern sich binnen eines Jahres. Bisher bieten wir alle drei Monate aktuelle Straßenkarten an. Durch die Integration unserer Karten-Tochter Teleatlas wird sich das Intervall schon bald drastisch verkürzen.

Was ist Ihr Ziel?

Ich denke, dass wir bis Ende des Jahres bei Update-Intervallen von 24 bis 48 Stunden sind. Da können wir größere Baustellen oder längere Streckensperrungen fast tagesaktuell berücksichtigen.

Nachrüst-Navis und der Kabelsalat, der dranhängt, sind weder schön noch wirklich sicher, wie Unfallforscher kritisieren. Haben die Geräte auf Dauer eine Zukunft?

Die Nachfrage ist ungebrochen. Für dieses Jahr erwarte ich die erste große Austauschwelle bei installierten Systemen, weil die Menschen ihre Navis nach drei bis vier Jahren ersetzen. Aber ich glaube auch, dass der nächste große Wachstumsschub von Einbaugeräten kommen wird.

Für echte Massenprodukte sind die Systeme der Autohersteller noch viel zu teuer.

Weil ihr Entwicklungsmodell ineffizient ist. Jeder definiert nach Gusto, was die Systeme können sollen. Im Luxussegment geht das, für das Massengeschäft aber ist es nicht praktikabel.

Wie sieht die TomTom-Lösung aus?

In Zukunft werden die Hersteller von Partnern wie uns standardisierte Softwaremodule für die Navigation einkaufen, die sie an ihr Design anpassen und in die Autos integrieren. Das halbiert die Zeit bis zum Marktstart und senkt die Entwicklungskosten um 60 bis 70 Prozent. Genau das exerzieren wir beispielsweise mit Renault gerade durch. Da gibt es nun ein fest eingebautes Navi ab Werk für nur noch knapp 500 Euro.

Hersteller wie BMW blenden Routenhinweise bei Einbau-Navigationssystemen zum Teil in die Frontscheibe ein. Gibt es das -irgendwann auch zum Nachrüsten?

Head-up-Displays sind kein Produkt für den Massenmarkt. Entscheidend ist, dass die Informationen auf dem Bildschirm relevant und schnell erfassbar sind. Noch wichtiger ist eine klare und eindeutige Sprachansage. Das hat Priorität.

Ist das eine Absage an 3-D-Landschaften, an Satellitenbilder und fotorealistische Gebäudedarstellungen?

Entscheidend ist, dass Informationen helfen, die Route ohne Probleme zu finden. Ein markantes 3-D-Gebäude kann helfen. Zu viele Gimmicks aber verwirren. Schon jetzt ist mancher optische Effekt im Markt nett anzusehen, aber nicht wirklich nützlich.

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