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Energie-Streitgespräch "Rückkehr zur rationalen Energiepolitik"

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Einige hundert Auszubildende Quelle: AP

Also eine Verstaatlichung der Netze?

Kemfert: Nein, aber eine bessere Regulierung. Es muss möglich werden, zur Not Investitionen in die Netze anordnen zu können.

Frondel: Das wäre ein Rückfall in alte Monopolzeiten.

Kemfert: Keineswegs. Es ist ein Instrument, um einen nicht funktionierenden Markt zu regeln. Und dafür brauchen wir eine Aufsichtsinstanz, mächtiger als die Bundesnetzagentur, die derzeit den Markt reguliert.

Wenn die traditionellen Kraftwerke länger laufen, zementiert das eine Marktstruktur, die gerade dabei ist, aufzubrechen. Konzerne wie E.On, RWE, EnBW und Vattenfall sehen sich neuerdings mit mittelständischen Unternehmen und kleinen Stadtwerken als Wettbewerber konfrontiert.

Frondel: Zunächst einmal geht es um den Verbraucher. Und wenn wir mit einer Laufzeitverlängerung die Stromkosten dämpfen können, dann ist das volkswirtschaftlich der richtige Weg.

Kemfert: Die neuen Anbieter haben den Markt längst verändert. Eigentlich ist es doch umgekehrt: Wenn wir die vom Netz gehenden Kohlekraftwerke durch neue ersetzen und die Kernkraftwerke abschalten, dann haben wir die alte Struktur für Jahrzehnte zementiert. Anders sieht es aus, wenn wir die AKW-Laufzeiten verlängern und statt der abgeschalteten Kohlekraftwerke grüne Stromproduzenten an den Start gehen.

Die deutschen Strompreise sind europaweit die zweithöchsten. Würde sich eine Laufzeitverlängerung auf die Preise auswirken? 

Frondel: Die Stromrechnung würde künftig weniger stark steigen, weil die Preise von CO2-Emissionszertifikaten um etwa zehn Prozent geringer ausfallen würden. Der Grund ist, dass das europaweite CO2-Ziel durch den Weiterbetrieb der deutschen Atomkraftwerke leichter eingehalten würde.

Kemfert: Und wenn wir die Laufzeiten nicht verlängern, steigen die Preise, weil die Investitionen in neue Kohlekraftwerke auf den Strompreis umgelegt werden.

Klimaschutz ist längst ein Wettbewerbsfaktor

Die Preise sind auch wegen der monopolistischen Strukturen des Marktes hoch. Wie kann man die aufbrechen?

Frondel: Die Betreiber von konventionellen Kraftwerken könnten durch das Kartellamt gezwungen werden, einige ihrer Kraftwerke zu verkaufen, an Stadtwerke zum Beispiel.

Angenommen, die Kraftwerke würden weiterlaufen, müssten wir uns dann von Klimaschutzzielen verabschieden? 

Frondel: Absolut nicht. Dagegen würde das Abschalten der Atomkraftwerke keine Tonne CO2 zusätzlich sparen. Im Übrigen ist für mich das Ziel der Regierung, bis 2020 den CO2-Ausstoß gegenüber 1990 um 40 Prozent zu verringern, allenfalls von symbolischem Wert. Das Ziel ist sogar, wie Studien des wissenschaftlichen Beirats des Finanzministeriums belegen, äußerst fragwürdig: Im Klimaschutz eine Vorreiterrolle einzunehmen ist danach eher kontraproduktiv.

Kemfert: Klimaschutz, Herr Kollege, ist längst ein wichtiger Wettbewerbsfaktor für die Unternehmen. Sie exportieren immer mehr grüne Technologien. Nicht nur aus dem Energiesektor, auch Effizienztechnologien, Lösungen für intelligente Stromnetze, Mobilität, und Wasseraufbereitung sind weltweit gefragt. Mittlerweile haben Konzerne wie Siemens und Bosch ihre Strategie auf grüne Märkte umgestellt.

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) glaubt, dass 2050 sämtliche Energie in Deutschland aus regenerativen Quellen stammen kann. Ist das Träumerei?

Frondel: Ich halte das für wirtschaftlich und technisch nicht vorstellbar.

Kemfert: Der SRU nimmt an, dass wir dann europäische Netze haben und überschüssige Energie in norwegischen Pumpspeichern lagern. Das könnte gehen. Was nicht geht, ist die 100-prozentige Versorgung Deutschlands mit allein hier produziertem grünem Strom bis 2050.

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