Deutsche Umwelthilfe Elektroschrott-Rücknahme funktioniert nicht

Elektroschrott hat weder im Restmüll noch in der Gelben Tonne etwas verloren. Seit einem Monat müssen ihn viele größere Geschäfte zurücknehmen - und das ohne Kassenzettel. Doch dabei hakt es noch gewaltig.

Ein ausgedienter Staubsauger steht unsachgemäß entsorgt auf einem Gehweg. Quelle: dpa

Der Föhn streikt, der Toaster bleibt kalt, mit dem Uralt-Handy ist nichts mehr anzufangen. Seit einem Monat gilt: Die Deutschen dürfen ihre ausgedienten Elektrogeräte beim Händler abgeben - vorausgesetzt, das Geschäft hat 400 Quadratmeter Verkaufsfläche für Elektrogeräte. Verbraucherschützer ziehen eine erste Bilanz, die nicht gerade glänzend ausfällt.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat 45 Unternehmen getestet und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Händler: „Die Mehrheit informiert die Verbraucher nicht oder fehlerhaft, erschwert die Rückgabe alter Geräte durch zusätzliche Kosten, lange Wartezeiten und einen hohen Packaufwand oder nimmt sie gar nicht zurück.“ Gegen Ikea und Amazon geht die DUH bereits vor, beide Unternehmen weisen die Vorwürfe zurück.

Auch bei der Verbraucherzentale Nordrhein-Westfalen sind schon Beschwerden eingegangen. Zum Beispiel habe jemand eine Waschmaschine bestellt und der Lieferdienst habe das alte Gerät nicht mitnehmen wollen, sagt Umwelt-Experte Philip Heldt. Andere Beschwerden seien nicht berechtigt gewesen, etwa weil das Geschäft zu klein und damit nicht zur Rücknahme verpflichtet gewesen sei.

Wenn der Paketdienst den Elektroschrott schluckt
Was ist neu?Ausgediente kleine Elektrogeräte müssen ab dem 25. Juli auch von Online-Händlern zurückgenommen werden – kostenlos und ohne Kassenbon. Dann greift auch für sie ein Gesetz, das für mehr Recycling sorgen und die Umwelt entlasten soll. Für den stationären Einzelhandel gilt das Gesetz auch – aber viele Geschäfte nahmen Elektrogeräte sowieso schon freiwillig zurück. Zum Beispiel, um neue Kunden zu gewinnen. Quelle: dpa
Wie läuft die neue Rückgabemöglichkeit in der Praxis ab?Dienstleister helfen den Händlern, die Rücknahme zu organisieren. Etwa European Recycling Plattform (ERP): Altgeräte bis 31,5 Kilogramm und Kantenlängen von höchstens 120 mal 60 mal 60 Zentimetern können bei mehr als 50 000 Filialen eines Paketdienstes kostenlos abgegeben werden. Dafür stellt der Online-Händler im Internet einen Link zur Verfügung, über den die Verbraucher den nötigen Paketaufkleber ausdrucken. Für alles Größere und Schwerere gebe es „individuelle Abhol- und Entsorgungslösungen“. Auch der Anbieter WEEE Return bietet Abgabe- und Versandstellen an. Für die Kunden ist es letztlich wohl nicht so wichtig, mit wem sein Händler zusammenarbeitet. Quelle: dpa
Wie kann man Elektroschrott sonst noch loswerden?Üblich sind die kommunalen Sammelstellen, oft Wertstoffhof genannt. Der Einzelhandel muss Altgeräte auch zurücknehmen - kleinere einfach so, größere dann, wenn ein neues Gerät gekauft wird. Einen Kassenbon muss man dazu nicht mitbringen. Aber auch Entsorgungsfachbetriebe sind in dem Kreislauf dabei, sie bieten teils sogar Prämien für die Rückgabe an und holen größere Mengen Elektroschrott auch direkt aus Unternehmen ab. Quelle: dpa
Warum soll der Elektroschrott nicht einfach im Müll landen?Um die Umwelt zu schützen und Ressourcen zu schonen. Beispiel Kühlschrank: Da muss ein Gemisch aus Kühlmittel und Öl abgesaugt werden. In alten Geräten steckt oft auch noch das klimaschädliche Gas FCKW. Handys, Computer und Co. enthalten zudem wertvolle Metalle wie Gold, Kupfer und Silber – und Fachbetriebe holen sie aus Bauteilen wieder heraus. Die Firma Robert Doormann aus Hannover etwa berichtet, dass für nur ein Gramm Gold in afrikanischen Minen rund zwei Tonnen Gestein aus großer Tiefe gefördert und aufbereitet werden müssen. Alternativ lasse sich das mit etwa fünf ausgedienten PCs erreichen. Quelle: ZB
Steckt da auch ein Geschäft dahinter?Klar, das lohnt sich. Doormann zufolge ist Wiederverwertung „eine ernstzunehmende Alternative und Ergänzung zur bergmännischen Förderung“ der Metalle. Die Industrie setzt heute laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe sogar schon High-Tech-Textilien ein, die wertvolle Materialien in Staubkorngröße aus den Abwässern der Fabriken filtern. Quelle: obs
Welcher Grundgedanke steht dahinter?Die sogenannte erweiterte Herstellerverantwortung geht auf die 1990er Jahre zurück. Schon damals brachte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ein Konzept auf den Weg, bei dem die Hersteller für Produkte zuständig sind bis zum Lebensende – also bis zur Entsorgung oder Wiederverwertung. Diese Bürde sollten nicht länger Verbraucher oder Staaten tragen müssen. Ausrangierte Rasierer, Bohrmaschinen, Computermäuse und so weiter einfach in den Restmüll zu werfen, ist schon seit 2006 verboten. In die Wertstofftonne gehört Elektroschrott übrigens auch nicht. Quelle: dpa
Bringt die Neuerung einen großen Schub für das Recycling?Die Branche zweifelt. „Wir halten das Gesetz für unsinnig, weil wir glauben, dass es einen Zusatznutzen nur in homöopathischen Dosen bringt“, sagt der Chef des Bundesverbandes E-Commerce und Versandhandel, Christoph Wenk-Fischer. Denn nach wie vor nähmen ja auch die zumindest in größeren Städten oft nahen Recyclinghöfe Altgeräte an. Quelle: dpa

Und die andere Seite? Der Handel selbst sieht kein Problem. Etwa 9000 größere Geschäfte nähmen schon seit Jahren freiwillig Elektrogeräte zurück, als Service für die Kunden, sagt Kai Falk vom Handelsverband Deutschland (HDE). Daher sei eine Veränderung nach so kurzer Zeit auch schwer messbar. „Die Unternehmen werden aber die Rückgabemöglichkeiten ausbauen und noch stärker bei ihren Kunden bewerben.“

Zurücknehmen müssen Händler kleine Geräte bis 25 Zentimeter Kantenlänge auch ohne einen Neukauf. Für größere Waren gilt der sogenannte 1:1-Umtausch - der Kunde kauft eine Spülmaschine und gibt die alte zurück.

Vor allem Online-Händler hatten das neue Elektro-Gesetz kritisiert, da bei ihnen statt der Verkaufsfläche die Regalfläche entscheidet, ob sie Elektroschrott annehmen müssen. „Es herrscht weiter höchstes Unverständnis über das Gesetz, wer betroffen ist, wie man reagieren, was man anbieten muss“, sagt der Präsident des Bundesverbands Onlinehandel, Oliver Prothmann. Problematisch seien die kleinen Geräte: „Hier soll sich plötzlich ein Händler mit Produkten beschäftigen, die er selber teilweise nicht verkauft.“

So können Sie Ihren Elektromüll bei Online-Händlern entsorgen

Schlechte Noten für den Handel gibt es auch von den Recycling-Unternehmen. Die neue Gesetzgebung werde vom Handel und Online-Handel „weitgehend ignoriert“, kritisiert der Präsident des Branchenverbandes BDE, Peter Kurth. Anzeigen und Verfahren würden daher zunehmen. „Viele Händler wollen anscheinend erst einmal abwarten, ob die Verpflichtung überhaupt kontrolliert wird.“

Ziel des Gesetztes ist es, die Sammelquote für Elektroschrott zu erhöhen. Die jüngsten Zahlen des Umweltministeriums sind von 2013, da lag die Quote bei 43 Prozent. Eine EU-Richtlinie sieht vor, dass es 2019 schon 65 Prozent sein sollen. Kommt denn schon mehr an bei den Recycling-Firmen? Das sei nach so kurzer Zeit noch nicht festzustellen, sagt Klaus Müller, Vizepräsident des Bundesverbands für Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE).

Die Umwelthilfe fordert den Handel auf, besser zu informieren und sich ans Gesetz zu halten, kritisiert aber auch das Gesetz an sich - vor allem die Regelung mit den 400 Quadratmetern: „Der Kunde müsste nun mit einem Maßband das Ladengeschäft vermessen, um sein Rückgaberecht durchzusetzen.“

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