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50 Ideen für eine bessere Welt Unternehmen sagen dem Raubbau den Kampf an

Die Zahlen sind bedrohlich: Weltweit verbrauchen wir jährlich 60 Milliarden Tonnen Rohstoffe – 50 Prozent mehr als vor 30 Jahren. Um Nahrung, Energie und Lebensraum zu schaffen, verschwindet jeden Tag eine Waldfläche der Größe Stuttgarts vom Planeten. Mit einer Effizienzrevolution in der Produktion, besserem Recycling und neuen Biomaterialien sagen die Unternehmen dem Raubbau den Kampf an.

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Ein Bauer bei der Maisernte Quelle: dpa

Pflanzenflaschen

Weil der Rohstoff Erdöl für die Kunststoffherstellung zur Neige geht, suchen Chemiekonzerne in aller Welt intensiv nach gleichwertigen Alternativen auf Basis nachwachsender Rohstoffe – etwa Maisstärke oder Zuckerrohr. Ihr Vorteil: Die Pflanzen bestehen aus den Grundbausteinen Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff. Sie eignen sich damit gut als mögliche Ersatzquelle für die verschiedenen Kohlenwasserstoffe, die im fossilen Rohöl stecken und die bisher die Basis für Kunststoffe sind. Doch es vergehen oft mehrere Jahre, bis es gelingt, aus pflanzlichen Rohstoffen wirklich brauchbare Kunststoffe herzustellen.

Inzwischen aber haben erste Verfahren zur Biokunststoffherstellung das Experimentierstadium verlassen und die Marktreife erlangt. Sie werden sogar schon in Mengen produziert, die sich mit klassischen Kunststoffwerken vergleichen lassen.

So hat NatureWorks, ein gemeinsames Unternehmen der US-Chemiekonzerne Cargill und Dow, die Jahreskapazität in seinem Werk in den Niederlanden seit 2002 auf heute 140.000 Tonnen erweitert. Ein zweites gleich großes Werk soll in Thailand ab 2015 die Ingeo genannte Polymilchsäure (PLA) aus dem Grundrohstoff Maisstärke herstellen. Damit ist das Unternehmen der größte Hersteller von Bioplastik weltweit. „Wir sehen mehr und mehr Markenartikler, die Produkte aus unserem Material herstellen oder sie darin verpacken“, sagt Mark Vergauwen, der kaufmännische Direktor von NatureWorks in Europa. So füllt der französische Lebensmittelriese Danone in einem deutschen Pilotprojekt seinen probiotischen Activia-Joghurt in Ingeo-Becher.

Danones probiotischer Trinkjoghurt Actimel wiederum steckt in Fläschchen aus Polyethylen (PE), das aus Zuckerrohr-Ethanol gewonnenen wird. Diesen Biokunststoff stellt der brasilianische Chemiekonzern Braskem her. Mit Coca-Cola hat Braskem einen weiteren potenten Kunden an der Angel. Der füllt seit 2009 Coke, Sprite und andere Getränke in sogenannte PlantBottles. Durch und durch grün sind diese PET-Flaschen aber noch nicht: Zurzeit werden sie aus 35 Prozent recyceltem Kunststoff und 14 Prozent pflanzlichem PE-Material hergestellt.

Auch der US-Lebensmittelkonzern Heinz ist auf die Pflanzenflasche ungestiegen und will bald 120 Millionen Halbliterflaschen pro Jahr mit seinem Ketchup befüllen. Das wäre laut Heinz ein Fünftel der weltweit verkauften Ketchupflaschen. Insgesamt hat das Marktforschungsunternehmen Ceresana Research aus Konstanz neben NatureWorks und Braskem weltweit 85 weitere Produzenten ausgemacht, die den globalen Biokunststoffmarkt beliefern. Nach Einschätzung von Ceresana wird dieser bis zum Jahr 2018 auf einen Umsatz von mehr als 2,8 Milliarden Dollar anwachsen – das entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 17,8 Prozent.
Ganz optimal sind die heute verfügbaren Biokunststoffe aber noch nicht. Sie machen beim Recyceln allerlei Probleme und müssen getrennt gesammelt werden. Noch weniger akzeptabel finden europäische Kunden allerdings, dass zum Beispiel der Kunststoff Ingeo aus gentechnisch verändertem Mais hergestellt wird.

Und nahezu allen heutigen Biokunststoffen haftet der Makel an, dass sie aus potenziell essbaren Rohstoffen wie Maisstärke oder Zuckerrohr hergestellt werden. Deshalb arbeiten die Bioplastikforscher daran, künftig auch nicht essbare Pflanzenteile zu nutzen – wie zum Beispiel Maisstroh, Holz oder ausgepresstes Zuckerrohr.

Noch eleganter wäre es allerdings, als Kohlenstoffquelle das klimaschädliche CO2 zu nutzen. Ein solches Verfahren erproben im Pilotmaßstab seit 2011 Forscher des Chemiekonzerns Bayer in Leverkusen. Sie bekommen CO2 aus den Abgasen des nahe gelegenen RWE-Kraftwerks Niederaußem bei Köln geliefert. Mithilfe eines Katalysators können sie das sonst sehr reaktionsträge CO2 an eine andere chemische Substanz binden und daraus Polyurethan machen. Davon werden jährlich etwa 13 Millionen Tonnen verarbeitet – zu Bauschaum, Dämmplatten oder Matratzen.

Strom aus Müll

Grüner High-Tech für Stadt und Land
Schlafkapsel von Leap-Factory Quelle: PR
Prototyp eines wärmespeichernden Grills Quelle: PR
Mini-Windkraftwerk von MRT Wind Quelle: PR
Leuchtendes Kindle-Cover Quelle: PR
Selbstversorgende Insel in der Südsee Quelle: PR
Tomaten in einem Gewächshaus Quelle: dpa
Ein Schild mit der Aufschrift "Genfood" steckt in einer aufgeschnittenen Tomate neben einem Maiskolben Quelle: dpa/dpaweb

Sonnen-Sender

Das künftige Wachstum im Mobilfunkmarkt kommt aus den Entwicklungs- und Schwellenländern. Dort sind Handys mangels flächendeckender Festnetze oft die einzige Chance, global zu kommunizieren. Weil viele Sendemasten abseits der Stromversorgung stehen, werden sie meist von Dieselgeneratoren mit Energie versorgt. Um Spritbedarf und Umweltbelastung zu mindern, hat der Technologieriese Ericsson vor drei Jahren Basisstationen vorgestellt, die sich aus Solar- und Windstrom speisen. Heute bieten auch andere Hersteller ähnliche Technik an. Bis Ende 2012 will der Mobilfunkverband GSMA weltweit 118.000 Basisstationen mit erneuerbaren Energien betreiben.

Klima-Karte

Mit der Climate Credit Card können Kunden des Schweizer Klimaschutzunternehmens South Pole Carbon (SPC) Emissionen, die sie mit Einkäufen aller Art verursachen, automatisch ausgleichen. Ob Transatlantikflug, 50 Liter Superbenzin oder Milch im Supermarkt: In Kooperation mit dem Zahlungsdienstleister Cornèrcard berechnet SPC bei jedem Einsatz der Karte, wie viel klimaschädliche Emissionen mit dem Einkauf einhergehen – und kompensiert sie durch Investitionen in Klimaschutzprojekte, die mit dem weltweit anerkannten Gold Standard zertifiziert wurden. Darunter zwei moderne Windfarmen, die vor der australischen Nordostküste liegen. Diese ersetzen schmutzigen Kohlestrom und sparen massiv CO2-Emissionen ein. Außerdem schafft das Windprojekt Arbeitsplätze für die indigene Bevölkerung. Der Clou: Die Klima-Karte kostet den Kunden nichts extra. Die Kompensation wird mithilfe der anfallenden Kreditkartengebühr finanziert.

Doch das ist nur eins der neuesten Projekte der SPC.Das 2006 gegründete Unternehmen gehört zu den führenden Emissionsreduktionsspezialisten. Mit Vertretungen rund um den Globus entwickelt SPC in 20 Ländern Projekte, mit denen Unternehmen und Privatleute Treibhausgase kompensieren können.

Strom aus Müll

Das britische Startup Advanced Plasma Power (APP) erzeugt Strom aus Abfällen – indem es Müll gasifiziert: Die Anlage sortiert Glas, Metall und harte Kunststoffe zum Recycling aus, den Rest schreddert sie und transportiert ihn in den Ofen. Bei 6000 Grad wandelt sich der Müll zu Synthesegas. Damit erzeugt das Kraftwerk Wärme und Strom. Übrig bleibt ein steinartiges Material, sogenanntes Plasmarok, das sich zum Beispiel für den Straßenbau eignet. Deutschlands jährliche 37 Millionen Tonnen Privatmüll könnte diese Technik in Strom für 3,5 Millionen Haushalte und Wärme für 150.000 Haushalte verwandeln.

SAP für Ökos

Noch beraten die Brüsseler Experten. Doch es ist nur noch eine Frage von Monaten, bis die EU größeren Unternehmen die Veröffentlichung von Nachhaltigkeitsreports vorschreibt. Damit würde Pflicht, was mancher Konzern schon jetzt tut – teils aus eigener Einsicht, teils auf Druck der Investoren. Oft nutzen sie dafür eine Software, die die IT-Spezialisten Manfred Heil, Andre Borngräber und Michael Corty mit ihrem Startup WeSustain entwickelt haben.

Enterprise Sustainability Management, kurz ESM, heißt ihre Idee, per Software zu messen, wie nachhaltig Firmen auf verschiedenen Feldern arbeiten. Dazu werten sie 180 Indikatoren aus – vom CO2-Ausstoß bis zur Frauenquote in den Führungsetagen. Mit dieser Analyse können die Verantwortlichen kontrollieren, wie nachhaltig ihr Unternehmen operiert: „Was die SAP für die finanzielle Unternehmenssteuerung ist, wollen wir für Bewertung und Optimierung der Nachhaltigkeit werden“, sagt Heil. Er weiß, wovon er spricht: Bevor der heute 48-Jährige WeSustain gründete, verantwortete er viele Jahre große Softwareprojekte mit Geschäftskunden – bei SAP.

Vernetzte Bürogeräte

Welche Lampe sich wo eignet
Pusteblumen-OLED-Lampe Quelle: dpa
Osram Halopar 16 Quelle: Osram
Philips MyAmbiance Quelle: Philips
Philips MyAmbiance Quelle: Philips
Für den Dauereinsatz: Osram Parathom A80- LED (12 Watt, 45 Euro) - sehr sparsam, langlebig Quelle: Osram
IKEA Sparsam Quelle: Ikea
Osram Duluxstar Quelle: Osram

Grün bilanzieren

Für den Chef des japanischen Drucker- und Kamerakonzerns Ricoh, Shiro Kondo, steht fest: Wir brauchen ein Wirtschaftssystem, das nicht mehr Ressourcen verbraucht, als die Erde ersetzen kann. Dass die Menschheit die Naturschätze jährlich um 30 Prozent überstrapaziert, hält er für „selbstzerstörerisch“.

Seinem Unternehmen hat Kondo aus dieser Einsicht heraus ein höchst anspruchsvolles Ziel gesetzt: Bis 2050 sollen Herstellung, Nutzung und Ausrangieren der Ricoh-Produkte die Umwelt nur noch rund ein Zehntel so stark belasten wie 2005 – und zwar nachrechenbar. Damit wurde sein Unternehmen industrieweit zu einem Vorbild. Um die notwendige Transparenz herzustellen, erfassen die Japaner sämtliche Material- und Energieströme und analysieren sie systematisch nach Einsparpotenzialen und ökologischen Alternativen.

So ersetzten Bauteile auf Basis von Biokunststoffen solche aus Erdöl. In der Produktion wiederum reinigen die Japaner Walzen und Papierfächer mit Nanobläschen aus Ozon statt wie früher mit Wasser. Überdies haben sie eine spezielle Tinte entwickelt, die den typischen Strombedarf eines Druckers auf eine Kilowattstunde (kWh) in der Woche senkt. Laserdrucksysteme zum Beispiel verbrauchen zwei bis vier kWh. Zudem beraten die Ricoh-Experten Kunden, wie sie im Büroalltag mit weniger Papier und Toner auskommen. Ihre Lieferanten verpflichten sie, ebenfalls möglichst wenig schädliche Chemikalien einzusetzen. Die Münchner Nachhaltigkeits-Ratingagentur Oekom Research wertet Ricohs Maßnahmenkatalog wegen seiner Breite als weltweit vorbildlich. „Das ist der Maßstab für den Aufbau grüner Produktionskreisläufe“, lobt Oekom-Experte Philipp Rühle.

Einmalig ist dabei das Rücknahmesystem der Japaner. In Recyclingzentren zerlegen sie Altgeräte, reinigen sie, tauschen verschlissene Teile aus und verkaufen die aufgemöbelten Multifunktionsdrucker unter dem Label Greenline wieder. Sie sind praktisch wie neu, kosten aber gegenüber einem Neugerät rund die Hälfte. Und ihre Ökobilanz ist unschlagbar. Gerade einmal neun Kilogramm CO2-Ausstoß verursacht die Herstellung des Recyclingdruckers – gegenüber 88 Kilogramm bei einem Neugerät.

Sparen im Schwarm

In einem Konzern laufen Hunderttausende Computer, Drucker, Telefone, Faxgeräte und Kopierapparate. Was wäre, wenn sie sich alle zentral steuern und abschalten ließen? Genau das ermöglicht Josef Brunner mit seinem Münchner Startup Joulex: Der IT-Experte hat eine Software entwickelt, die Geräte über das firmeneigene Netzwerk abschaltet, wenn sie nicht in Gebrauch sind. Die Joulex-Software läuft heute weltweit in über 100 Großunternehmen.

Umwelt



Bei Cisco beispielsweise hat Brunner eine halbe Million Bürogeräte vernetzt. Der Effekt: Die Firmen reduzieren ihren Stromverbrauch um bis zu 60 Prozent. Würden alle Unternehmenscomputer in den USA auf diese Weise gesteuert, ließen sich laut PC Energy Report rund 2,8 Milliarden Dollar sparen.

Schüttel-Strom

Mitunter werden Katastrophen zu Katalysatoren der Innovation. Wie im Falle jener Taschenlampe, die der japanische Technologiekonzern Brother 2011 nach Erdbeben, Tsunami und Reaktorkatastrophe auf den Markt gebracht hat: Die schlichte Leuchte besitzt weder Batterie noch Generatorkurbel – und liefert doch quasi unbegrenzt Licht. Zumindest solange ihr Benutzer sich oder die Lampe bewegt, denn sie wandelt diese kinetische Energie in Strom um. Zwei bis drei Minuten Bewegung erzeugen genug Strom für eine Viertelstunde Licht.

Energy Harvesting – zu Deutsch Energieernte – nennen Fachleute diese Idee. Und an solchen Projekten arbeiten gerade viele: Künftig soll der aus Bewegung, Wärme oder sogar Schallwellen gewonnene Strom – vom Handy bis zum Herzschrittmacher – weite Teile von Industrie und Alltag erobern.

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