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Alternative Energien Google und Facebook starten die Öko-Offensive

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Wolke im Keller

Daten seien das neue Öl, heißt es oft sprichwörtlich, aber für Matthias Kutschmar hat dieser Satz eine handfeste Bedeutung. Der Kaffeeunternehmer hat in seinem neuen Einfamilienhaus am Stadtrand von Berlin eine ungewöhnliche Heizung installiert. Zwei brummende Stahlschränke, je zwei Meter hoch: Computerserver.

Die Schränke in Kutschmars Haus sind via Datenleitung mit dem Internet verbunden. Sie sind Teil einer Cloud, eines vernetzten Rechnerparks also. Aber zugleich geben sie ihre Hitze über einen Wärmetauscher an einen großen Wassertank ab. Mit dem Wasser kann Kutschmar auch an kalten Wintertagen das ganze Haus heizen und nebenbei ein heißes Bad nehmen. „Ich habe alles durchgerechnet“, sagt der 47-Jährige, „und das hier ist die preiswerteste Heizung, die ich auftreiben konnte.“

Die hat der Berliner beim Dresdner Start-up Cloud&Heat gekauft. Preis: 12.000 Euro. Dafür garantiert der Anbieter 15 Jahre genug Warmwasser und Heizleistung für den Bedarf einer Familie. Er zahlt auch den Strom, der zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammt, die Internet-Anbindung und die Wartung. „Um Öl- und Gaspreise“, sagt Ralf Knobloch, Technik-Chef bei Cloud&Heat, „machen sich unsere Kunden keine Gedanken mehr.“

Vor allem in gut isolierten Gebäuden mit Passivhaus-Standard spielt die Datenheizung ihre Stärken aus. Ein Serverschrank spart hier gegenüber Öl und Gas in 15 Jahren 30 Prozent Betriebskosten ein – sofern Heizöl jährlich fünf Prozent teurer wird.

Heizungs-Server sind um 60 Prozent günstiger

Auch die Cloud-Kunden sparen Geld: Die Server für den Heizungskeller sind im Vergleich zu zentralen Rechenzentren um 60 Prozent günstiger, da Klimatisierung, Umhausung und Bewachung weniger kosten. Wer versucht, sie gewaltsam zu öffnen, löst eine Zwangsabschaltung aus, die zugleich die virtuellen Schlüssel zu den Daten löscht. Manchen mag das nicht sicher genug sein. Aber mehrere Start-ups und Mittelständler haben Cloud&Heat ihre Informationen schon anvertraut.

Und was im kleinen Heizkeller funktioniert, klappt auch im großen Datenzentrum: Der Stockholmer Cloud-Anbieter ISP Bahnhof, bekannt geworden durch ein architektonisch spektakuläres Datenzentrum in einem alten Atombunker, hat bereits zwei seiner fünf Rechenfabriken an das Fernwärmenetz der schwedischen Hauptstadt angeschlossen – und kassiert sogar Geld dafür. „Die Hitze der Server hat uns immer Geld gekostet“, sagt Gustav Bergquist, Cloud-Chef bei ISP Bahnhof. „Jetzt beschert sie uns Einnahmen.“

Umwelt



Nach spätestens fünf Jahren soll sich die Investition bezahlt machen. Seine nächsten Datenzentren will ISP Bahnhof von Grund auf für die optimale Nutzung der Wärme konzipieren – und damit einen neuen Effizienzrekord erreichen.

Algen züchten

Seit in der schwedischen Kleinstadt Växjö ein Datenzentrum den Betrieb aufgenommen hat, ist das ganze Jahr über Fußballsaison. Denn die Abwärme der Rechner fließt in einen Wasserkreislauf direkt unter ein Rasenfeld und hält es frei von Schnee.

Energiekreisläufe, wie die Schweden sie nutzen, will auch Oliver Fronk anzapfen – und für die Landwirtschaft einsetzen. Der Datenzentren-Spezialist des IT-Dienstleisters Prior1 in St. Augustin bei Bonn hat ein preisgekröntes Konzept mit entwickelt, das die Wärme von Servern in Hochhausfarmen speist.

Dort heizen die Rechner Treibhäuser, in denen Gemüse wächst; sie wärmen Zuchttanks für Fische; und sie spenden Reaktoren Energie, in denen Algen gedeihen – der Rohstoff der Zukunft für Biogas, Kosmetika, Tiernahrung und Medikamente.

Schon in drei bis vier Jahren, glaubt Fronk, könnten solche Server- und Algenfarmen den Betrieb aufnehmen. Und sie wären dann buchstäblich grüne Datenzentren.

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