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Energie Gas ist das neue Öl

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Dank neuer Technologie entsteht ein Weltmarkt für Gas

Gas statt Öl - Auf Maasvlakte, eine künstliche Insel im Hafen Rotterdams, entsteht ein Verarbeitungsterminal, das Erdgas für den Transport verflüssigt Quelle: dpa

Der Energieträger Gas hat viele Konkurrenten, und die drängen sich ausgerechnet dort ins Bild, wo Westeuropas Hoffnung auf ein goldenes Erdgaszeitalter Gestalt annehmen soll: auf der künstlichen Insel Maasvlakte am westlichen Ende des riesigen Rotterdamer Hafens. Öltanker ziehen vorbei, Windräder nutzen die Nordseebrise, ein Steinkohlekraftwerk beherrscht die Silhouette am Ufer. Die Zukunft aber soll hier dem Erdgas gehören – genauer: verflüssigtem Erdgas, „Liquefied Natural Gas“ (LNG), für das die Niederländer ein riesiges Verarbeitungsterminal gebaut haben.

Erdgas hat einen immensen Vorteil: Sobald es verflüssigt ist, wird es gut transportabel. Denn durch die Umwandlung schrumpft das Volumen des Rohstoffs auf ein Sechshundertstel. Das geschieht, wenn das Gas in speziellen Anlagen auf mindestens minus 161 Grad abgekühlt wird. Das entsprechende Verfahren ist zwar seit mehr als einem Jahrhundert bekannt. Doch erst ein Technologieschub in den vergangenen Jahren hat den Prozess erheblich verfeinert und verbilligt.

Erst durch LNG sei der Gasmarkt „zu einem Weltmarkt geworden“, sagt E.On-Ruhrgas-Chef Klaus Schäfer. „Jetzt stehen alle Kontinente miteinander im Wettbewerb.“ Wurde früher Erdgas aus Texas nur in Nordamerika verkauft, sibirisches Gas in Pipelines nach Europa transportiert, kann der Energieträger jetzt mit dem Schiff quer durch die Welt dorthin gelangen, wo er am meisten Geld bringt. Und so bauen Häfen in aller Welt neue LNG-Terminals, um sich auf die geänderte Situation einzustellen.

Flüssige Fracht aus Afrika

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    Rotterdam zum Beispiel. Vor gut einem Jahr ging hier der erste Gastanker probeweise vor Anker; im vergangenen Herbst durfte Königin Beatrix der Niederlande das LNG-Terminal offiziell einweihen. Mitte Juli empfing der LNG-Hafen die bisher größte Lieferung: Der Tanker „LNG Port Harcourt“ legte mit einer Ladung an, die ausreichen soll, 40.000 Haushalte ein Jahr mit Gas zu versorgen. Der niederländische Versorger Eneco lässt die flüssige Fracht aus Afrika in Gas zurückverwandeln („regasifizieren“) – auch auf Maasvlakte – und speist sie ins niederländische Gasnetz ein.

    Verborgener Schatz

    E.On Ruhrgas – mit fünf Prozent an dem LNG-Terminal in Rotterdam beteiligt – rechnet langfristig mit einer Gesamtkapazität des Terminals von zwölf Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich oder 130 großen Tankschiffen mit LNG pro Jahr. Experten schätzen, dass der LNG-Anteil an der europäischen Gasversorgung 2030 bei 30 Prozent liegen könnte.

    Denn eine wachsende Zahl von Erdgasproduzenten hat gar nicht die Möglichkeit, ihr Gas über eine Pipeline zum Kunden zu transportieren. Unter anderem sind das die Erdgasförderer in Nordamerika, die dank neuer LNG-Terminals bald zu Exporteuren werden. Zum anderen ist es das reiche Katar am Persischen Golf, das riesige konventionelle Erdgasblasen erschließt und ebenfalls auf flüssigen Export setzt. Eigentlich hatte das Emirat den US-Markt ins Auge gefasst. Doch dann fanden die Amerikaner Wege, ihre eigenen Gasreserven zu fördern. Also lenkte Katar seine Schiffe vor allem nach Japan. Dort ist die Nachfrage nach Gas kräftig gestiegen, weil die Energieversorger ihre nach dem Fukushima-Unglück abgeschalteten Atommeiler teils durch Gaskraftwerke ersetzt haben.

    Weltweit sinkende Preise

    Die Trennung der Märkte in der Vergangenheit erklärt, warum sich die Preise für Erdgas bislang auf den einzelnen Kontinenten oft in verschiedene Richtungen bewegten: In Westeuropa entwickelte sich der Preis in aller Regel parallel zum Weltmarktpreis für Rohöl. Doch damit ist es künftig vorbei: Denn das Erdgas von dem Schiff „LNG Port Harcourt“ hat Versorger Eneco am Londoner Spotmarkt, einer Art Gasbörse, erworben. Erdgas wird damit zum normalen Wirtschaftsgut.

    Wohin sich der Preis entwickelt? Aktuell kostet Erdgas am Londoner Spotmarkt etwas mehr als acht Dollar für eine Million BTU, rund fünf Dollar mehr als in den USA. Experten erwarten daher „viel Spielraum nach unten“.

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