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Düngeverordnung Gülle, der unterschätzte Rohstoff

Deutsche Landwirte kämpfen gegen eine neue Düngeverordnung, die für sie höchst problematisch ist. Quelle: dpa

Die deutschen Bauern kämpfen gegen eine neue Düngeverordnung. Dabei könnte die Neuregelung Innovationen fördern – und damit letztlich den Bauern nützen.

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Die große Protestaktion der deutschen Landwirte wurde prompt erhört: Nur wenige Tagen nach der Demonstration in Berlin luden Bundeskanzlerin Angela Merkel und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (beide CDU) nun zum großen Agrargipfel. Viele Punkte haben die Bauern im Kanzleramt vorgebracht, ihren Frust darüber, als Sündenbock für viele Umweltschäden herhalten zu müssen, oder die Absurdität des nahenden Glyphosat-Verbots ohne wirksame Alternativen. Akut aber ging es ihnen vor allem um einen Punkt: die neue Düngeverordnung. Die soll bereits im April des kommenden Jahres in Kraft treten und würde die Ausbringung von Gülle auf den Feldern stark einschränken.

Der umwelt- und gesundheitspolitische Nutzen ist unmittelbar einleuchtend: Deutschland überschreitet die EU-Grenzwerte für Nitrat an vielen Messstellen vor allem im Norden des Landes seit Jahren – und das deutlich. Zwar kann man nun darüber diskutieren, ob die nun gewählten Einschränkungen zu pauschal ausfallen. Dass sie prinzipiell notwendig sind, stellt kaum einer infrage.

Für die Landwirte ist die Verordnung dennoch höchst problematisch. Und das aus einem ganz simplen Grund: Sie wissen einfach nicht, wohin mit all der Gülle. Gerade in Regionen, wo in großem Maßstab Tierzucht stattfindet, entsteht deutlich mehr Gülle, als der örtliche Boden aufnehmen kann. Zunächst wird die Düngeverordnung deshalb die ökologisch abstruse Wirkung haben, dass Gülle überregional und international exportiert werden muss, also mit viel Aufwand in der Gegend herumgefahren wird.

Das aber ist teuer. Und so dürfte sich mancher Bauer schon bald fragen, ob es da nicht Alternativen gibt. Gibt es. Denn während die Landwirtschaftsverbände noch für die Bewahrung ihrer Routinen kämpfen, forschen Entsorgungskonzerne und Universitäten seit Jahren an aussichtsreichen Projekten für die Nährstoffgewinnung aus Reststoffen wie etwa Gülle.

Ziemlich naheliegend ist ein erster Schritt der Weiterverwendung: Gülle besteht zu 90 Prozent aus Wasser. Unter den restlichen 10 Prozent sind neben unverdaulichen Futterresten und Pflanzenfasern auch Stickstoff und Phosphor, die zwei bedeutendsten Pflanzennährstoffe. Allein ihretwegen ist die Düngung mit Gülle in Maßen sehr wirksam.

Wie sich aus überschüssiger Gülle diese Nährstoffe extrahieren lassen, zeigt etwa ein Projekt des Fraunhofer-Instituts für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart. Dabei wird die Gülle zunächst in seine flüssigen und seine festen Bestandteile aufgeteilt. Aus dem flüssigen Teil wird dann mittels eines sogenannten Fällungsreaktors zunächst der Phosphor gelöst. Danach wird der flüssige Teil durch eine Membranzelle geleitet, wobei sich der Stickstoff in Form von Ammoniak löst. Beides kann anschließend als Dünger eingesetzt werden. Der feste Teil wird getrocknet, wobei die Mikroorganismen zerstört werden. Anschließend wird er unter Luftabschluss erhitzt und so in organische Biokohle umgewandelt. Die kann wiederum als Energieträger dienen. Alles in allem lassen sich so aus 50 Kilogramm Schweinegülle 500 Gramm Phosphatdünger, 500 Gramm Stickstoffdünger und 900 Gramm Biokohle gewinnen.

Am Ende des Prozesses bleibt lediglich ein Stoff zurück: Wasser, das nur noch Spuren von Phosphor und Stickstoff enthält sowie reich an Kalium ist, weshalb es sich sehr gut für die Bewässerung eignet.

Wer diesen chemischen Vorgang kennt, fragt sich, warum er nicht längst zum Einsatz kommt. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Er ist zu teuer. Genau an dieser Stelle aber kommt die Düngeverordnung ins Spiel. Denn sie wird die Kosten der Gülleentsorgung steigen lassen. Das wird für die Bauern kurzfristig sicher teuer werden und sich dann auch entsprechend auf die Preise auswirken. Welche Folgen es mittelfristig aber haben könnte, das lässt sich gerade in einem verwandten Feld beobachten, nämlich bei der Entsorgung von Klärschlamm. Da auch der – in viel geringerem Maße als Gülle – Stickstoff und Phosphor enthält, durfte er jahrzehntelang zusammen mit der Gülle auf die Felder gekippt werden. Das aber wird bald verboten. Und so sind die Preise für die Entsorgung des Klärschlamms allein innerhalb der vergangenen Monate drastisch gestiegen. Mit einer interessanten Folge: Bundesweit entstehen nun Verbrennungsanlagen für Klärschlamm, die aus der vermeintlich nutzlosen Brühe Energie machen. Und nicht nur das: Auch die ersten Anlagen zur Rückgewinnung des Phosphors sind bereits in der Planung.

Ganz abgesehen davon, dass sich in diesen Anlagen zum Teil auch Gülle verarbeiten lässt, macht die Entwicklung beim Klärschlamm vor, was bei Gülle auch funktionieren könnte: Durch neue Umweltauflagen steigen erst die Kosten – dann aber entwickelt sich ein neuer Markt. In dem würden auch die Geschäftsmodelle der Bauern wieder funktionieren. Besser noch, vom Sündenbock, der die Grundwässer vergiftet, würden sie auch mit ihren Abwässern zu dem, was sie anderswo längst sind: die Lieferanten wertvoller Rohstoffe.

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