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Alternative Energien Google und Facebook starten die Öko-Offensive

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Server am Polarkreis

Schwefel liegt in der Luft, als Örn Orrason seinen Wagen auf die Schnellstraße nach Keflavik lenkt. Lava, die hier vor Tausenden Jahren floss und dann erkaltete, hat die Gegend rund um die isländische Hafenstadt in eine Mondlandschaft verwandelt. Und tief unter dem Gestein, das verrät der Geruch, brodelt noch immer ein Höllenfeuer aus den Urzeiten der Erdgeschichte.

Touristen lieben die Vulkanlandschaft, weil sie hier in heißen Quellen baden können, in der berühmten Blauen Lagune, und dabei einen Blick erhaschen in die feurige Vergangenheit der Insel. Orrason liebt sie, weil er in ihr Islands Zukunft sieht – eine Zukunft aus Siliziumchips, Glasfaserkabeln und Tausenden Festplatten. Lange hat Island nur Fisch exportiert. „Jetzt“, sagt Orrason, „exportieren wir Bits und Bytes.“

Das sind die größten Stromverbraucher weltweit

Der Isländer arbeitet bei Farice, einem Betreiber zweier Seekabel, die die Insel seit 2004 und 2009 mit Schottland, Dänemark und dem globalen Datennetz verbinden. So einsam das Vulkan-Eiland im Nordatlantik liegt – in letzter Zeit erhält Orrason oft Besuch von Firmenchefs, die seine Internet-Schnellstrecke nutzen möchten.

In der Branche spricht sich herum, dass nah am Polarkreis ideale Bedingungen herrschen, um energiehungrige Server aufzustellen. Selbst an heißen Sommertagen wird es nicht wärmer als 25 Grad. Die ganzjährig kalte Luft macht Klimaanlagen überflüssig. Die verbrauchen 40 Prozent des Stroms in einem Rechenzentrum. Gleichzeitig ist Ökostrom aus Wasserkraft und Erdwärme im Überfluss vorhanden.

Plötzlicher Boom

Die Nachbarn in Skandinavien erleben dank dieser Vorzüge schon einen IT-Boom: Google hat im finnischen Hamina ein Rechenzentrum gebaut, das mit Wasser aus der Ostsee gekühlt wird, und investiert nun weitere 600 Millionen Dollar in den Standort. Facebook errichtet im schwedischen Luleå am Polarkreis bereits seinen zweiten Serverpark. Microsoft zieht nach und stellt für 250 Millionen Dollar einen Cloud-Speicher in Finnland auf.

Auch Island entwickelt sich nun zu einem grünen Daten-Eldorado. Weil der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull vielen Geschäftskunden noch präsent ist, muss Kabelbetreiber Orrason sie vor allem von einem überzeugen: dass ihre Server nicht von Lava verschluckt oder von Erdbeben zerrüttet werden. Als ob im Silicon Valley keine Erdstöße drohten.

Vulkane hin oder her: Längst haben zahlreiche Unternehmen ihre Server in Island postiert, viele auf einem ehemaligen Militärgelände der Nato, in das Orrason nun mit seinem Wagen einbiegt. In Lagerhallen, groß wie Fußballfelder, hat das britische IT-Unternehmen Verne Global Ende 2011 eines der modernsten Datenzentren der Welt eröffnet – und eines der grünsten.

Auf dem Hof begrüßt Orrason den Deutschen Andreas Sturm. Der drahtige Netzwerkexperte betreut bei Verne Global das Geschäft im deutschsprachigen Raum. Sturm führt die Besucher durch mehrere Sicherheitsschleusen, hinein in eine Halle voller Serverschränke. Ventilatoren pressen kühle Außenluft durch die Schrankreihen, es brummt wie im Bienenstock.

„Die Computer hier brauchen fünf Megawatt elektrische Leistung“, sagt Sturm. So viel wie 6.000 Haushalte. Für Islands Energieversorger Landsvirkjun kein Problem. Dieses Jahr nimmt er ein neues Wasserkraftwerk mit 95 Megawatt Leistung in Betrieb. Der Strom kostet in Island für Industriekunden im Idealfall nur 3,2 Cent pro Kilowattstunde – in Deutschland 8,6 Cent.

Surfen wird schneller und billiger

Mehr als ein Dutzend Kunden nutzen Vernes Ökodatenzentrum. Etwa der Autobauer BMW, der hier die Aerodynamik seiner Fahrzeuge berechnet, Unfälle simuliert und das Design optimiert – und damit so viel CO2 spart, wie das Verbrennen von 1,5 Millionen Liter Benzin freisetzt. Und Climate Action, ein Klimaschutzprogramm der Vereinten Nationen, speichert seine E-Mails auf Verne-Servern.

In einem nahe gelegenen Serverpark des isländischen IT-Dienstleisters Advania hat der norwegische Web-Browser-Anbieter Opera Dutzende Server in zwei blauen Containern postiert. Ruft ein Handynutzer irgendwo in Europa oder Afrika eine Web-Seite auf, dann komprimieren die Computer auf Island sie zuvor auf ein Zehntel der Datenmenge. 1,4 Milliarden Web-Seiten rechnen die Opera-Computer auf Island pro Tag klein. Surfen im Netz wird so schneller und billiger.

Noch haben die beiden Datenleitungen zur Eis-Insel reichlich Platz, dem IT-Boom steht nichts entgegen. Aber wenn wieder Vulkane ausbrechen? „Die sind Hunderte Kilometer entfernt“, sagt Verne-Manager Sturm. „Und Asche in der Luft erkennen wir mit Laser-Sensoren.“ Dann schließen sich die Fenster – und ein Wärmetauscher kühlt die Luft für die Computer.

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