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Umfrage zum IT-Gipfel "Viele Ankündigungen, keine Resultate"

Deutsche Unternehmer und Gründer kritisieren den IT-Gipfel teils harsch. In einer Umfrage der WirtschaftsWoche erheben Sie klare Forderungen an die Politik, doch die Hoffnungen in Schwarz-Gelb beginnen zu verfliegen.

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Was erwarten Sie vom vierten IT-Gipfel?

Heiko Hubertz, Bigpoint

Dirk Graber (Gründer von Mister Spex): Ehrlich gesagt habe ich von der Veranstaltung noch nie gehört und mir gerade zum ersten Mal die Website mit den Informationen angesehen. Es scheint wieder eine dieser von der Politik organisierten Veranstaltungen zu sein, die stark an den Bedürfnissen von Startups und kleinen Unternehmen vorbei gehen. Diese scheinen noch nicht mal eingeladen zu sein, denn auf der Teilnehmerliste sehe ich nur große Unternehmen wie zum Beispiel SAP.

Ich würde mir wünschen, dass auch erfolgreiche Gründer zu einer solchen Veranstaltung eingeladen werden, da diese die wirklichen Probleme von Startups aus eigener Erfahrung kennen.

Stefan Glänzer (Last-FM-Gründer und Investor): Viele Ankündigungen, keine Resultate. 

Sven Schmidt (Gründer und Investor bei Verwandt.de, Pennergame.de oder Dealjäger):

Nichts. Ich wusste bis eben nichts von der Veranstaltung. Daher habe ich keine Erwartungen. Hätte ich von Ihr gewusst, würde ich allerdings auch nichts erwarten.

In Deutschland wird primär großen Firmen wie Opel geholfen, obwohl der Mittelstand und die kleinen Unternehmen die Gesellschaft tragen. Aber ist es halt PR-wirksamer einen Dinosaurier wie Opel, der aussterben sollte, am Leben zu halten.

Heiko Hubertz (CEO Bigpoint GmbH): Ich erwarte von dem diesjährigen IT Gipfel in Stuttgart einen offenen und vor allem konstruktiven Dialog. Der Staat muss sich unserer Meinung nach dafür stark machen, dass Internet mit seinen vielfältigen Angeboten den Menschen näher zu bringen und hier Vertrauen herstellen. Hier erwarten wir einen lösungsorientierten Dialog zwischen Wirtschaft und Politik.

Julia Derndinger (Entrepreneuers Organization und Gründerin Trendwerk77): Die systematische Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Informationstechnologie halte ich für äußerst wichtig.  Der sichere Umgang mit modernen Systemen ist für jeden Menschen, der aktiv an der Gesellschaft teilhaben will unabdingbar - darum ist es im Sinne des

Gleichheitsprinzips auch wichtig, dass wir allen Bürgern einen Grundzugang zur modernen Kommunikation und Datenverarbeitung ermöglichen und bei Defiziten ausbilden und erklären.

Werden die Interessen und Probleme von Gründern dort angemessen vertreten?

Bundeskanzlerin Angela Merkel Quelle: dpa

Tino Truppel (Pidoco): Leider nein.

Heiko Hubertz (Bigpoint): Wir denken, dass hier noch Verbesserungsbedarf besteht. Wir würden uns wünschen, dass Gründern hier eine größere Plattform geboten würde um über ihre Interessen und Probleme mit der Politik in den offenen und öffentlichen Dialog zu treten.

Dirk Graber (Mister Spex): Wenn ich die Agenda des IT-Gipfels lese, ganz klar nein. Aus meiner Sicht geht es hier eher um grundlegende IT-Themen. Sollte es beabsichtigt sein, dass die Interessen und Probleme von Gründern adressiert werden, sollten diese als erstes Gehör finden.

Julia Derndinger (Entrepreneuers Organization): Die Veranstaltuntung findet in einer traumhaften Lokation statt, die wie keine andere die Industrialisierung bzw. den Fortschritt unseres Landes symbolisiert  und ist hochkarätig besetzt. Leider vermute ich, dass die Interessen und Probleme von Gründern und jungen Unternehmern dort nicht zur Sprache kommen werden, da es sich primär um Vertreter aus Top-Industrie, Dax-Konzernen und Politik handelt. Insbesondere der Austausch zwischen Gründern, jungen Unternehmen, Mittelstand und Politik ist aber wichtig um die Unternehmerbedinungen in Deutschland zu verbessern.

Stefan Glänzer (Last-FM): Beim Betrachten der vier Schwerpunktthemen - nein. Es geht darum die Rahmenbedingungen für Gründungen optimal zu gestalten, und das kann ich nicht aus dem Programm ersehen 

Haben die bisherigen Gipfel Verbesserungen für Ihre Arbeit gebracht?

Tino Truppel (Pidoco): Leider nein.                   

Heiko Hubertz (Bigpoint): Die letzten vier IT-Gipfel haben unsere Arbeit nicht beeinflusst. Im Gegenteil, wir sehen eher eine immer größer werdende Verunsicherung der Bürger durch schnelle und unsere Meinung nach weder sinnvolle noch durchdachte Diskussionen wie die Internet-Zensurdiskussion aus dem Sommer dieses Jahres.

Sven Schmidt (Verwandt.de): Die letzten Jahre haben nur mehr Bürokratie & Co. gebracht. Daher ein klares Nein.

Dirk Graber (Mister Spex): Einige grundlegende Dinge für IT-Startups verbessern sich kontinuierlich. Hier ist beispielsweise die Netzabdeckung mit Breitband-Internetzugängen zu nennen. Am schwierigsten gestaltet sich immer noch die Suche nach geeigneten Fachkräfte für Startups, da oft die Ausbildungs- und Studiengänge nicht auf die Anforderungen von jungen, dynamischen Unternehmen angepasst sind.

Stefan Glänzer (Last-FM): Nicht wirklich.

Welche konkreten Maßnahmen müsste die Politik ergreifen, um das Klima für Startups zu verbessern und den IT-Standort Deutschland voranzubringen?

Lukasz Gadowski, Gründer der Internet-Firma Spreadshirt

Tino Truppel (Pidoco): Die Politik sollte nicht versuchen Probleme im IT-Bereich (Internetkriminalität etc.) über den Köpfen der Firmen hinweg zu lösen. Die Lösungen, die so entstehen sind meist für Start-Ups nicht praktikabel oder erst gar nicht umsetzbar.

Lukasz Gadowski (Spreadshirt-Gründer und Investor): Beim Datenschutz ist vieles im Argen, die Vorratsdatenspeicherung schadet mehr als sie nützt. Auf der anderen Seite gibt es oft auch unsinnige Behinderungen durch überpeniblen Datenschutz. Im Effekt wandern die Marktanteile einfach in die USA.

Regulatorisch kann man sich im Ausland viel anschauen. Banale Dinge machen Schwierigkeiten, zum Beispiel die Incentivierung von Mitarbeitern oder Aufsichtsräten durch Anteile – ein Horror, der eigentlich leicht zu beheben wäre.

Auch Förderungen von Innovationen sind interessant. Anstatt staatlicher Programme sollte die Regierung lieber die Wirtschaft mit steuerlichen Anreizen fördern. Hier ist Frankreich sehr erfolgreich – durch Steuervorteile für Privatpersonen haben diese Anreize, in Innovationen zu investieren. Funktioniert dort super, hier bitte auch einführen!

Sönke Schulz (Tredition):  Die Bundesregierung (alt wie neu) bürgt bei Verbindlichkeiten der Banken und Unternehmen wie z.B. Opel mit Milliardenkrediten. In der Gründungsszene kommt so ein Konstrukt leider nicht zum Einsatz. Es bürgen immer die Gründer. Auch Bürgengemeinschaften bitten am Ende den erfolglosen Gründer zur Kasse und das bis der letzte Euro zurückgezahlt wurde.

Es ist für den IT-Standort vorteilhaft, wenn ein Bürgenfonds eingerichtet wird. Dieser ist die Sicherheit für Fremdkapitalgeber, die in Startups investieren. Der Gründer müsste natürlich den Fremdkapitalgeber (z.B. die Bank) und den Fonds von seiner Idee und sich oder seinem Team überzeugen. Der Gründer ist aber so geschützt, dass er nicht sein Leben lang zurückzahlen muss.

Julia Derndinger (Entrepreneuers Organization): Weniger Bürokratie, Vereinheitlichung von Gewerbeangelegenheiten in den Bundesländern, mehr Flexibilität in der Mitarbeiterplanung, Vereinfachung der Steuergesetzgebung insbesondere für Gründer in den ersten Jahren beziehungsweise bevor erste große Umsätze da sind.

Heiko Hubertz (Bigpoint): Die Politik sollte sich in den offenen Dialog mit den Unternehmen geben und zusammen mit den Unternehmern Lösungen erarbeiten. Diese dürfen aber den Wirtschaftsstandort Deutschland nicht gefährden und müssen sinnvoll umsetzbar sein. Nur so kann langfristig das Vertrauen der Nutzer gestärkt und der Wirtschaftszweig Neue Medien gestärkt werden.

Hier ist unsere Forderung ganz klar: wir möchten das der Wachstumsmarkt Games als modernes Kulturgut von der Politik anerkannt wird. Ähnlich der Filmförderung erwarten wir dass sich die Politik stärker dafür einsetzt den für Deutschland immer wichtiger werdenden Wirtschaftszweig elektronische Spiele mehr zu fördern. Gerade was die Startup Finanzierung angeht sollte Unternehmertum und der Mut sich in solchen schwierigen Zeiten selbstständig zu machen durch eine leichtere und transparentere Kreditvergabe gefördert werden.

Um den Technologiestandort zu fördern muss die Bundesregierung auch ihr Versprechen, bundesweit Breitbandfähige Internetzugänge zu schaffen, umsetzen

Sven Schmidt (Verwandt.de): Meiner Ansicht nach sollte sich die Politik auf Rahmenbedingungen fokussieren und nicht auf Klientelpolitik. Was heißt das konkret? Zum einen mehr Bildung (= mehr Informatik Studenten) und bessere Infrastruktur (= VDSL für jeden Haushalt), zum anderen weniger Bürokratie, einfacheres Steuersystem, keine Subventionen und keine öffentlich-rechtlichen Medien. Mir konnte noch niemand erklären, warum wir eine IHK-Zwangsmitgliedschaft in Deutschland haben.

Dirk Graber (Mister Spex): In Deutschland ist Unternehmertum - egal ob Startup oder traditionelles Familienunternehmen - oft negativ bzw. auf jeden Fall nicht positiv belegt. Eine Insolvenz oder das Scheitern einer Idee wird in der Gesellschaft sehr negativ gesehen. Hier sollte die Politik einen Wandel in der „Wertewahrnehmung“ vorleben, indem sie eine kontinuierliche Kommunikation und entsprechende Incentiverung ins Leben ruft.

Die Politik kann und sollte grundsätzlich nur Rahmenbedingungen für ein positives Klima für Startups bereitstellen. Hierzu zählen für mich geringe bürokratische Hürden, ein flexibles Gesellschaftsrecht sowie die flexible Gestaltung von Arbeitsverträgen für Startups. Es ist beispielsweise nach wie vor extrem schwierig, ein flexibles Mitarbeiteroptionsprogramm für eine deutsche GmbH zu implementieren, das nicht gleich wieder mehrere tausend Euro Anwaltshonorar kostet.

Stefan Glänzer (Last-FM): Es steht nach wie vor nicht zum Besten mit der kulturellen und gesellschaftlichen Stellung von Entrepreneurship - dabei ist erwiesen das gerade SME ueberproportional viele Arbeitsplaetze schaffen. Entrepreneurship sollte fest im Bildungssystem verankert werden. 

Glauben Sie, dass sich die Bedingungen für Gründer mit der neuen Bundesregierung aus CDU, CSU und FDP verbessern werden? Warum?

Tino Truppel (Pidoco): Ich glaube schon. Meine Hoffnung ist, dass diese Regierung Gründungen zur mehr  gesellschaftlichen Akzeptanz verhilft, dass es positiv ist Risiken einzugehen und dass Scheitern akzeptiert wird.

Sven Schmidt (Verwandt.de): Viele Gründer haben die FDP unterstützt. Und viele Gründer sind jetzt maßlos enttäuscht. Statt für liberale Kernwerte einzutreten, betreibt die FDP weiter Klientelpolitik. Die Mehrwertsteuersenkung für Hotels sei hier nur als ein Beispiel aufgeführt. Ich hatte hohe Erwartungen, aber die sind schnell enttäuscht worden.

Sönke Schulz (Tredition):  Man könnte denken, dass die neue Bundesregierung etwas unternehmer- bzw. gründerfreundlicher sei. Jedoch ernüchtern die ersten Maßnahmen. Das Wachstumsbeschleunigungsgesetz, bei welchem qua Funktion auch Gründungen hätten gefördert werden sollen, ist ein Schnellschuss, der kein nachhaltiges Wachstum generieren wird.

Außerdem fehlt das Thema Gründung/Entrepreneurship etc. im Koalitionsvertrag. Daher befürchte ich, dass es in dieser Legislaturperiode keine Verbesserungen geben wird. Ich habe auch leider bisher weder von der Union noch der FDP ein Konzept zu Gründungsunterstützung bzw. nicht einmal eine Stellungnahme eines Politikers dieser Parteien zu diesem Thema gehört.

Heiko Hubertz (Bigpoint): Ja, wir glauben dass durch den Regierungswechsel das Thema Internet wieder zurück in einen konstruktiven Dialog geführt wird. Gerade die FDP hat sich in ihrem Wahlprogramm klar gegen die Internetsperren ausgesprochen. Wir hoffen zudem, dass sich die Bundesregierung dafür einsetzen wird, den Mittelstand und die Gründerszene mit einer erleichterten Kreditvergabe zu unterstützen.

Stefan Glänzer (Last-FM): Ich habe grosse Hoffnungen das die neue Regierung bei diesem Thema fest zupackt - aber wie das so ist mit Hoffnungen, man weiß nie. Wir werden in Europa große Probleme bekommen wenn wir weiter zusehen dass die digitale Zukunft fast ausschließlich von den USA dominiert wird. 

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