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Erst denken, dann googlen: Ein als Jesus verkleideter Demonstrant ermahnt die Menschen an ihre Verantwortung für den Klimaschutz - mit einer klaren Botschaft auf seinem Pappschild 

Mit Künstlicher Intelligenz das Klima retten

Künstliche Intelligenz verbraucht Unmengen an Energie. Tendenz steigend. Kann die Technologie trotzdem dabei helfen, den Klimawandel aufzuhalten?

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Wenn Christiano Ronaldo ein Foto für seine 199,2 Millionen Instagram-Follower postet, verbraucht er 30 Megawattstunden Energie. Das entspricht dem Energieverbrauch von sechs deutschen Großfamilienhaushalten pro Jahr.

Und Forscher, die weitaus komplexere Sachen am Rechner machen, verbrauchen sogar noch größere Mengen Strom: Mitarbeitern des Unternehmens OpenAI in San Francisco haben Ende des vergangenen Jahres einen Algorithmus entwickelt, der durch Ausprobieren lernt, wie man die Teile eines Zauberwürfels mit einer Roboterhand manipuliert. Dafür waren tausend Desktop-Computer und ein Dutzend Computer mit speziellen Grafikchips im Einsatz. Über mehrere Monate hinweg haben sie intensive Berechnungen durchgeführt. Der Energieverbrauch des Experiments lag bei etwa 2,8 Gigawattstunden, das entspricht in etwa der Leistung von drei Kernkraftwerken pro Stunde. Zu dieser Schätzung kommt Evan Sparks, CEO des Start-ups Determined AI, das Software zur Verwaltung von KI-Projekten bereitstellt.

Künstliche Intelligenz (KI) frisst also Unmengen an Energie. Und je häufiger sie im Einsatz ist, desto mehr müssen wir uns fragen, welchen Preis wir bereit sind dafür zu zahlen: Weltweit verbrauchen Rechenzentren nach einer Schätzung des US Energieministeriums etwa 200 Terawattstunden Strom pro Jahr – mehr also als ganze Länder. Manche Prognosen gehen davon aus, dass die Computer- und Kommunikationstechnologie bis 2030 zwischen acht und 20 Prozent des weltweiten Stroms verbrauchen wird. Ein Drittel davon entfällt auf Rechenzentren.

Googlen und posten und navigieren wir uns also in die Klimakatastrophe? Oder ist es nicht vielmehr so, dass Künstliche Intelligenz ein Teil der Lösung unserer ökologischen Probleme wird?

IT-Konzerne müssen transparenter werden

Länder wie die Schweiz setzen auf die optimistischere Variante. Dort geht man davon aus, dass Rechenzentren sogar bis zu 50 Prozent des gesamten Energieverbrauchs des Landes ausmachen könnten. Daher arbeitet die Schweiz mit Nachdruck an Effizienzstandards und daran, die Server vor allem mit erneuerbaren Energien zu füttern. Angesichts des schnellen Datenwachstums ist das die einzig vernünftige Lösung. Bis 2025 soll es laut Prognosen 25 Milliarden verbundene Geräte auf der Welt geben. Und damit wird die Datenflut immer größer.

Ein erster Schritt zu mehr Klimaschutz ist Transparenz: Unternehmen sollten dringend Standards für Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit – analog zu Rechnungslegungsstandards – einführen. Mit Hilfe von Tools wie dem Machine Learning Emissions Calculator lassen sich die CO2-Fußabdrücke von Algorithmen zum Beispiel grob berechnen. Chiphersteller wie Nvidia und Qualcomm investieren in die Produktion energieeffizienter Chipset-Architekturen. Damit ließe sich die Energieeffizienz erheblich steigern.

Große Player wie Google sprechen zwar ständig davon, nur Strom aus erneuerbaren Energien zu beziehen und die Energieeffizienz mit Hilfe von KI-Anwendungen zu steigern. Aber das Unternehmen weigert sich, den Energieverbrauch transparent zu machen. Das muss sich ändern.

Denn nur so können wir die mannigfaltigen Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz für den Umweltschutz nutzen – ohne zu riskieren, dass der Effekt durch einen allzu großen CO2-Abdruck verpufft. Mit Hilfe von Sensoren können zum Beispiel intelligente Bewässerungssysteme installiert, der Wasserverbrauch gesenkt und die Ernten gesteigert werden. Das World Economic Forum listet in seiner aktuellen Studie „Fourth Industrial Revolution for the Earth“ mehr als 80 Möglichkeiten auf, wie KI nachhaltig eingesetzt werden kann. Auch das Bundesumweltministerium sieht in KI ein wichtiges Instrument im Kampf gegen den Klimawandel und hat seine Förderinitiative „KI-Leuchttürme für Umwelt, Klima, Natur und Ressourcen“ im Jahr 2020 um 20 Millionen auf rund 45 Millionen Euro aufgestockt.

So sehr Sensoren auch dazu beitragen können, unser Klima zu schützen, sie sammeln auch eine Menge Daten, die keiner wirklich braucht – und die dennoch wertvolle Ressourcen verbrauchen. Die Frage, welche Daten wir wirklich produzieren und sammeln wollen, ist auch eine ökologische. Den Geburtstag der Lebensgefährtin oder des Partners muss man vielleicht nicht jedes Jahr wieder über eine Facebook-Recherche herausfinden. Umgekehrt geht die Welt sicher auch nicht unter, wenn Forscher auf das eine oder andere Zauberwürfel-Experiment verzichten.

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